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Geschichten
Erzählungen,
Fabeln, Märchen und Parabeln
von Wolf-Alexander Melhorn
Begegnung
Über das plötzliche Erkennen - eine Erzählung
Die
Steine Über den gierigen Umgang mit Werten - eine Fabel
Die Insel
Über Hoffnung in der Aussichtslosigkeit - eine Erzählung
Das Abteil Über Hoffen im Ausgeliefertsein - eine Erzählung
Das Kreuz
Über Sterblichkeiten im Krieg - eine Erzählung
Der
Wagen Über Wichtigkeiten letzter Augenblicke - eine Erzählung
Familienbande
Über familiäre Rücksichtslosigkeiten- eine Fabel
Das
Fragespiel Über das Selbstverständnis von Männlichkeit
- eine Erzählung'
Der Bewerber Über die Bereitschaft– eine Erzählung
Der Helfer Über die Bereitschaft, belogen zu werden - eine
Erzählung
Der Zuhörer Über gefallsüchtiges Verhalten - eine
Erzählung
Die
Burg Wie ein König zu sich selber fand- ein Märchen
Letzte Tage
Über schicksalhafte Ausweglosigkeit - eine Erzählung
Frau, Kind und Einer Über eine Begegnung im Krieg - eine Erzählung
Der Alte
Über Männertun im Krieg - eine Erzählung
Die Straße Über ein gerissenes Schaf - eine Erzählung
Hoffnungen
Über Hoffen und Erleben - eine Erzählung
Leidenschaften
Über Grenzen einer Beziehung - eine Erzählung
Die Eisfee Über die Selbstfindung einer Einsamen - ein Märchen
Der Besucher
- Über ein Selbstgespräch mit einem Fremden - eine Parabel
Der Wunsch Über die Menschwerdung einer Weiblichkeit - eine
Fabel ----- Veröffentlicht
in der Anthologie des
Richmond- Verlages über das Reich der Elfen, Monster, Zwerge und anderen,
noch zu erfindenden Welten."Die Sonne ist grün"
Die
Verwandlung - eine Parabel
Der
Morgen Über Sinnlichkeiten
eines Morgens - eine Parabel
Der Wunsch
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über die Menschwerdung einer Weiblichkeit – eine Fabel
Nur selten schwebte Lächeln über ihr Gesicht,
denn drängende Gedanken
formten dem die Züge.
So hieß er sie,
vor ihn zu kommen!
Da saß
sie nun.
Im Zweifel,
ob sie die Wahrheit wagen dürfe.
Erst als
er sie ermunterte,
brach es danach aus ihr heraus:
Wie einsam sie als Nixe sei...
mehr Abbild,
denn ein Teil des Lebens...
und dass sich so
das Sein vor ihr verberge...
Es gäbe sicherlich doch mehr!
Was tun,
im Leben!
Nicht zeitlos nur das Schöne sein!
Ihm war die Macht gegeben,
selbst Lebensziele umzustecken.
Er sah sie daher lange an,
der große Geist des Wassers.
Ihm war
bewusst,
es hatte sich zwar eine Form gesprengt,
dass Neues sich erschaffen möge,
doch blieb die Antwort offen,
wie dies auch zu vollenden sei!
Hier saß ein Nixlein,
- inmitten seiner Fragen! -
erhitzt,
weil es sich ausgesprochen
und doch,
- ganz Teil von dieser Weiblichkeit! -
auch bedacht,
ihm gleich den Weg zu zeigen,
den die Gedanken nehmen mögen,
- wobei es brav zu Boden blickte
und dann bescheiden sagte:
„ Als Fisch hingegen, großer Geist ...“
Der Weise
schmunzelte für sich.
Sieh an, das kecke Wesen!
Das andre war nur Vorspiel,
für diesen einen, halben Satz!
Der große
Geist des Wassers
ging derlei Fragen redlich an.
War ihm doch auch zur Pflicht gemacht,
dem Leben Ziel zu weisen!
Was nicht bedeutet,
auch den Weg,
der gradewegs zu diesem führt.
Natürlich
war ihm wohl bewusst,
wie mutig dies Geschöpfchen war,
das überhaupt zu wollen,
anstatt erduldend auszuleben,
was scheinbar ihm vorherbestimmt.
Doch durfte Anerkennung
nicht in falsche Schlüsse führen,
denn Wollen ist nur erster Schritt!
Nicht vorschnell
galt es daher zu entscheiden,
denn Antwort sollte warten können,
wenn sich Vertrauen Rat erhofft!
Nach Tagen
sprach der Geist zu ihr:
„Gut, kleine Nixe.
Dich mag ein Fisch verwandeln!
Doch sei Dir auch bewusst:
Er nimmt Dir dabei Deinen Glanz!
Auch Deine Schönheit wird Dich noch verlassen
- als Preis,
für ein nur kurzes Leben.“
Das Nixlein
schauerte zusammen,
als friere ihm die Zukunft ein.
Verspürte aber auch die Lockung
bedrohlich in sein Leben dringen,
von dem,
was es für sich erhoffte!
Vom Geist
ward wohl vermerkt,
was dieses Wesen jetzt durchwehte,
in hoffnungsfrohem Unverstand.
Und dieses sorgte ihn!
Denn nur die Fragen laut zu stellen,
heißt nicht schon,
auch die Antwort zu verstehen!
Und Ungestüm birgt weitere Gefahr!
Es galt daher,
hier Zeiten der Besinnung zu gewähren.
Er gab ihr
deshalb als Bedingung vor:
„Zuvor musst Du beweisen,
wie wichtig Dir dies wirklich ist!
Erst jener gibt Dich daher frei,
den Du Dir selbst gewählt,
Dir Deine Hände selbst gefangen haben!
Verlange
dabei nie:
Den will ich!
Dort,
aus dieser großen Zahl von vielen!
Du selber
musst Dir den gewinnen,
der Dich befreien soll,
von dem,
was jetzt Dein Leben ist!
Denn bist Du dazu schon nicht fähig,
wird alles andere erst recht missraten!
Die Nixe
schwamm von dannen,
wie benommen.
Erst hatte Hoffnung sie emporgehoben,
nun dieser tiefe Fall der Freude!
Sie sah sich nur bestraft.
Nicht,
was ihr wirklich zugedacht!
Wie meist,
wo Rat
nicht in die hingestreckte Tasche fällt.
Denn wie
sich Fische greifen,
die flink und glatt im Wasser jagen?
Selbst wenn
sie wirklich einen hatte
- war er auch der?
Selbst wenn
derselbe gut gewählt?
Wie sollte sie ihn halten?
Wo jeder weiß,
dass Fische eben dann entgleiten,
wenn man sich ihrer sicher wähnt!
Als sie,
danach,
am Wasser,
die Fische plötzlich anders sah,
da wurde ihr so recht bewusst:
Mir wird das nie gelingen!
Ein Fisch!
Um einer Freiheit willen zieht es mich zu ihm;
in die Geselligkeit von Gleichen;
zur trügerischen Sicherheit der großen Schwärme!
Doch bin das wirklich ich?
Dem anderen die Freiheit nehmen,
um meine zu gewinnen?
Darf so was überhaupt gelingen?
Die Zeit
verströmte wie das Wasser
und diese Nixe,
jetzt,
wo sie das Schicksal selber wenden konnte,
saß tief verstört an dessen Ufern.
Ist es doch immer schwer,
sich selber zu bestimmen.
Bis die
Erkenntnis in ihr reifte,
dass Glück hier nie vorübertreibe!
Es will gefunden sein,
bevor es sich besitzen lässt!
Und sie bedachte sich erneut die Lage.
Ein Fisch!
Ein biegsam, starker Leib,
in schlüpfrigem Gewande!
Nur List vermochte zu gewinnen.
Es galt,
den Fisch zu fangen,
wie die Menschen taten,
die einen Köder in das Wasser warfen,
der einen Haken in sich barg!
Aber halt!
Ihn selber mit den Händen fangen!
So hatte es geheißen!
Dies war ihr niemals möglich!
Doch weiß
die Weiblichkeit sich meist zu helfen,
wenn sie ihr Ziel im Auge hat!
Bald war
sie jedenfalls gewiss,
dass selbst ein Haken nicht verboten,
da er doch nur als Hilfe diene!
Den Fisch,
den würde sie danach
dem Geist mit ihren Händen reichen.
Doch wurde
ihr auch die Gefährlichkeit bewusst,
die jedem Hakens eigen.
Ihn jenem aus dem Schlund zu ziehen...
womöglich ihn verletzt zu haben,
nicht wissend,
ob er leben bleibt?!
Ist das Gewähr für neues Glück?
Erschreckt warf sie den Plan beiseite.
Bis sie
die alte Eule sah,
die reglos an der Zeit
Unendlichkeit zu lauschen schien.
Das Nixlein
zögerte.
Stand vor der Eule,
die schließlich einen Blick auf sie gewährte
und danach wieder sich verschloss.
Getrieben
von der Macht des Wollens,
fand sie jedoch den Mut,
sich auch zu offenbaren!
Die Eule
klappte jäh ein Auge auf,
nach wohl bedachter Weile.
Kühl sagte sie zu ihr herab:
„ Natürlich einen Köder, dummes Ding!
Mit Deinen zarten Händen?
Du?
Einen Fisch?
Den kannst Du niemals greifen!
Natürlich brauchst Du eine List!
Und die
hat immer einen Haken!
Doch sage mir zuvor:
Wie gut kennst Du die Fische?
Ich weiß,
Du hast fast ihren Leib,
doch denkst Du auch wie sie?
Was wirfst
Du überhaupt als Köder?
Denn eines musst Du wissen:
Was immer Du als Lockung gibst,
muss wirklich von Dir selber sein!
Doch die
Gewitzten,
die fressen solchen Köder ab,
bis das Metall im Wasser blitzt!
Die wollen nur genießen
und eilen danach wieder fort.“
Die Eule
setzte eine Pause,
indem sie erst ihr Auge wieder schloss,
danach mit Strenge
nun aus beiden Augen auf sie sah.
„
Nun gut!
Es gibt auch noch die andern.
Nur sind die selten besser!
Die schlingen meist in sich hinein,
was kunstvoll ihnen angeboten.
Die sind zwar eine leichte Beute,
doch willst Du wirklich einen,
der auch danach noch alles frisst,
nur weil es sich vor ihm bewegt?
Bei ihm fragst Du Dich vielleicht bald:
Wie konnte ich mich so betrügen?
Denn was die Süße zu Beginn,
ist all zu schnell dann abgeleckt!
Verdränge
also nicht:
Auch Fische sind nicht alle gleich!
Wenn Du es trotzdem wagen willst,
so prüfe Dich:
Bist Du bereit,
Dir irgend einen einzufangen
oder wirklich nur
den einen?
Gelingt
es Dir zu wählen,
so mag Dein Glück von Dauer sein,
doch dies ist wahrlich schwer erreicht!
Das andere gibt es leichter,
nur steht dann die Enttäuschung schon bereit,
Dich durch die Jahre zu begleiten.“
Die Nixe
schwieg beklommen.
Das hieß doch,
selbst die Eule hatte keine Lösung!
Erschreckte vielmehr nur durch Wissen,
dass viele sie nur kosten wollten.
Doch selbst,
wenn sie auch das ertrug,
wuchs eben dadurch die Gefahr,
dass jenem,
dem wirklich ihr Bemühen galt,
nur noch ein leerer Haken blieb,
weil ihr die Köder ausgegangen!
Sie wusste
eben nicht sehr viel
aus dieser fremden Welt!
Die Eule
hatte viel gesprochen,
für den Tag
und wollte es dabei belassen.
Doch dauerte sie diese Nixe,
die plötzlich still in sich verzagte
Sie klappte
daher beide Augen auf.
Besah dies Elend unter sich,
die Torheit dieses schönen Wesens
und dachte still für sich:
Du wirst so vieles lernen müssen,
dass es für manches dann zu spät!
Die Eule
hatte gleichwohl Mitleid mit der Kreatur.
Ließ sich herab,
sie nochmals anzusprechen:
„ Nimm Dir als Haken jene Locke,
die zwischen Deine Augen greift.
Solch Zierlichkeit
schreckt Dir die plumpen Fresser!
Und die Gewitzten sind zu dumm,
um damit etwas anzufangen.
Denn ohne die Gefahr,
verletzt zu werden,
gibt es für ihren Ruhm nichts zu gewinnen!
Doch sei
es damit nicht genug!
Die Locke führe an die Lippen,
damit sie Deine Seele trage.
Dann wirf sie in das Wasser!
Und es wird sein,
dass Deine Ehrlichkeit die andern achten.
Nur dieser eine bringt sie Dir
und will Dich danach auch begleiten!
Denn dieser will gefangen sein.“
Nach ihren Worten flog sie fort.
Die Nixe tat,
wie ihr geraten.
Ob sie ihr Lebensglück gewann?
Die Steine
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über den gierigen Umgang mit Werten - eine Fabel
Sterne sprühten ihre Kälte in den Sand;
Schatten türmten sich bedrohlich,
behende stets der zuckenden Beweglichkeit des Feuers weichend.
Es war wohl
gegen Mitternacht:
„So hatte es sich einstens zugetragen.“
begann da plötzlich einer….
Es lebte einst
ein großer Herrscher.
Gütig,
doch mit weiser Strenge,
lenkte er die Fährnis seines Reiches,
dass jeder ihn darob verehrte.
Eines Nachts
erschien jedoch ein Geist vor ihm;
in der Gestalt von einem Jüngling,
stark und schön.
Der trug bei sich ein Kästchen,
zierlich klein,
aus Edelholz,
in ziselierter Schnitzerei,
belegt mit Gold und Edelsteinen.
Der junge
Mann verneigte sich,
ihn ehrend,
bevor er achtsam seine Worte setzte:
„Fünf
Steine bringe ich Euch, Herr,
denn Ihr seid auserwählt,
sie zu besitzen.
Bis an die Schwelle Eures Lebens!
Dann aber gebt sie dem,
der gleichfalls würdig,
sie wiederum der Zukunft zu bewahren.“
So waren
seine Worte
und behutsam öffnete er ihm die Kostbarkeit in seinen Händen.
Und Licht,
- das niemand je beschreiben kann an Pracht und Farbenfülle -
ergriff von allem Irdischen Besitz.
Der Jüngling
wies auf einen Edelstein
mit einer Strahlkraft ohnegleichen
und gab den Worten dabei viel Bedeutung:
„Er ist die Macht!“
„ Und dieser hier....“
Vorsichtig griff er sich den Stein heraus
und hob sein Funkeln in den Raum:
„Der ist die Kraft !“
Sachte legte er die Pracht zurück
und griff nach einem dritten Kleinod:
„Der hier, Gebieter,
mit seiner leuchtend prallen Brechung allen Lichts...
Das ist der Reichtum!“
Nach einer
Pause wies er auf den nächsten Edelstein
und seine Stimme hatte dabei einen tiefen Glanz:
„Die Schönheit, Herr.“
- und es bedurfte weiter keiner Worte!
So ward
ein jedes Schmuckstück knapp benannt,
obwohl es eigentlich noch viel zu sagen gab,
zu solchen Schätzen!
Doch es ergänzten keine Worte die Erklärung
- als habe Sprache keine Möglichkeit
bei solcher Pracht.
Zum fünften
Edelstein,
den selten herber Glanz umhüllte,
sagte er,
wie nebenbei:
„Die Liebe“.
Der Herrscher
fühlte sich benommen.
als die Erscheinung ihn verlassen,
und wähnte anfangs,
nur geträumt zu haben
- bis er die Steine selbst berührte
und tief ob dieser Pflicht erschrak!
Der Tag
brach danach irgendwann herein
und fand ihn weiter sinnen.
Zuletzt befahl er,
diese Unvergleichlichkeiten sicher zu verwahren.
Er ließ
sie später nochmals vor sich bringen,
doch auch dieses Mal
durchschauerte ihn tief die Bürde ihres Lichts.
Doch weiter lief die Zeit
dem unbekannten Ziel entgegen
- so unbeirrt wie immer!
Bevor sie ihn,
nach Jahren,
jedoch stehen lassen wollte,
blieb ihm,
- nun Greis -
noch auszuführen, was ihm verbindlich aufgegeben.
Lange sann
er auf das beste Tun,
vergeblich jedoch alles Mühen!
Zuletzt befahl er,
alle zu benennen,
die würdig seien,
solchem Auftrag zu genügen.
Doch als
er die mit Augen sah
und über jeden reiches Lob vernahm,
fiel die Entscheidung doppelt schwer!
Denn wonach
wird ein Mensch gewogen?
Wieso ward der genannt als Würdigster?
Nicht jener?
War denn nicht jeder würdig,
dieser Ausgewählten?
Der Tag verging,.
dann traf er die Entscheidung,
die Steine sorgsam zu zerteilen,
- was ihm ja nicht verboten worden.
Und jeder
dieser Ehrenwerten
erhielt ein Stück davon,
das nach der Größe, Wert und Pracht
Gewähr ihm schien,
den bleibend kleinen Unterschieden zu entsprechen.
Dabei gab er den Auserwählten auf,
wenn dereinst ihre Sterbestunde nahe,
zur weiteren Verwahrung ihr Stückchen Stein
nun wiederum dem ihnen Würdigsten zu übergeben.
Beim fünften Stein riet Sachverstand ihm jedoch ab,
den gleichfalls aufzuspalten:
Es hieß,
der sei gewisslich viel zu spröde,
als dass selbst Handwerkskunst ihn teilen könne,
ohne anderes
als Staub zu hinterlassen!
Doch was war da zu tun?
Nach langem
Hin- und Herbedenken
winkte sich der Herrscher eine junge Frau heran.
Die hielt ein Kind in ihren Armen,
das selig zu der Mutter strahlte.
Dem gab
er wortlos jenen Stein!
Die Mutter würde der Belehrung nicht bedürfen!
Die gleiche Nacht verstarb der Greis.
Was gut
gemeint,
war gleichwohl doch gescheitert!
Denn wahre Würde,
- wie sie ausbedungen! -
verpaart sich nur mit Größe
– nicht jenem seichten Wert,
den Dritte etwas zuerkennen
oder
– schlimmer noch! –
man sich gar selber zugesprochen!
Soweit der
Herrscher sich dem Urteil Dritter anvertraute,
statt seine Last des Auftrags selbst zu schultern,
ward seinem Geben das Versagen folglich mitgeschenkt!
Es floss
der Steine wegen nämlich bald schon Blut!
Verstanden doch zu viele das Geschehen falsch
und trachteten im Neid,
von diesen Steinen selber welche zu besitzen!
So glitten diese,
immer schneller,
- blutgetaucht! -
durch vieler Menschen Hände;
gelangten schließlich selbst in fernste Länder
- und wurden weiter aufgeteilt!
So weiß
nun heute niemand,
wer sie gerade
- und wie lange -
im Besitze hat!
Auch was sie einem bringen,
zerrinnt ihm im Ergebnis oftmals schnell!!
Wie Menschen immer schon gewesen.
Gesondert zu erwähnen
ist jedoch der Verbleib des fünften Steines!
Es sei erinnert,
dass der Weise selbst das Kind erwählte!
Er konnte sich daher nicht irren!
Und dennoch
blieb daran ein Zweifel!
Nicht an der Wahl an sich,
vielmehr am Schweigen,
mit dem er das Geschenk bedacht!
Ein Vorwurf
war ihm daraus
gleichwohl nicht zu machen!
Ein Kind,
der Worte,
des Verstehens,
noch nicht mächtig
- was sollte er zu dem denn auch gesprochen haben?
Doch da war immer noch die Mutter!
Sie hätte einen Auftrag weitergeben können!
So,
wie sie ihm auch den Stein verwahren sollte!
Doch eben das war nicht geschehen!
Wer jedoch meint,
der lebenskluge Greis
sei vielleicht uneins mit sich selbst gewesen,
was Liebe wirklich ist,
der deutet ihm sein Schweigen falsch!
Er wusste,
was er tat
und handelte aus gutem Grund!
Denn wo Liebe noch Erklärung braucht,
da ist sie nicht!
So wenig,
wie sie teilbar ist!
Das war
dem Weisen wohl bewusst,
als er den unzerteilten Stein verschenkte!
Nicht so
den andern,
die nur sahen,
dass einer was erhalten hatte,
ohne scheinbar es erdient zu haben!
Es sahen somit viele,
wen der alte Mann auf seine Art beschenkte.
Wer welchen Edelstein erhielt
und damit auch,
was später jeder damit tat!
Bald sah
die Mutter des beschenkten Kindes sich daher gedrängt,
den andren endlich zu erklären,
was sie doch selber nicht verstand
- nur die Gefahr erzitternd,
die ihr allmählich aus dem Stein erwuchs.
Fiel doch schon fiel das böse Wort von „Zauberei“!
Auch dass der Stein
- vor grauer Zeit! –
getötet habe!
Es fanden
sich
- wie immer, wo dies möglich ist! -
daher schon bald auch welche,
die planten,
- gottesfürchtig-fromm! -
gewaltsam bei ihr einzudringen,
um sich
- im Namen Gottes -
dieses Übels zu entledigen!
Es ward ihr jedenfalls so zugetragen!
Um Schaden
von dem Kind
- und auch sich selber! -
abzuwenden,
stellte sie daher schon bald
den Wert und Sinn von dem in Frage,
das ihr,
für den Beschenkten,
plötzlich überlassen.
Ersichtlich zwar zur Aufbewahrung
- für dieses Kind! -
jedoch vom Schenker scheinbar ohne Grund!
Sie stand mit diesem Zaudern nicht allein!
Es lässt
sich ohnehin nur ahnen,
was wirklich diesen Greis bewog,
nur ihr den Auftrag zu verschweigen,
der als Bedingung jedem Stein verbunden!
Kam vielleicht selber Zweifel in ihm hoch,
weil eigentlich nur einer zu erwählen war,
dem er die Schatulle dann geschlossen übergebe
– und zwar so unauffällig,
wie ihm selbst?
Schwieg
der Weise also bei der letzten Gabe,
weil er begriff,
wie bitterlich er durch den Pomp,
mit dem er diese Steine schenkte,
in seiner letzten Prüfung
selbst versagte?
Lähmte ihm daher Betroffenheit die Zunge?
Genaues dazu ist uns nichts bekannt.
Vielleicht,
weil eine Antwort jeden trifft!
Bekundet nur,
dass sich die Frau von diesem Stein,
mit seinem ruhig,
tiefen Feuer voller Heimlichkeiten und Gefahr,
schon bald erleichtert wieder trennte.
Und jene,
denen sie ihn hingegeben,
trugen ihn mit Sprüchen und Gesängen auf den Berg,
der immer schon der Götter Sitz.
Von dort
aus warfen sie ihn weit hinab,
wobei sie Glück für ihre Welt erflehten!
Und so zerbarst er in der Tiefe!
Es kam,
trotz diesen Tuns,
der Welt die Liebe trotzdem nicht abhanden,
denn eines Tages,
da bekannte sich,
- von irgendwo -
doch das Geheimnis des Juwels
- und sein Verlust wog vielen plötzlich schwer!
Es suchen daher viele nach den Splitterresten,
nur kannte niemand deren Form,
geschweige deren Farbe!
Wer sich
bei dieser Suche dennoch etwas aufgegriffen,
der konnte jedenfalls nie sicher sein!
Wie musste es sich zeigen?
Denn Liebe
nimmt sich nichts
- sie gibt!
Erst dadurch wird ihr selbst gegeben!
Im Gegensatz zu jenen Steinen,
die sich vor allem durch Besitz beweisen!
Es kann
daher ein kleines Stück,
das wir für uns als Liebe finden,
tatsächlich Teil des Ganzen sein!
Nur fehlt ihm die Gewissheit,
dass es wirklich auch so ist!
Dem Finder bleibt vielmehr nur eines:
zu hüten und zu pflegen,
was ihm nun selbst die Liebe scheint!
Denn wissen wird er erst,
nachdem er sie für sich verloren!
Er erhob
sich in dem Schweigen,
durchschritt den Kreis,
der sich um ihn gebildet hatte.
Des Feuers
Glut
versickerte dann irgendwann im Dunkel.
Veröffentlicht in der Anthologie des Richmond- Verlages: Über das Reich der Elfen, Monster, Zwerge und anderen, noch zu erfindenden Welten’ "Die Sonne ist grün"
Das Fragespiel
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Selbstverständnis
von Männlichkeit – eine Erzählung
Sie kannten sich.
„Schon lange...“.
Wenn er dies sagte,
zog er die Brauen etwas hoch,
als denke er Vergangenes zurück.
Es ließ ihn abgeklärt erscheinen.
Erwachsen!
Obwohl er nur geschlechtsreif war.
Sie gehörte ihm!
Und alle
wussten,
sein
Revier
begann bei ihr!
Denn das
war wichtig!
Auch wenn sie über so was lachte,
in weiblicher Verachtung
für so männliches!
Ihr gegenüber war er jedoch anders.
Selbst wenn sie ihre Frage stellte
- als Bitte um Bestätigung.
Das würde,
so,
ein Mann bei Frauen niemals wagen!
Er lächelte
dann nur;
verständnisvoll.
gelassen.
Wie einer eben,
der die Weisheit hat!
Und sagte
ihr dann,
was sie wollte.
Beziehung tritt sich aus
wie ein paar Schuhe!
Die hohe
Hacke,
- Zeichen erster Sinnlichkeit! -
wird ganz allmählich schief gelaufen;
die Sohle
dünnt sich mit der Zeit
und Steinchen werden so zur Qual,
die früher nie gesehen wurden.
Lässt
auch die Pflege Träume offen,
so drängt zuletzt der Wunsch nach vorn
- bei günstiger Gelegenheit! –
das ‚alte’ Schuhwerk
abzulegen
– obwohl es hatte halten sollen,
„bis dass der Tod uns scheidet“!
In glänzend
neues Schuhwerk wird geschlüpft,
das dieses Mal
- „wie angegossen“! -
passt!
Aus Fehlern
wurde ja gelernt
- um sich dann doch zu wiederholen!
Hier war
das alles anders!
Sie waren beide stets bedacht,
die Schäden klein zu halten;
auszubessern,
was gelitten hatte
– so schwer ihm das auch manchmal fiel!
So hatte er
- in all den Jahren! -
in die Beziehung vieles eingebracht.
Da war er sich ganz sicher!
Er hörte
daher nicht mehr gern,
wie wichtig sie,
für von
von klein auf stets gewesen.
Er hatte
sie beschützt,
wenn andere an ihrem Ranzen zogen.
Ja!
Warum „die“ aber deshalb wichtig war?
Das konnte er nicht sagen!
Dennoch prügelte er jeden,
der höhnend was von „Liebe“ tönte.
Dann kam
es
- irgendwann -
zu einem Tasten,
Spüren
und Be-Greifen,
das sich in Neu-Gier schließlich selber lenkte.
Viel hatte
er zunächst ja nicht empfunden,
unsicher wie er dabei war,
doch was ihn da durchschoss,
blieb doch als Wissen einer Kraft!
Sie lernten
danach aneinander:
Vom Geheimnis der Gefühle;
von der Kunst
sich hinzugeben,
ohne sich im Nehmen zu verlieren.
Doch schärfte
ihm das auch den Sinn,
von Worten,
die neckend auf Gemeinsamkeiten wiesen,
doch irgendwann
- das hörte er sich klar heraus! -
noch weitere Erwartung trugen.
Ihm machte
das zwar keine Angst
- wie er dies von den Freunden kannte! -
doch waren das auch Zeichen
- er war sich dessen wohl bewusst! -
dass er sich irgendwie
vielleicht doch selbst gebunden habe.
Doch das
vergass sich dann auch wieder!
Wenn sie daher
- gelegentlich -
mal wieder ihre Frage stellte
- wohl mehr aus Stolz als Frau! -
so schmeichelte ihm das sogar
- bei diesem vorzeigbaren Weib! -
und willig ging er darauf ein.
Und wenn
er sich
- mit ihr -
wo zeigen sollte,
weil ihr „das Leben“
so
gefiel,
dann stolzte ihn der Neid der andern!
Doch Müßiggang
sucht Seitenpfade,
sobald ein guter, breiter Weg,
dem Undank
nur Beschaulichkeit verheißt!
So war auch
er sich
- ganz tief innen! -
bei ihrer Frage
seiner Antwort nicht ganz sicher.
Es könnte durchaus andres geben!
Sobald er
derart schweifend dachte,
war er zu ihr besonders nett!
Und wiederum
belohnte ihn der Duft,
der immer ihrem Leib entströmte
und letztlich keinen Zweifel ließ.
Es war daher
das Wetter
- Was denn sonst? -
dass sie dann eines Tages,
- ungewöhnlich ernst -
mal wieder 'ihre' Frage stellte.
So war nun mal das Spiel!
Das wusste er.
Auch dass die 'Weiber' so was lieben!
Doch ging ihm das jetzt auf den Nerv!
Ihm war nicht nach Geplänkel!
Er wollte einen trinken gehen!
Auch wenn er ihr das
so
nicht sagen durfte.
Es würde sie verletzen.
Und wer gräbt gern ein Loch,
nur um es wieder zuzuschütten?
Mit jenem
Lächeln,
das er so beherrschte
– ( ein wenig Herz
und viel Erfahrung ) -
hielt er ihr daher vor
- vielleicht ein wenig schroff -
„Du liebst mich wohl nicht mehr!“
Sie sollte ihn doch nur in Ruhe lassen!
Doch darauf
schwieg sie!
Nicht als Folge weiblicher Zufriedenheit,
das Schicksal selber zu bestimmen,
indem man sich ihm willig unterwirft!
Nein!
Sie lehnte
vielmehr,
wie erschöpft,
den Kopf an seine Schulter.
Auf ein
Mal sah sie ihn dann an.
Nur diesen einen Augenblick,
um ihren Mut zu fassen!
„Wir
werden uns jetzt trennen.
– Bitte!
– Ich will fort.“
Er war dann
tief gekränkt,
als sie es tat.
Das Abteil
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Hoffen im Ausgeliefertsein
– eine Erzählung
Sie sagten wenig;
ihr Bewegen alles,
das wusste,
Ängste zu verteilen.
"Dass
die noch Uniformen tragen..."
fuhr es ihm hilfehoffend durch den Kopf.
"Du
denkst bestimmt,
Du hast besond’re Klasse!
Und keiner macht Dich fertig.
Was?"
Der ihn das fragte,
hatte dabei Neugier in den Augen
als wolle er es wirklich wissen.
Bereit, ihm seine Klasse zu beweisen!
Der trat
ihn später dann zusammen,
bis er sich im Schmerz erbrach.
Sie rieben sein Gesicht hinein.
Er solle seine Kotze spüren.
Das taten sie ganz nebenbei,
er konnte sich nicht wehren,
bemüht nur,
seinen Schmerz zu kontrollieren
und die Panik vor dem Unbekannten.
Doch es misslang.
Sie schrieen ihm darauf die Angst
tief in die Seele..
Einer zeigte ihm zuletzt den Bock,
auf den sie ihn noch spannen würden.
"Die Scheiße kommt alleine aus dem Arsch,
wenn Dir die Fetzen runter hängen ..."
ließ er in Kennerschaft heraus.
Geprügelt hatte der da schon! Er wollte ihm das daher glauben!
Des andren
Augen zogen sich
im Spott
darauf zusammen:
"Gilt dann nicht mehr als fein, bei Deinesgleichen."
Dann tat
der wieder seine Pflicht.
Nicht gerne, wie er zwischendurch mal sagte.
Aber das gehöre so dazu!
„ABFÜHREN!“
Das Wort
erlöste,
gab ihn endlich frei.
Er weinte plötzlich zuckend, ohne Nass.
Der Pflichtbewusste mochte so was nicht. Verachtung stand ihm im Gesicht.
Als der ihn daher wieder schlug,
biss er so tief in seine taube Lippe,
bis ihn das schließlich ruhig stellte.
Sie zogen
ihn dann mit sich fort.
Ein Schlüssel platzte in ein Schloß,
Der Stoß ins Dunkel!
Metallen klackte eine Türe.
Riegel rammten sich zurück.
Vier Hände
griffen ihn sich ab;
befreiten ihn zuletzt von seiner Jacke.
„Paß doch mal auf ...!" zerknurrte dabei einer.
Jemand gab dem scharf zurück
- doch er verstand nichts mehr davon.
Wohl bald
erwachend,
regte er
- behutsam -
seine Arme,
Doch duldete sein Körper dieses nicht
- erbarmte sich dann erst an Tränen,
die nun endlich fließen durften.
„Das
machen die mit jedem.“
brummte es ihm dafür tröstend zu.
Er bekam
sich wieder in den Griff.
„Politisch ....?"
Er nickte
nur,
als trage ihm das Dunkel die Bewegung zu dem Frager.
„Na!
Endlich mal was Besseres,
in dem Abteil...!" kam es zurück.
" Gewöhnlich fährt hier letzte Klasse!“ kicherte es schrill
heran.
" Ihr
seid die Schlimmsten... !"
drauf der Erste wieder
und Bitterkeit trieb ihm dies aus.
Der andere:
" Scheiß’ drauf! – Dann ab jetzt gemischte Klasse...!
Wir haben ja den gleichen Weg!"
Er lachte sich darüber aus.
klang aber nur hysterisch.
Dann lähmte Schweigen alles nieder.
Bis ihm der Raum
- im Gleichtakt -
in den Schläfen pochte.
„Wann
machen die denn weiter?“
Die Beherrschtheit seiner Stimme sollte Ängste lockern,
die ihm schmerzend auf der Atmung lagen.
" Erst
morgen bist du wieder dran... Die brauchen ihre Pausen."
gab ihm der Eine kalt zurück,
belehrte aber dann versöhnlich weiter:
" Mach’ aber nicht den Helden, Mann.
- Die schinden nicht nur aus Vergnügen...“
Der Andre
sprang ihm sofort dazu:
„Ganz recht! “
Und trumpfte danach spöttisch auf: „
" Ist ihre Pflicht, Dich zu befragen!
Der Spaß sagt denen nur,
wie
sie dann quälen!"
Darauf der
Erste,
mehr für sich:
„So welche sind in jedem Fach die Besten...!“
"Ich
weiß doch aber nichts...!“
jammerte es jäh aus ihm heraus.
„ Das tun die meisten nicht! "
fuhr da der Eine heftig hoch.
Verächtlich spie er ihm noch aus:
"Du bist politisch! Reicht das nicht?“
Kichernd
fügte dem der Andere hinzu:
„Die stutzen Dich auf uns’re Größe, Mann! -
Doch keine Angst von wegen Gleichbehandlung:
Zuletzt steh'n alle vor der gleichen Wand!"
Als wolle er damit die eig'ne Angst bedrängen,
fügte er erklärend an:
"Um Größen anzugleichen, Mann!
- Nicht eine Länge."
Erschießen?
Also doch!
Wie wird
das sein?
Ein Bersten wohl, ganz tief in ihm
und Staunen, dass es wohl vorüber sei...
Und ehe ihn der Schmerz ergreifen könne,
würde er sich schon verlassen haben
- durch jenen Tunnel
in das Licht.
Es galt, den Tunnel zu erreichen!
Das Kreuz
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Sterblichkeiten im
Krieg – eine Erzählung
Wolken schwammen
träge durch den Tag;
trieben wieder fett von dannen.
Das Einzige,
das sich bewegte.
„Schau
mal den...“
Er sagte es dem nebendran,
doch hatte der ihn längst gesehen.
Er tänzelte danach im Stand.
Sich ordentlich Bewegung machen,
locker werden!
Jedoch den Blick,
wo er ihm hinbefohlen.
Dennoch
fasste ihn des Grabens Feuchte,
erstarrte ihn bis in die Sinne;
klamm spielten seine Finger an der Waffe,
die wartend ihm beiseite lag.
Natürlich
wussten alle,
wie wichtig es für ihre Menschheit war,
an diesem Ort und mit Granaten,
den Boden um und um zu pflügen;
ihn dabei satt mit Blut zu tränken;
ihm Leichenfetzen einzubringen!
Für Früchte,
die stets „Ehre“ hießen,
„Treue“,
„Vaterland“!
„Die
Moral ist gut!“
versicherten sich Dritte,
die was davon verstehen wollten.
Für
die bestellten sie den schweren Acker
- in sturer Selbst- und Pflichterfüllung! -
als gelte es,
der Völkerfeindschaft
Schulden zu begleichen!
In Wahrheit hatte aber die,
- in Vorzeit -
ihnen vorgeschanzt,
sich längst tief eingegraben,
um dann
- bis jetzt –
auf sie zu lauern.
Leben lang!
Und damals schon,
- für sie! -
hatten sie auch Kreuze ausgesät!
Die aber jetzt erst
- endlich! -
durch die blutgeweihte Krume brechen durften,
bis ganze Wälder so entstanden!
Für sie gab es daher nur Warten;
Stellung halten einem Sieg.
Vor dem
dann irgendeiner
wieder Fähnchen auf der Karte schob;
Melder durch die Gräben rannten
und Telefone wissen ließen,
das nächste Blutfest sei zu feiern
- im Irgendwo des Gestern
und Niemandsland von Morgen.
Und brach,
- nach Aufspiel der stets gleichen Töne! -
zuletzt dann doch der Wille ein,
ward vorher dumpfe Angst zum Beten:
Lass sie doch endlich kommen!
Mann für Mann!
Damit ich sehe,
wen dieses Mal das Los bestimmt,
zu töten
oder selbst zu sterben!
„ Was denkst Du?“
Der andre zuckte nur die Achsel.
Es kam schon vor
und schafften wirklich welche,
sich einen Tag lang tot zu stellen,
um in der Nacht
zurück
in ihre neue Lebensfrist zu kriechen...
Doch tasteten,
an diesem,
- ihrem -
endlos langen Tag,
dann viele Augen
sie unermüdend ab;
bereit,
ihr Hoffen mit der Kugel abzustrafen.
Denn wenn
schon alle sterben sollten,
so war sich Glück schon zu erleiden!
„Liegt halt nicht so! “
Zwar könnte
das jetzt eine Kugel klären,
doch einer Leiche tat man das nicht an
- Mannestum geht anders vor!
Wer also die Gewissheit wollte,
der musste selber
etwas setzen
- und Zielfernrohre
über sich entscheiden lassen!
Das war dann Reiz wie Wagnis,
sich gegen den Gehorsam
seine Zeit vorübergehend aufzubrechen!
So Wagnis
war auch nicht vergebens!
Es hatte jeder was dabei
- wie sie ja auch! -
von denen,
die da draußen lagen!
Ein Foto.
Briefe.
- Als eigene Erinnerung,
die jeder in den Angriff nahm,
auf dass sie auch sein Leben schütze
- wenn nicht,
ihm seinen Tod begleite.
Beweise einer Seele!
Sie galt es, sich zu greifen!
So fremdes Leben an sich nehmen
und in das eigene vermischen,
was davon für Dich wichtig war!
Denn das
war viel,
an solchen Tagen.
Er legte
alles ab,
was nur behindern konnte.
Sprach auch nicht mehr.
Hielt nur den Körper,
wie den Blick,
straff mit dem Ziel verbunden,
als zwinge er so Wiederkehr.
Dann war er draußen;
schob sich
- ganz langsam! -
durch den Stacheldraht
- zu dem,
der da so vor ihm lag,
als schlafe er sich für die Rückkehr aus.
Doch plötzlich
klebte ihn der Schweiß zusammen,
verbrannte seine Augen.
Und der Wind,
- nur jetzt,
für ihn! -
rieb schrill die Gräser aneinander
- ihm zum Beweis,
dass er noch immer lebte!
Als er,
der Sieger,
dann den Kerl erreichte,
stieß er ihn ihn sachte an
und flüsterte ihm etwas zu.
Damit er nicht erschrecke
und fremde Augen auf sich lenke
- bereit,
ihm seinen Todesstoß zu setzen,
Jäh
schlug,
mit einem Ruck,
der Kopf von dem
zu ihm herum!
Hirn überschwappte seine Hände,
bevor die so geleerte Höhlung
sich vor ihm in das Erdreich fraß.
Und Fliegen summten um ihn vor Empörung!
Was für ein Arschloch bist Du eigentlich?
hielt ihm sein Ekel würgend vor.
Er griff
daher in Stoff und Fleisch,
um irgendwas zu finden.
Er wollte es beenden.
Hatte doch den langen Weg zurück!
Es fühlte
sich nach etwas Festem an!
Er zog es sich daher aus allem raus,
was,
mit Gekröse,
blutig seine Finger hielten.
Ein Kreuz!
So Scheiße hatte der dabei!
Das alles für so Nichts?
Und doch war es Beweis,
den Anerkennung von ihm wollte!
Er war auch viel zu feige,
noch einmal in das reinzugreifen.
Und Silber war es schließlich auch!
Er musste erwas bringen!
Sonst höhnten ihn die andern,
wenn er das nur für nichts getan!
Trommelfeuer
kündete von neuer Angriffswelle;
zerschlug verächtlich jede Wehr
um das Gespinst von Gräben;
reihte neue Trichterketten.
Einer sprang in die hinein,
den die Befehle hergetrieben.
Doch wich die Deckung rasch zurück
und Morgen zwängte sich schon aus der Nacht.
Und er begriff,
hier konnte er nicht bleiben.
Zumal er nicht alleine war!
Fluchend
drängte er sich den zur Seite.
Der Gegenangriff stand bevor!
Doch dieser
Kerl da
wich ihm nicht!
Er sah in ein Gesicht.
Angewidert
schob er es sich weg.
Griff dabei schmerzhaft auf Metall,
als habe der sich noch gewehrt.
Kurz blickte er genauer hin
- sah aber nur ein kleines Kreuz,
das neben dem im Erdreich steckte.
„Silber“ knurrte er
- fast wie verlegen -
weil von drüben einer sah,
wie er es in die Tasche schob.
Verdammt!
Hier wuchsen nun mal Kreuze!
Der Alte
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Männertun im
Krieg – Eine Erzählung
Der Alte...
- stramm wie immer,
als gemeldet wurde.
„Kompanie angetreten.“
Der Ton
war ihm jedoch zu lasch.
Das zeigte er, indem er schneidig gegenhielt:
„Danke! – Rührt euch!“
So hatte das zu klingen!
Er dampfte wieder.
In Mannestum und Männlichkeit.
Ganz Hahn,
zu dem die Hühner fliegen!
„Bin
stolz auf Euch, Männer!“
Die Fahne
und das Vaterland
klemmten wieder zwischen seinen Zähnen.
Und er bereit,
so Zeug als Waffe zu gebrauchen!
Er log!
Wir hatten heute
wieder einen Teil vom Krieg verloren!
Darauf noch stolz ?
Wenn nur noch 17 wiederkommen?
Wer war
schon auf die Toten stolz?
Weil sie es trotzdem taten,
obwohl sie überleben wollten
und alle hofften,
dass sie keiner holen komme
- auch nicht die Feigheit vor dem Feind?
Denn Kriege leben immer von der Angst!
Und die Versager treiben sich dann Kettenhunde
bei der Flucht
erneut zusammen!
Schlimm ist das für die Jungen!
Da ist noch manchmal einer,
mit Neugier im Gesicht
auf dieses große Abenteuer Leben
und träumt vielleicht von seinem Sieg!
Doch vieles lässt ihn bald im Stich,
und weckt ihn erstmals Trommelfeuer,
wird dieses Schlachten auch für ihn
vielleicht zum Letzten seiner ganzen Welt.
Und Angst umkreist ihn,
wie die Todesvögel!
Zwar kommt ein jeder mal zum Sterben,
doch denen war das nicht bewusst!
Sterben sollten nur die andern!
Und dann ilegt so ein junges Leben
- das selten mehr
als angelebt -
verblutend am Altar der Tränen,
- und Einer rühmt für sie
dann noch die Gottgefälligkeit
von Menschenopfern!
Selbst jene,
die auf Urlaub gehen,
trugen im Gepäck
die Seelen ihrer Toten!
Hinzu kommt noch die Angst,
Unwirklichkeit zu finden ,
in dem,
was gestern sich noch Heimat nannte.
Vorbereitet
sind sie wieder nicht,
auf das,
was sie erwartet!
Denn nichts mehr ist,
wie vor den Zeiten ihrer Männlichkeit!
Wenn sie zu hause Fremde finden,
die früher einmal nah gewesen
und außerdem der Glanz verblasst,
dann schimmert auch dem Orden plötzlich
Wahrheit durch,
von der Entleertheit solchen Tuns,
Wer so was nicht beklagen muss,
kommt allerdings erholt zurück.
Doch stachelt den dann die Erinnerung!
Gleich einem Dorn,
der ihn verletzt
durch Wirklichkeit,
bis er,
- sehr schmerzhaft! -
ihm gezogen ist
- damit die Angst ihn leben lässt!
Manch einem
wird der Tod jedoch die Lösung,
die wenigstens sein Bild bewahrt!
„Ihr habt dem Vaterland mal wieder Ehre eingebracht!“
Obwohl dem
Sterben niemals Ehre bringt,
dem Leben noch kein Leben hatte!
Vaterland
und Ehre?
Weil einer im Gehorsam stand?
Sich töten ließ,
weil ihm das so befohlen?
Oder war
es ihre Art zu sterben,
die Ehre war,
dem Vaterland?
Zerfetzt,
gesprengt,
geschlitzt
und aufgebrochen...
Durch jene,
die sie hatten töten wollen,
und gleichfalls für die Ehre starben
für dieses oder jenes Vaterland?
Ist das dann Würde?
Heldenhaft?
Oder galt sein Lob
gar uns?
Weil wir
nicht gleichfalls ausgeschieden wurden,
beim Zählappell der Leiber?
Uns überlebten,
weil andere ihr Ziel verfehlten!
Wie letztes Mal!
Und jedes Mal
davor!!
Uns hatte es nur wieder ausgewürfelt
- Mann für Mann! -
uns dann am nächsten Sterben zu versuchen!
Bis auch wir
im Feuer mannigfacher Angst
für einen Tod
gereinigt waren.
Sie alle waren stolz auf sich!
Der Gegner
hatte höllisch Druck gemacht.
Sein Angriff warf den ersten Zug in drei Minuten!
Der zweite stand dann länger.
Acht!
Mehr war
nicht drin,
bei diesen zwanzig Mann!
Von denen
standen jetzt noch vier,
bei uns.
Der Alte war da plötzlich durchgeknallt!
Greift das
MG der beiden,
die eine Handgranate hingeschmettert hatte,
den Reservegurt dazu
und los dann
durch den Graben.
Ganz ohne was zu sagen.
Als sei er von der Kette.
Wir dachten
erst,
der spinnt sich jetzt sein Heldentum zusammen.
und zahlt den Scheiß mit unsern Leben.
Dafür
wäre er im Kampf gefallen
u nd keiner hätte was gesehen,
für ein Kriegsgericht!
Doch diesmal
tat er es für sich!
Getrieben von der gleichen Angst,
die uns durchzuckte
- und die erst flieht,
tritt freundlich Dir der Tod zur Seite.
Zwei folgten ihm!
Gehorsam?
Dummheit?
Mut?
Wir andern
zogen trotzdem mit!
Verkrallten uns,
wo wir gerade lagen,
sonst war es dieses Mal vorbei!
Als sicher
war,
dass die verlieren würden,
trieb uns dann plötzlich Hass voran,
befreite jede Hemmung!
Den Rest tat die Verbitterung.
Sie hatten unsern Tod gewollt!
'Gerechtigkeit' verlangte ihren!
Kein heldenhaftes Töten!
So wenig,
wie unser Sterben
- vorher -
ehrenvoll!
Und wer das überstand,
war nachher
nur ein Sieger!
Wir hatten danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!
Und wieder kroch die Angst in uns;
zerstörte unser Denken;
trieb sich die Hoffnung in die Ecke,
in der sie nur zu warten wagt!
Denn alle lagen
neben uns!
Verwinkelt;
in den Dreck getreten;
mit Löchern,
voller Blut und Eingeweide.
Die Unsern
und die Fremden!
Nur Uniformen hielten noch auf Unterschied
und Irrsinn hält zumeist doch Ordnung
und achtet auf die Kleinigkeiten!
Wir hatten
danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!
Zum Abschied nehmen;
von denen links
und rechts
und unten;
auch von Gesichtern,
die wir gar nicht kannten
und die so nichts von 'Schweinen' hatten,
als die wir sie geschlachtet hatten!
Statt dessen
Kerle so wie wir
und sichtbar mit dem gleichen Zwang gejagt!
Wir hatten
wenigstens gewonnen!
Wenn auch nur etwas Zeit
zum Sterben.
Uns hatte niemand ausgewählt!
Es hatte sich nur etwas gegen uns entschieden!
Wir sollten uns,
bald wieder wagen müssen!
Wir hatten
danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!
Und unser
Alter brachte da die Nummer,
die keiner ihm hier zugetraut.
Den Langen,
der sich hemmungslos zerweinte,
den nahm er ehrlich in den Arm.
Dem anderen verband er seine Wunde,
obwohl das Blut ihm selber runtertropfte.
Und einen trat er in den Arsch,
weil der sich nicht mehr ducken wollte,
im Taumel seines Sieges
über sich.
Wir hatten danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!
Dann lösten
die erst ab
und andere Gesichter,
so müde,
wie es unsre waren,
übernahmen schweigend unsre Toten
und die Erschöpfung trug uns fort.
Tee wurde ausgegeben
und lenkte von so manchem ab.
Der Sani legte uns Verbände
- mit ruppig-freundlicher Beachtungslosigkeit,
denn Pflichterfüllung war genug.
Wir würden ohnehin noch draußen bleiben!
Verbellt von diesen Kettenhunden,
die wir längst schon hätten töten sollen!
Doch solchen Dienst
tat keiner seinem Vaterland!
Der Alte hatte weiter nichts gesagt,
auf ein Mal einfach abgebrochen!
Den Mund sich schief gezogen,
Die Augen gradeaus!
Das Arschloch
traute sich
doch wirklich nicht zu flennen!
Der
Bewerber
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Unsicherheiten eigener Größe – eine Erzählung
Eigentlich unnötig,
sich dieses Rotgesicht noch anzutun!
Es war doch schon entschieden!
Bald brachte aber jemand den Kaffee!
Und etwas
Neugier war ja auch dabei,
wie einer sich verkaufe,
von dem man eigentlich nichts wollte.
Gewiss,
das war jetzt nur noch Spiel!
Mit Hoffnungen;
mit Menschenleben.
Aber harmlos!
Nicht wie die Katze
mit der Maus!
Da floss kein Blut und keine Träne!
Zumindest sieht man so was nicht.
Auch wenn es das schon geben muss!
Wie sonst
entsteht noch Ehrgeiz,
Konkurrenz?
Doch war es wiederum das Gleiche!
Ein Mal damit begonnen,
musste es jedoch in eine Form,
bevor man es beenden durfte!
So war nun mal der Kodex.
Er hatte sich ja auch schon längst entschieden!
Er blieb daher weiter freundlich,
als er es längst bereute,
sich auch den noch aufgehalst zu haben.
Allein schon dessen zögerliche Art des Fortbewegens:
den Kopf weit vorgeschoben,
- wie ein Huhn,
das sich den Dreck durchstöbert!
Die ganze Haltung unterwürfig!
Und zwar nicht in geflissentlicher Dienstbarkeit,
aus der auch etwas Drohung blitzt:
der Starke möge keine Schwächen zeigen!
Vielmehr
die Hände!
In ständiger Entschuldigung!
Statt sich die Zukunft fassen
- derer sie doch habhaft werden wollten! -
- und sich ihr dadurch zu empfehlen!
Zu all
dem saß er auch noch auf der Kante,
die Füße fluchtbereit!
Nicht vom Stuhl Besitz ergreifend,
als werde er nicht weichen,
bevor er diesen Job nicht hatte!
Dass der
noch nicht mal so was wusste?
Kein Wunder,
dass der diesen Job so nötig hatte!
So,
war er,
in seinem Leben
nie gewesen!
Und was
der alles preisgab,
von sich selbst!
Wie peinlich,
diese Ehrlichkeit!
Als ob gerade er die Wahrheit hören wollte,
erklärte er noch sein Versagen,
als spräche er nur zu sich selbst!
Dabei ging es doch
- wie stets -
um alles!
Das widerte
ihn an!
Er wollte Macher sehen!
Nicht welche, wie dies Rotgesicht!
Das war
nicht ungerecht!
Natürlich schlüpft aus einer Raupe
selten der erhoffte Schmetterling!
Doch bei Bewerbern
- da wollte er ihr Feuer fühlen,
das früher noch ihn selbst durchglühte!
Wenn dies im Alltag dann erlosch,
- natürlich war das eine andre Sache.
Dann mochten Höflichkeit und Selbsterhalt,
dies klugerweise übersehen …
Aber jetzt?
Bei solchem Anlass?
Da musste noch was rüberkommen!
Der müsste sich verkaufen,
als werde er sein bester Mann!
Das war nun einmal so.
Auch Hinterlist braucht auch ihr Opfer!
Es lag an ihm,
die Fäulnis in dem Obst zu finden!
Statt dessen
war der hier vertrauensselig,
als brächte so was je Gewinn!
Das sollte
jetzt kein Vorwurf sein!
Ist doch ein jeder,
wie er ist!
Nur darf er nicht auf Mitleid hoffen
- auch das ist meistens rücksichtslos!
Nein!
Er verstand den nicht!
Und wenn der schon so war,
dann hatte anderes das auszugleichen!
Nicht einfach leistungsfähig sein,
wie alle seines Alters
- das setzte jedermann voraus!
Vielmehr Gewähr verheißen,
etwa,
dass er sich allem unterwerfe.
Bis in die Selbstaufgabe!
So oder
Ähnliches
Das sollte der ihn glauben machen,
bei dem Spiel!
Er hatte das auch selbst gelebt!
Sein Lächeln
wurde steifer
und die Gedanken blieben schließlich aus,
weil jede Neugier ihm entglitt.
Was ging
das Rotgesicht ihn an?
Auch wenn er dem jetzt
-- insgeheim -
die Lebenslösung hatte,
aus der für den noch etwas werden könnte!
Höchste
Zeit,
den los zu werden!
Verdammt!
Was gäbe er darum,
wie dieses Rotgesicht
die Chancen nochmals auf dem Tisch zu haben?
Die da?
Die werden immer unten bleiben,
die Rotgesichter dieser Welt!
Für die war das bereits entschieden,
bevor sie aus dem Dunkel wollten!
Und wieder
dieser schweißig-kalte Händegriff,
wie nur die Angst ihn sich erzeugt,
wenn sie sich schließlich überwindet!
"Ich danke Ihnen
für die Zeit und die Bereitschaft,
sich um den Posten zu bewerben.
Sie hören dann von uns… "
Die Floskeln konnte er perfekt.
"Sie
denken, dass ich..."
stotterte nun der, unsicher wie er war.
Kam wirklich
Hoffnung bei dem auf?
War ihm nicht klar,
was für ein Bild er ihm geboten hatte?
Er hatte
ihm zu viel Zeit von seiner Zeit gewidmet.
Das stieg so Menschen dann zu Kopf!
"Aber
ja."
gab er ihm daher freundlich mit.
Er lehnte
sich jetzt abgespannt in seinen Sessel.
Verärgert über sich,
weil er sich zu so was hergegeben hatte!
Der Kaffee
kam hereingerollt.
Endlich konnte er
Tabletten nehmen!
Mehr,
hatten sie zu ihm gesagt,
sei nicht zu machen
und mit der Angst
war ihm der Schmerz geblieben!
Doch gab er niemals auf
- wie Rotgesichter!
Er würde
sich wieder einen Termin machen!
Einer musste doch noch was wissen!
Entschlossen zog er sich das Telefon heran.
Der Besucher
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über ein Selbstgespräch
mit einem Fremden - eine Parabel
Ich saß im Garten meines Lebens.
Das war nicht
selbstverständlich.
Er gab mir aber Ruhe – war Schutz vor meinen Ängsten.
Sein Blütenzauber
tränkte mir mit Duft die Seele und meine Augen sogen ihre Farben in mich
ein.
Der Reichtum, den das alles zeigte, schäumte mir die Kräfte auf, Beglückendes
zu leben und was Besonderes zu sein!
Und ich genoss in Demut meine Größe.
Ein Leben, das zufrieden war.
Da trat ein Mann an meine Bank heran, die mir der Platz für Sonne war.
„Darf ich mich setzen?“ fragte er.
Wo genau er stand, vor mir, das konnte ich nicht deutlich sehen, weil mich die Sonne blendete. Doch war die Stimme freundlich. Als sei das einer. den man gerne trifft, um gönnerhaft auch mal die Freude aufzuteilen, die einem Augenblicke bieten.
Wohlwollend
bat ich ihn daher, mit einem Wink der linken Hand, sich herzusetzen.
Nicht, dass ich mir etwas davon versprach! Mir könnte keiner etwas geben!
Nein!
Ich war bereit, vom Meinen einem abzugeben.
Der Fremde setzte sich nach kurzem Dank und schwieg.
Mir schien
das durchaus angemessen.
Er stimmte sich wohl gleichfalls ein, in diesen Abend.
Gemeinsam würden wir gedanklich so des Gartens Reichtum nachvollziehen.
Ich würde ihm danach die Bauten dann noch näher bringen. Wie ich alles
hier erdacht; von der Abgestimmtheit meiner Ordnung und meiner Möglichkeit,
dazu selbst der Vollkommenheit noch etwas abzuringen.
Stolz kam bei dem Gedanken in mir hoch! Schließlich ist es stets bereichernd, bescheiden seine Schätze auszubreiten, als seien sie in Wahrheit nichts - und dabei doch gewiss sein des Besonderen, wenn dabei auch ein Fremder solches Ausmaß sieht! Dann zollt auch der – mir sei das dann vergönnt! – dem Wert noch die Bewunderung!
„ Ich sah nur selten einen solchen Garten, werter Herr“ sprach kurz darauf der Fremde.
Nickend stimmte
ich ihm zu.
Sein Gesicht war immer noch nicht klar zu sehen, weil - auch auf seinem neuen
Platz - mich weiterhin die Sonne störte. Ich sah nur, seine Kleidung war
mehr unauffällig, sein Alter schwierig zu bestimmen.
Doch ließ der Tonfall keinen Zweifel, dass er meinte, was er sagte.
„Wie vieles sich doch machen lässt", nickte er dann anerkennend.
„Ja.
Es war manches abzuwägen. - Doch wissen wir, die Möglichkeit ist oft
nicht Chance, sondern Risiko. Ich bin zum Glück ein Mensch, der auch die
Pflichten einer Zukunft kennt! “
Er sollte merken, dass ich vom Leben was verstand.
Ich nickte danach
träge in die Sonnenwärme und fügte dem, in schicklicher Bescheidenheit,
nach einer Zeit noch an: „Nicht nur Gedankenspiele…- Modelle habe
ich gemacht dafür! Dass alles zur Bestimmung finde!“
" Ja. Und manches ist davon getan. “ stimmte er - wohl lächelnd, so genau sah ich das nicht - nach einer kurzen Pause zu. „Gewiss hat man sie oft darum beneidet.“
Er schien
mich fast zu kennen!
Denn genau so fühlte ich mich! Wie er sagte. Stets war das jene Art von
Anerkennung, die mir als Lohn die Zweifel der Vergangenheit ein wenig milder
stimmten!
Als ich mir dessen plötzlich so bewusst, kam mir auch vieles wieder in
den Sinn: Was ich geplant, erhofft, verworfen! Und wie das Schicksal mich –
ganz Hans im Glück! – jeweils zur rechten Zeit davor bewahrte, so
manchem Denken mit der Tat zu folgen.
„Sie sitzen also hier…“ fuhr er darauf mit Ruhe fort. „Bedenken wieder mal die Wechsel ihrer Lebenszeiten… – Und die Zufriedenheit, mein Herr ....“, hier hörte ich verblüfft zum ersten Male Spott in seiner Stimme" ... hält Sie von neuem Handeln ab.“
Erst kam Verwunderung,
dann Ärger in mir hoch.
Wie konnte der es wagen, auf solche Art Erklärungen zu fordern? Ich hatte
ihn hier schließlich eingelassen! Ihm einen Platz bei mir gewiesen, um
ihm Gelegenheit zu geben, Ähnliches wie ich – wenn auch nur nachvollziehend
- zu empfinden!
Die Klugheit
hielt mich allerdings zurück, ein scharfes Wort dazu zu sagen.
Ich blinzelte zu ihm hinüber, bereit, mir jenen nun doch näher anzusehen.
Doch war er da schon aufgestanden und wieder blickte ich in grelles Licht. Unmöglich,
jenen zu erkennen, der es wagte, mehr von mir zu fordern, als ich dem Leben
geben konnte.
Das war ich
nicht gewohnt, mich für mein Lebenswerk noch höhnen lassen!
Doch gab die Stimme noch
nicht auf. Auch wenn sie nicht zu Schärfe fand.
„Wer Lebensraum besitzt wie Sie, mein Herr, der muss ihn auch für
andere gestalten! - Der darf die Dinge nicht nur für sich selbst bestimmen
und sich dem Vorgestellten überlassen, um dabei Wege für sich frei
zu halten.“
Was sollte das? Mein Leben ging nur mich was an!
Er sah mein Ungehaltensein, mein fehlendes Verstehen und fuhr, als wolle er mir damit helfen, ruhig fort: „ Ihr wart stets nur bereit, Euch Möglichem und Schein zu unterwerfen! Seid dem Ergebnis aber ausgewichen, sobald Euch Wirklichkeit zu binden drohte. - So ist ein Leben mehr vertan, mein Herr, wenn letztlich die Beliebigkeit den Mut entschuldigt und Angepasstheit gar als Lebensweisheit handelt!"
„ Was glauben Sie denn, wer ich bin?“ fauchte ich empört zurück. "Mein Leben war ein steter Kampf! Missgönnt ihr mir jetzt den Erfolg?"
Musste ich mir so was bieten lassen?
Ein mildes
Lachen kam zurück.
„ Ein Kampf? Gewiss! – Doch immer nur um euer Wollen, werter Herr.
- Ihr baut Gerüste eures Willens, verbrennt sie wieder mit der Zeit - und
dann erfindet Ihr Euch neue Spiele. Ein Kreislauf leeren Lebens - auch wenn
dem der Erfolg beschert! - Handeln ist nur Teil des Lebens! Nicht es selbst!
- So vertut man seine Zeit, anstatt darin zu reifen!“
Nun bin ich
zweifellos ein Mensch von großer Duldsamkeit! Wohl keiner, das das leugnen
würde!
Doch dafür hätte ich ihn töten können und ich weiß
schon lange, wie man Menschen sterben lässt, ohne blutbefleckt zu werden.
Denn niemals dulde ich, dass jemand meine Werte und die Ordnung schmutzt!
Als sei das nicht schon frech genug, kam es jedoch noch schlimmer!
Er stand jetzt hinter mir! Doch fühlte ich mich nicht bedroht. Weshalb ich mich erheben wollte, um all dem nun ein Ende zu bereiten.
Doch legte er nur sacht die Hand auf meine Schulter und drückte mich so auf die Bank zurück.
„ Ihr lebt in Eurem Garten Eden, wie viele Euresgleichen, werter Herr! – Doch seht Euch um! - Gegeben habt Ihr nur an Euch! Genommen immer andern! – Zwar dafür auch bezahlt, doch immer weniger, als Ihr dafür bekommen! - So seid Ihr Vorbild nur dem Neid! - Verlasst Ihr daher einmal Euren Garten, bleibt davon Dauerhaftes nicht zurück. - Denn Ihr lebt nur Zufriedenheit durch Augenblicke!"-
Er klopfte
mir noch einmal freundlich auf die Schulter.
"Bedenkt auch dies, in Eurer Muße. - Dann werdet Ihr ein großer
Mann!“
Dann war er plötzlich weg. So überraschend, wie er kam.
Rechtschaffene Empörung blieb tief in mir zurück! Auch weil ich nicht die Möglichkeit zu scharfer Richtigstellung hatte.
Entschlossen
reckte ich erneut mir das Gesicht zur Sonne und lehnte mich zurück, um
wieder die Gelassenheit herbeizutrotzen.
Doch nur sehr mühsam fand ich wieder jenes Glück der ersten Augenblicke.
Ich war daher
entschlossen, niemand mehr zu mir zu lassen!
Das hatte ich dazugelernt!
Begegnung
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über das plötzliche
Erkennen – eine Parabel
Wohlig offenbarten sich dem Fühlen
Besonderheiten dieses Tages.
Nach dem
Warum befragt,
so hätte der Verstand begründet:
Die Sonne eben ...
- und unbedacht gelassen,
dass diese jeden Tag bescheint,
nicht achtend auf die Stimmigkeit
von Umfeld und Gefühl.
Es war denn
auch
- nur ihr zueigen,
in der Unendlichkeit der Sonnenwelten! -
der Erde Zeitenwandel,
der wieder die Natur beschenkte,
indem
er
- neuerlich -
dem Sehnen die Gewissheit gab,
es werde alles sich erfüllen.
Somit ein Tag der Frühlingsernte!
Auch jenen beiden
- der Bedingtheit dieser Reize unterworfen -
ertastete die ausgelöste Ruhelosigkeit der Sinne
- fühlergleich -
die Spur,
die ineinander führen würde.
Als sie sich
- endlich -
gegenüberstanden,
genügte dann ein Augenblick,
der sie
- sofort! -
so tief einander sich versenkte,
dass ihre Blicke
auseinander stoben.
Scheu wagten
sie sich aber alsbald neu zusammen
- und wieder ein Erkennen,
das Leben keinen Zweifel lässt!
Von vielem
sprachen sie:
Dem Frühlingstag
und wie ihn jeder sich erkannte;
dem Glück,
sich dieserorts zu treffen;
von Sehnsucht
und der Zukunft,
die Leben sich erhoffen dürfe
- was eben das Verzaubertsein sich,
bei Gelegenheit,
erfindet.
Nur von
der Liebe
sprachen beide nicht
- denn diese hatte sie
- bestimmt -
bereits gefunden!
Der Morgen
Von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Sinnlichkeiten eines Morgens - eine Parabel
Die Sonne platzte aus den Wolken,
die neue Hemmnis um sie häuften.
Sacht schaukelte das Land,
als Gräser sich in fremdem Willen neigten.
Natur eratmete den Duft des Morgens.
Der Lüfte
sanfter Druck
schob sie behutsam zueinander
und Neugier ließ sie sich ein wenig reiben.
Vorgeblich um sich Halt zu finden,
doch schon gedrängt,
- im kosenden Berühren -
den Gleichklang auf sich einzustimmen.
Doch trat ein Fuß ihn in den Boden
- und das junge Glück verendete.
Sie harrte bei ihm aus
- dem Boden zugekauert,
im Tau von Tränen überdeckt.
Sie ist gebrochen,
wisperte das Rund;
nicht ohne
schadenfrohen Neid,
im Stolze seines prallen Lebens.
das in zwei Wochen selber welken würde
- ohne solche Augenblicke.
Der Wagen
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Wichtigkeiten letzter Augenblicke - eine Erzählung
Sie solle einfach warten,
wurde ihr gesagt.
Die Erwachsenen,
gewillt,
Wichtiges einander auszuteilen,
umplapperten sich danach aufgemuntert.
Fragen traute
sie sich daher nicht.
Das würde nur dies Fließen stauen
und Unverständnis in die Augen ziehen!
Womöglich Ärger auf sie schütten!
Sie sah daher gelangweilt zu ihm hin.
„Guten Tag“, begrüßte sie der Bär.
Sie kam ein Schrittchen
näher.
So gegrüßt zu werden, war ihr neu
und Grund genug,
sich den genauer anzusehen!
Er sagte dazu nichts,
doch das gefiel ihm offensichtlich,
für einen Augenblick ihr Mittelpunkt zu sein.
„Was bist denn Du für einer?
Und was ist mit Dir?“
befragte sie ihn daher frei.
„Ich
werde abgeholt.“
Er sagte das nur so,
als sei das nicht der Rede wert.
Sie wagte
sich noch mehr heran.’
„Wie meinst Du das?“
„ Ich bin alt
geworden. - Hässlich!
Deshalb holen sie mich jetzt."
Und seine stumpfen Augen,
- einst liebevoll ersetzt durch Knöpfe,
vormals einer Uniform -
blinkten etwas in der Sonne.
Darauf wusste sie nun nichts zu sagen.
Wenn einer selber so was sagt....
Es würde schon so sein!
Und wie er so in dieser Tonne saß,
ein Loch in seiner linken Pfote...
Und auch der Leib
beschmutzt und eingefallen...
„Mag dich denn keiner?“
fragte sie betroffen.
Er schüttelte den Kopf
und wieder blitzte etwas in den Augen.
Es mochte auch die Sonne sein...
„Meine
Hanni hab’ ich jedenfalls sehr lieb.“
gab sie voll Unverständnis zu bedenken.
„Die ist wunderschön!“
erklärte sie mit Nachdruck noch.
„Das
war ich auch.
- Und stark dazu!“
gab ihr der Bär zurück,
nach Augenblicken der Erinnerung.
Was ließ sich darauf sagen?
Einem fremden Bären....?
„Hanni kann dafür nicht sprechen.
So wie Du!“
sagte sie dann doch von Herzen
- erleichtert,
dass ihr noch was eingefallen.
Er würde es nicht merken,
dass sie log.
Schließlich war wirklich alt!
„
Dass Du sie gern hast,
das ist wichtig!“
gab ihr der Bär bestimmt zurück.
Und seine Augen fassten sie für einen Augenblick in Liebe!
Denn Bären wissen schließlich,
dass Puppen immer sprechen können!
Nur wusste sie das vielleicht nicht!
Der Wagen schob sich näher.
Schweigend rumpelten die Männer Tonnen.
„Mach’ Dich nicht dreckig, Petra!“
Er sah sie
nur noch schweigend an.
War ihm doch aufgegeben,
still zu sein,
wenn es nicht um Gefühle ging.
Sie verhielt.
gab sich gehorsam jedoch einen Ruck.
„Auf Wiederseh'n, Herr Bär.
- Und einen wunderschönen Tag, “
Sie wusste,
das war jetzt ganz besonders höflich!
Dann sprang sie eilig wieder weg.
Er sah ihr dankbar hinterher.
Wie lange
hatte niemand mehr mit ihm gesprochen!
Der Zuhörer
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über gefallsüchtiges Verhalten - eine Erzählung
Er hörte
zu
und ruhte
- scheinbar-
dabei tief in sich.
Bewegte zwar das Glas im Spiel der langen Finger,
doch schien sich die Bewegung
dabei niemals auf den Wein zu übertragen!
Das gab dem erst die Selbstverständlichkeit,
die ihm dann später nützlich würde!
Dabei beschäftigte
ihn nur am Rande,
worum es einem Gegenüber
wirklich ging!
Ihm zuzuhören,
war die Kunst!
Dem zu vermitteln,
dass er ihn verstand,
wie besser es nicht möglich sei!
In dieser Absicht war
- wie unauffällig -
die Höhe seiner Augen
stets etwas tiefer,
als der Kopf des andern.
Der sollte
- nur wenig,
aber wichtig! -
auf ihn herunter blicken dürfen!
Nicht minder
wichtig das Gebot,
wie der
- mit angemessener Verzögerung! -
den Arm aufs Knie zu stützen;
ihm später wieder folgen
und sich mit ihm auch wegzubeugen
oder anzulehnen
- um immer Spiegel ihm zu sein,
in dem sich der bewundern könne!
Und
- nicht zuletzt -
gehörte zum Erfolg,
dass sich das Denken in den anderen versetzt!
Denn meist macht fremde Meinung
andere nur ungehalten!
Er widerstand daher auch jedem Drang,
einen Selbstbetrug von Größe
dem anderen
bewusst zu machen!
Um trotzdem selber
frei zu bleiben,
übte er den kunstvoll leeren Wortgebrauch,
den schlichteres Gemüt
sich nach Belieben selbst missdeutet.
Das brachte ihm
- dem Schöngeist,
der er war! -
ein Mehr an Anerkennung
und insgeheim Gehöhnte
bestanden dann auf seiner Gegenwart!
Manch einem
mag so Verhalten übertrieben scheinen!
Doch Lauterkeit in solchen Dingen,
schien ihm so sinnlos,
wie einer Volkesmasse
das Gefühl zu nehmen,
mehr als Mittelmaß zu sein!
Zumal ihm
mit der Zeit
solch kluge Selbstverleugnung
Aufwind seiner Pläne wurde!
Denn rasch stieg er dadurch empor,
flog schließlich über fremdes Land,
auf das ihn jene huldvoll blicken ließen
- nur noch bedacht,
die Landung und den Platz
- wenn möglich -
selber zu bestimmen.
So teilte
er sich
Neigung
und Gefälligkeit
in kühler Überlegung,
was ihm jeweils nutzen werde.
Und lähmte
ihn doch mal die Ahnung,
dass er sich vielleicht selbst dabei missbrauche,
half ihm dann die Gewissheit auf,
dass er zumindest
dieses Spiel beherrsche!
Auch solche Macht
will ausgekostet sein!
Es ärgerte
ihn daher insgeheim,
wie ihm entgehen konnte,
dass er sein Glas
- zu lange schon! -
so in den Fingern drehte,
als habe ihn
doch Langeweile überrannt!
DIE
BURG
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über das schwierige Eigensein – ein Märchen
Es lebte einst ein Knabe
von zwergenhaftem Wuchs.
Der Vater starb ihm früh,
die Mutter folgte dem aus Gram,
kaum dass zwei Winter hingegangen.
So ward ihm jung schon große Bürde aufgeladen,
in Absicht mancher,
ihn damit zu erdrücken.
Doch widerstand er dem.
Mit Fleiß und Klugheit glich er aus,
wo die Erfahrung Lücken hatte.
So war er denn im Volke wohl gelitten,
doch hieß der Hof ihn,
hinter seinem Rücken:
„Zwerg König“.
Bald schon
erfuhr der junge König von dem Spott.
Doch die ihm dies so eilig zugetragen,
schwiegen danach,
ohne einen Rat zu geben,
der einem jungen Menschen hilfreich ist.
Lag denen doch daran,
ihm dadurch einen Stachel einzureissen,
dass seine Seele Schaden nehme!
Denn Menschenkenntnis weiß,
das würde ihn aus Seelennot
dann Schmeichelei empfänglich machen,
- die stets ja auch Geschäfte lenkt!
Zumindest würde es ihm Selbstbewusstsein rauben!
Und wer weiß?
Wenn er es dann nicht mehr ertrug,
- vielleicht die Krone!
Wen die
Natur mit Mangel ausgestattet,
kann jedoch eines Ausgleichs sicher sein!
Denn nichts geschieht,
das sich nicht fügen soll!
Selbst wenn es Mühsal,
manchmal Pein bedeutet,
bis sich so Zeichen lesen lassen.
Denn eben
das ist Menschenprüfung,
dem Leben
aus Verlust
Gewinn zu machen!
Selbst wem
es nicht vergönnt,
sein Ziel auch zu erreichen,
hat dennoch seinen Weg zu gehen!
Denn die Erlösung wird uns nicht geschenkt!
Gewährt sich vielmehr nach Bemühen!
Doch nur wer abwirft,
was den Gang beschwert,
kann seinen Pfad dann auch begehen!
Wer nur die Leichtheit leben durfte,
dem bleibt aus diesem Leben nichts!
Es muss sich sinnlos wiederholen.
Doch trotz des Kummers,
den er litt,
um zunächst Mann zu werden,
gedieh des Königs Wesen ohne Fehl!
Selbst Ränkeschmiede konnten nichts zerstören.
Erschrecken
daher allerorten,
als er sich jene,
die als Spötter ihm bekannt,
er eines Tages vor den Thron befahl.
Er wollte es nicht länger dulden,
dass sie bei ihm nicht Taten maßen,
sondern Körperlänge,
nur weil sie selber kein Gebrechen hatten!
Die Einbestellten
kamen voller Furcht.
Tief beugte jeder sich,
bat reuevoll um Gnade,
bejammerte ein Missverstehen!
Und keiner,
der
„bei Gott“
sich zu erklären mochte,
wie dieser hoch verehrte König
jemals Bemerkung derart deuten konnte!
Nie hätte einer je gedacht,
das könne auch verletzen!
Zumal auch zu bedenken sei,
dass Volkesmund oft ungeschlacht
und Liebe und Bewunderung
dadurch auch falschen Ausdruck finden!
Nicht Strenge brauche so ein unbedachtes Wort!
So Einfachheit bedarf der Milde!
Das werde einem Herrscher erst gerecht!
So rieten
ihm vor allem jene,
die ihm zuvor die Namen hergetragen.
Der König
war im Feld der Politik
zwar groß geworden,
doch unterwürfig spielte alles stets für ihn!
Zudem war er nach seiner lieben Wesensart
mehr Ball,
denn Spieler,
weshalb er manche Absicht nicht durchschaute.
Er hatte ohnehin nur widerstrebend zugestimmt,
dies eine Mal,
für sich,
sein Amt zu nutzen.
Nun brachte
ihm sein Handeln
plötzlich das Gefühl,
aus hohler Eitelkeit
versagt zu haben!
Und er bereute insgeheim,
sich auf so Nichtigkeit zu werfen.
Er beließ
es daher bei Verwarnung
und gab die Heuchler wieder frei!
Sich selber half er mit der leeren Hoffnung,
ein neuer Anfang sei gewonnen.
In Wahrheit hatten Dritte
wieder einen Sieg gemacht!
Die Jahre
fuhren Wohlstand in das Land,
gelenkt von diesem Herrscher,
dem nur noch Weisheit für das Leben fehlte.
Jedoch braucht solches Reifen mehr,
als bloßes Wissen und Verstand!
Doch war ihm auch das Herz gegeben,
selbst dieses wohl noch zu erlangen!
Und viele kamen vor den Thron,
sich seinem Richterspruch zu beugen,
denn er galt immer als bemüht,
das Richtige zu finden:
zu helfen,
wo es galt,
und dort zu strafen,
wo das Unrecht wohnte.
Das Volk war daher sehr mit ihm zufrieden!
So hätten
denn die Zeiten ihren Fortgang nehmen können!
Doch irgendwann fiel auch dem König auf,
dass immer dann,
wenn er auf seines Thrones Stufen stand
- und jedermann erkennen musste,
mit welchem Wuchs ihn die Natur bedacht! -
die Augen aller wegzueilen suchten
und Lachen fast zu greifen war!
Nie aber
fiel dabei ein Wort,
das diesen Eindruck ihm bestärkte!
Auch lauthaft gab es nie Beweis!
Er fühlte
nur,
dass es geschah!
Das riss ihm aber so an alten Wunden,
dass er mit Härte aufbegehren wollte
um Anstand für sich selbst zu fordern!
Und wusste doch,
so würde er auch sich bestrafen,
denn Denn Zeitenläufe hatten ihn gelehrt,
dass niemals Zorn,
Enttäuschung
oder Schmerz,
Entscheidung fällen sollte!
Derlei wird Dir nie vergeben!
Jedoch ist ehrliches Verzeihen
dann wieder einer Abgeklärtheit vorbehalten,
die fremde Fehler auch sich selbst erklärt
- und dazu war er noch zu jung!
Die wahre
Lösung sah er daher nicht!
Es blieb ihm nur,
den Schmerz tief in sich einzuschließen,
ihn jedem Lichte fernzuhalten,
- damit er nicht die Feinde stärke! -
und jene,
die ihm weiter gut gesinnt,
nicht damit in Verwirrung stürze!
Denn was
er jetzt auch immer tue:
die Kleinheit seines Körpers blieb,
naturgegeben!
Da half
auch nicht,
die Spötter einzuschüchtern!
Gar alte Fragen neu zu stellen!
Derlei ist Jugend vorbehalten,
die hilflos nach Gerechtigkeit verlangt.
Zumal,
auch das sei angemerkt,
der Schwur,
der einstmals ängstlich ihm geleistet,
nie öffentlich gebrochen wurde!
Weil jeder seine Schwäche kannte,
und Macht ihm zur Verfügung stand!
Er wäre folglich gegen etwas aufgestanden,
das scheinbar nur für ihn bestand!
Das aber war dann Eingeständnis,
mit leidiger Natur nicht klar zu kommen,
unfähig sein,
das Schicksal zu ertragen,
wie es war!
Was seinen Neidern,
zum Spott,
nur neue Nahrung geben würde!
Und er beschloss,
dies alles nicht mehr wahrzunehmen!
Die Scham tief in sich einzuschließen!
Wo viele von dem Ziel vereint,
Macht zu gewinnen und zu nutzen,
hat eine Tat nicht dauerhaft Gewicht.
Vielmehr das flinke Wort,
das listig in des Geistes Nischen dringt,
dort Wissen aus ihm saugt,
um Vorteil für sich selbst zu finden,
herrscht über alles Denken!
Deshalb
blieb auch hier,
beim täglichen Betasten von Gefühlen,
der Ahnung nicht verborgen,
dass ihren König Wehmut quälte.
Für manche war das Grund zur Wachsamkeit,
denn Macht,
die vom Gefühl bedrängt,
kann auch leicht zur Seite fallen
und jählings die erschlagen,
die ihr zu nahe sind.
Daher war es klug gedacht,
die Gründe zu erfahren,
die zu Gefahren werden können.
Doch als selbst hintersinnigstes Befragen
beim König keine Richtung wies,
streuten die Gerüchte
sich schließlich selber aus!
Auch dies jedoch zu seinem Schaden,
denn eifrig schürten Neider Zweifel.
Bedauernd hieß es jetzt:
Er sei zwar König,
aber eben auch ein Zwerg!
Und Macht verlange nun mal Größe!
Und jene,
die in solcher Hohlheit leben,
sahen ihn dann mit der Zeit
durch diese fremden Augen!
Doch wurde keiner ruchbar,
der niederträchtig diese Glut
durch steten Wind entfachte,
damit sie nicht im Volke erlösche.
So fanden
sich allmählich viele,
all dies dem Herrscher zuzutragen,
in schmeichlerischer Heuchelei;
die ihn,
der Absicht nach,
ersticken wollte,
- nach dem Gesicht
ihm redlich diente!
Und es begab sich
mit der Zeit,
dass niemand ihn mehr lachen hörte.
Ein Geist,
der ganz allein gelassen!
Mit niemand abgesprochen,
gab der König daher eines Tags bekannt,
es sei ihm eine Burg zu bauen.
Mit Mauern, die so hoch bewehrt,
dass keiner sie erklimmen könne.
Dorthin
begab er sich.
Und er ließ niemand je hinein!
Es gilt als förderlich,
die eigene Person bedeckt
und fern zu halten,
damit Geschichten um sie weben,
die Wahrheit nur zerreißen würde.
Des Herrschers
Absicht war dies nicht,
doch so geschah es auch bei ihm!
Kaum hatten ein paar Jahre
den König von dem Volk entfernt,
begannen die,
die er nun abstandsvoll regierte,
von ihm ein neues Bildnis zu erstellen!
Denn alle sahen zwar die Taten,
doch wagte schließlich keiner mehr,
aus der Erinnerung zu sagen,
wie klein gewachsen dieser König war!
Weil Gemüt jedoch bewundern will,
sprach es ihm schließlich eine Größe zu,
die an Ausmaß jener Burg entspreche,
die trutzig aller Neugier wehrte.
So wusste
schließlich jeder,
dass dort ein Riese wohne!
Ein Mädchen,
jung und schön,
gleichsam wie vom Wind getragen,
wehte eines Tages
Zufall vor die Mauern.
Dort spielte sie verträumt mit ihrer Zeit.
Und just an diesem schönen Tage,
kam auch der König launig auf die Mauer;
sah diese Anmut
und die Lieblichkeit des Weibes,
die sich hier kindhaft offenbarten
und freundlich grüßte er zu ihr hinab.
So kamen sie von dort ins
Plaudern
und ließen ihre Zeit verfallen.
Das Mädchen ging dann irgendwann zwar fort,
versprach jedoch,
am Morgen wieder zu erscheinen.
Sie tat das dann auch,
völlig unbeschwert,
nicht ahnend,
wer da oben stand!
Sie wusste zwar,
- wie jeder! -
die Burg dort war ein Königssitz,
doch dieser da
- das sah sie trotz der hohen Mauern! -
war nicht der Riese,
der hier wohnte!
Als sie
des Abends wieder fort,
blieb der König
noch weiter auf der Zinne.
So unbeschwert und heiter in der Seele,
wie ihn zuvor noch keiner sah!
Und ehe diese, plötzlich lange Nacht
dem Tage endlich weichen musste,
harrte er auch schon des Mädchens Lachen.
Sie kam
in einem Sonnenstrahl,
der gleißend in ihr Haar versprühte
und ging erst,
als die Sonne schied.
Doch als sich beide
trennten,
war um die körperlich getrennten Seelen nun ein Band,
das Worte sanft um sie gewoben hatten.
Gleich einer Fessel ließ es ihn zurück,
in einer leeren Einsamkeit,
die ihm nun seltsam seine Brust erfüllte.
Und er schritt langsam durch die Burg,
erfühlte ihre Stärke und die Macht,
die steinern sie verstrahlte.
Begriff zwar auch den Schutz,
den sie ihm bot
und doch befreite dieser Schutz ihn nicht!
Vielmehr,
als er den Stein begriff,
der ihn vom Leben trennte,
verlor sehr vieles seinen Sinn.
Und er beschloss,
sich zu befreien,
zurückzukehren in die Welt!
Den Kampf noch einmal aufzunehmen
- um des Gefühles willen,
das ihn trieb!
Auch dachte
er
- das sei hier nicht verschwiegen –
er wolle die zur Königin,
zur Mitregentin seines Lebens machen,
die ihm ein solches Glück gebracht.
Damit sich jeder mit ihm freue
und Neid und Spott vergessen seien!
Gedacht! Getan!
Am Morgen war der Wall gebrochen,
geschleift die Feste bis zum Grund!
Was brauchte es noch starker Mauern,
nachdem die Liebe ihn beschützte!
Das Mädchen,
als es vor ihm stand,
- in gleicher Augenhöhe
und auf gleichem Grund -
mit dem,
der sich ihr nun als König offenbarte -
schwieg!
Denn Schönheit,
- selber kein Verdienst! -
hat immer einen Preis,
sucht jedenfalls die Anerkennung!
Nicht den Spott!
Den aber
würde sie
- wie der! -
durch den gewinnen,
war sie ihm seine Königin!
Nach einem
tiefen Knicks
lief sie daher von dannen.
Der König aber musste bleiben!
Und gaffend trat das Volk heran,
das auf die Kunde weither eilte,
der Riese werde sich ihm zeigen.
Wie stets bereit,
- um ihrer Sehnsucht willen! -
in Andacht vor ihn hinzufallen.
Und plötzlich lachte einer,
gewillt,
den wieder zu zerstören,
der seinem Denken nicht entsprach!
Ist die Enttäuschung doch oft ärgster Feind,
selbst dem,
der zu der Hoffnung nichts getan!
Und viele stimmten darin ein,
erbost,
weil nun ihr Traum zerborsten!
Sie richteten mit ausgestreckten Finger;
schlugen johlend auf die Schenkel
und lachten,
bis die Tränen flossen.
Das sollte dieser Riese sein?
Wie eben Kinder Eltern töten!
Bis immer mehr begriffen,
was sie taten,
nur um sich selber zu befreien!
Bald schwiegen
wieder alle,
in bangem Wissen um die Macht,
die jener über alles hatte.
Der König hatte sie nur schweigend angesehen.
Jetzt schlug die Vorsicht einen weiten Kreis um ihn!
Er stand
nun einsam in der Mitte.
Erschrocken,
was er hier gewagt!
Entsetzt,
weil er sich solcher Marter unterzogen!
In Angst,
dies niemals mehr zu überwinden.
So standen schließlich alle da,
ein Mustern beider Seiten,
ängstliches Wägen
Für und Wider!
Auf ein Mal lachte dieser König!
Nicht zaghaft!
Nein!
Im Herzen frei!
Er grüßte fröhlich in die Runde;
trat freundlich auf die Menschen zu
und sprach mit ihnen über sie,
als Mensch,
- nicht nur ihr König -
der mit an ihren Sorgen trug!
Die Burg
ward nie mehr aufgebaut!
Vom Herrscher aber wird berichtet,
wenn immer ihn danach mal einer traf,
so grüßte der von ganzem Herzen:
„Ein langes Leben, großer König!“
Die Eisfee
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über die Selbstfindung einer Einsamen - ein Märchen
Es war einmal ein Mädchen namens Deborah. Sie lebte nach dem jähen
Tod der Eltern in einem Heim. Dort waren die Erwachsenen immer streng und sehr
schnell ungehalten.
Eines Nachts wurde Deborah darüber traurig, so dass sie bitterlich weinte. Ersehnte sie sich doch, dass jemand sie mal voller Herzlichkeit umarme. Ihr schien das nicht zu viel erwartet, doch keinem war das wichtig. Es taten alle ihre Pflicht.
Auf einmal
klopfte es ganz sachte an der Fensterscheibe.
Niemand sonst schien das zu hören. Dabei schlief sie nicht allein im Zimmer.
Vorsichtig trat sie heran.
Draußen stand ein Wesen, so wunderschön, wie Ähnliches Deborah
nie gesehen.
Sie öffnete
leise das Fenster. Hast Du geklopft? fragte sie flüsternd, und die strahlenden
Augen dieses zierlichen Geschöpfes beglückten sie sofort.
Das Wesen nickte freundlich und lächelte sie an.
Die andern schlafen aber alle&
Das Wesen winkte dankend ab und sagte darauf leise: Ich komme Deinetwegen. -
Ich weiß, Du kennst mich nicht, Deborah,. - Ich bin die Sonnenfee und
hörte, dass du weinst."
Deborah schreckte
auf!
Ich war zu laut, durchfuhr es sie!
Zudem kannte diese Fee auch ihren Namen!
Als könne sie Gedanken gelesen, schüttelte die Fee jedoch den Kopf. Ich höre Seelen rufen, weißt Du! - Vielleicht kann ich Dir helfen...
Die liebevolle Art ließ Deborah rasch Vertrauen fassen und als habe sie das immer so getan, erzählte sie von ihren Eltern und wie sehr sie deren Herzlichkeit vermisse. Auch, dass sie die Unpersönlichkeit im Heim als eine schwere Last auf sich empfinde.
Doch während
sie das so berichtete, schämte sich Deborah plötzlich etwas.
War sie nicht vorlaut mit so Wollen? - Anderen erging es noch weit schlechter!
- Was erwartete sie eigentlich? - Dass man noch mehr Verständnis für
sie habe? - Liebe geben& ? - So was braucht gewiss viel Zeit! Wie anders
könnte man sich näher kommen? - Doch.... ! - Zeit? - Die hatte niemand
in dem Heim!
Die Sonnenfee streichelte aufmunternd ihren Arm und sagte : So Wünsche sind nicht unberechtigt, Kind! - Liebe ist nun mal das Schönste, das sich Menschen geben können und ward sie Dir erst mal geschenkt, bleibt immer Sehnsucht danach übrig.
Deborah war
erleichtert!
Doch wusste sie auch etwas von dem Schlimmen auf der Welt und dass die Liebe
dort nicht wiegt! - Denn was war schon ein Herz?
Doch lächelte
die Sonnenfee ihr weiter zu:
Weißt Du, Deborah: Genau an dieser Sache krankt ihr armen Menschen! -
Ihr denkt nur immer an euch selbst! - Weil viele Liebe gar nicht kennen. - Was
also sollten die vermissen können? - Und was, vor allem, sollten die dann
weitergeben? -- Bei Dir, Deborah ist das anders! - Du hattest Eltern, die kannten
die Bedeutung einer Liebe! - Und dieses Wissen wird nun Last! Deshalb kam ich
überhaupt! - Dir für Deinen Mut zu danken und auch für Dein Vertrauen,
dem Schicksal denoch Herzenswärme abzufordern.
Die Fee ließ
ihre Worte etwas wirken, dann fragte sie ganz unverhofft: Doch wärst Du
auch bereit, dafür selbst etwas zu tun und so, vielleicht als Vorbild,
anderen ihr Schicksal zu verschönen?"
Deborah schwieg betroffen. Sie hörte auch den leichten Spott, als die Sonnenfee
nach langer Pause fragte: " Oder bleibt es wie bei vielen Menschen - auch
bei Dir beim Klagen?"
Das saß nun punktgenau! Deborah wusste um den Unterschied, ob man im Selbstmitleid nur mit der Zukunft hadert oder etwas für sich tut!
Die Sonnenfee
betrachtete sie einen Augenblick lang prüfend und sagte danach nur: "Durchdenke
dies bis morgen Nacht!
Damit verschwand sie.
Deborah stand
noch eine Zeit lang reglos an dem Fenster.
Dann schlüpfte sie ganz leise in ihr Bett zurück und grübelte
noch lange.
Gewiss! - Sie war bekümmert, weil die Eltern fehlten! - Doch sonst erging
es ihr doch gar nicht schlecht! Hatte sie nicht alles, was sie brauchte? - Darf
trotzdem einer noch mehr wollen?
Und wofür sich ändern und einem Anspruch auf Gefühle damit seine Wirklichkeiten opfern? - Selbst wenn gelegentlich die Seele kümmern sollte... - Dem Leben ist das schließlich nicht gefährlich! - Nur einem Augenblick!
Der Tag verging. Für sie schien es entschieden!
Deborah bangte trotzdem dieser Nacht entgegen!
Was bloß, wenn sie das Falsche tat? Schien doch die Sonnenfee viel mehr
zu wissen, was sie brauchte, als sie selbst!
Anders sie?
Deborah! - Was sollte sie jetzt tun? - Was wurde eigentlich erwartet? - Nur,
dass sie sich entscheiden müsse, war schon klar! - Auch, dass es wohl um
etwas ging!
Sie dachte nochmals alles durch! - Vielleicht machte sie sich etwas vor! Hatte
sie das alles missverstanden? - Oder wollte sie, in frecher Selbstvergessenheit,
das nur so verstehen?
Plötzlich hörte sie im Dunkel schwaches Hufgetrappel!
Sie eilte
leise an das Fenster, um den Schlaf der andern nicht zu stören und sah
ein strahlend weißes Pferd.
Niemand sonst schon davon etwas zu bemerken!
Der Schimmel schien auf sie zu warten!
Als sie dies begriff, brauchte es nur Augenblicke, bis sie sich umentschieden hatte. Selbst Zweifel gab es plötzlich keine! - Nur Gründe für dies Handeln, hätte sie nicht nennen können.
Heftig winkte sie dem Schimmel durch die Scheibe zu. Er solle wissen, dass sie komme, und wie zur Antwort senkte er ganz kurz den Kopf.
Leise lief
sie danach vor das Haus, erfüllt von neuem Schwung und Zuversicht!
Sie, die noch nie geritten war, glitt sogar ohne Zögern auf das Pferd.
Das Tier ritt an. Ihr Herz erfühlte neues Glück!
Irgendwann. nach schnellen Ritt. hielten sie vor einem Teich.
Zu Deborahs Überraschung schwammen in der Mitte pralle Blumen, die wie
ungewöhnlich! im Mondlicht für sie aufgegangen waren!
Am Ufer aber wartete die kleine Fee.
Zögernd
stieg Deborah von dem Schimmel.
Was sollte sie jetzt sagen? - Oder tun?
Die Sonnenfee
begrüßte sie
Anerkennend fügte sie dem noch hinzu: Es erfordert immer Mut, den Alltag
zu verlassen.
Plaudernd deutete sie dann auf das Pferd: Der Ausritt machte Dir ganz offensichtlich
Freude. - Das ist schön!"
Deborah fühlte,
ihr war aus Güte dieser Augenblick geschenkt!
Doch, warum?
Die Sonnenfee
lächelte sie weiter an. Sie hatte längst in dieses junge Herz geblickt
und dort gesehen, was dem wichtig war.
Ruhig blickte sie daher Deborah an. "Wenn Du Dich fragst, was Dich erwartet,
so hast Du nichts zu fürchten. - Ich weiß, Dir ist das aber nicht
genug! - Du möchtest mehr vom Leben. Das ist die Neugier jeder Jugend!"
Sie wurde plötzlich ernst.
"Doch wer nur fordert, ohne ernsthaft selbst zu geben, wird niemals wirklich
viel erhalten! Bist Du bereit, für diese Zukunft auch zu wagen?
Deborah erschrak.
Die Sonnenfee durchschaute sie!
Sie war doch stets nur Schülerin der Pflicht und des Gehorsams und beiden
ist die Zukunft niemals Wagnis, das sich lohnt! Schon gar nicht, wenn dies einen
Aufbruch aus dem Jetzt bedingt!
Und sie begriff, wie sehr sie sich in Wahrheit überschätzte! - Überhaupt! - Was wusste sie von Liebe und dem Leben? - So lange man bescheiden bleibt, genügt es doch, dass wenigstens die Hoffnung bleibt!
Die Sonnenfee
betrachtete sie sinnend.
Dann fuhr sie schließlich fort: "Wenn Dir der Ausflug jedoch schon
genügt, dann bringen wir Dich auch zurück! - Niemand weiss bisher
von Deinem Fehlen."
Deborah war
erleichtert. Die Fee ließ ihr die Freiheit, wiederum zu wählen! -
Denn was nun kam, das sollte sie sich offenbar erkämpfen müssen! -
Und kämpfen hatte man sie nie gelehrt!
Die Sonnenfee fügte aber an: Du sollst die Eisfee überwinden! Weil sie jedem schadet, den sie trifft! - Denn sie entzieht den Menschen Herzenswärme!
Deborah erschrak.
Das klang gefährlich! Und so was war sie nicht gewachsen!
Doch war sie nicht zu mehr bereit gewesen, seitdem dies alles hier begann?
Nach kurzem Zögern nickte sie daher entschlossen! Nur wusste sie nicht recht, warum. - Und doch schien dies in irgend einer Weise selbstverständlich!
Denn warum sollte sie die Eisfee nicht bezwingen? - Tat sie das nicht auch für sie selbst? - Gegen jeden Mangel fremder Herzenswärme? - Vielleicht war diese Eisfee überhaupt der Grund, dass sie sich so verlassen fühlte? Denn Herzen geben schwerlich Liebe, denen es an Wärme fehlt! - Doch wie erwärmen sich noch Herzen, wenn die Eisfee sie der Liebesfähigkeit beraubt?
Bei allem Mut und Selbstvertrauen war Deborah jedoch klar: Ihr Wollen räumte nicht das Wissen weg, dass diese Eisfee Böses wollte - aus einem unbekannten Grund. Wie konnte sie daher nur denken, ein solches Wesen zu bezwingen?
Der Einwand stand vor ihr wie eine Mauer!
Die kleine Sonnenfee, dies Zauberwesen, schien ihr das jedoch zuzutrauen! - Warum daher nicht auch sie selbst? - Inzwischen hatte doch manchen Schritt getan, die Dinge neu zu wagen! - Und damit sich auch selbst ermutigt!
Die Sonnenfee
sah sie zwar an, sagte aber weiter nichts. Verschwand vielmehr so schnell, wie
in der Nacht zuvor.
Das weiße Pferd lief einfach in den Wald hinein.
Deborah blieb allein zurück und wurde plötzlich sehr verzagt. Hatte sie sich doch zu weit gewagt? - Bescheidenheit und Demut wären angebracht gewesen! Nicht ihr frecher Übermut!
Sie wusste nur nicht, was jetzt tun!
Doch es geschah
auch nichts!
Das ließ sie hoffen! -
Auch schien die Sonnenfee sich sicher, dass es Deborah wagen könne und
dann zur rechten Zeit auch fähig sei zum Richtigen!! - Sie forderte auch
nicht, dass sich Deborah etwa opfern solle! Keineswegs! - Sie solle vielmehr
siegen!
So viel Vertrauen von der Sonnenfee gab Deborah neuen Mut, und um dem dann auch zu genügen, wartete sie einfach ab. War dabei fest entschlossen, sich bei Bedarf auch zu beweisen!
Irgendwann jedoch, zu Füßen einer alten Eiche, gähnte sie die Müdigkeit in einen tiefen Schlaf.
Ganz plötzlich
fror sie, und erwachend hörte sie Gemurmel.
Aufgeschreckt sah sie sich um!
Wo zuvor noch Blumen auf dem Wasser blühten, fror jetzt Eis die Fläche zu und strahlte seine Kälte ab,
Deborah fröstelte.
Plötzlich aber wurde sie ganz wach, denn auf dem festen Eis des Teiches
stand die Eisfee!
Deborah kannte sie sofort, als sage es ihr eine Stimme. Es konnte niemand anders sein!
Die Eisfee war auch nicht allein! Bei ihr zwei furchterregende Gesellen und auf diese sprach sie halblaut ein. Deborah hörte nur noch, wie sie halblaut sagte:" Bewacht mir gut den Wasserfall! Deborah darf ihn nicht erreichen! - Schützt uns die Wunderblume! Die Mahnung schien ihr wirklich wichtig, denn sie fügte nochmals an: " Sie darf die niemals finden!"
Deborah jagte das Gehörte großen Schecken ein! Es wirkte sehr bedrohlich, verstärkt durch diese Finsterlinge! Die Eisfee selber schien ihr eher unscheinbar, doch furchteinflößend vor Entschlossenheit. Was sie begann, das würde auch zum Ende kommen! Aus Gehorsam oder Pflichterfüllung!
Und dieses
zu begreifen, lähme jetzt Deborah!
Wie sollte sie ein solches Wesen überwinden? - Sie! Die zwar Wille und
Bereitschaft hatte, aber weder Können noch die Macht, den Kampf mit einem
solchen Wesen aufzunehmen?
Erschreckend sah sie außerdem, wie selbst die starken Widerlinge vor der Eisfee dienerten und in die Finsternis enteilten, wobei sie dunkle Laute von sich gaben.
Deborah schlich
sich schaudernd hinter diese dicke Eiche, in deren Wurzelwerk sie vorher schlief.
Sie wusste nur, sie müsse weg! - Ihr fielen, wie im Hohn, dabei die Worte
wieder ein, mit der die Sonnenfee sie noch beschwichtigt hatte:" Wenn Du
Dich fragst, was Dich erwartet, so hast Du nichts zu fürchten!"
So konnte doch nur jemand sprechen, der solche Augenblicke nie erlebt! Sie spürte
schließlich die Gefahr, die diese Eisfee kalt verstrahlte! - Daran gab
es nichts zu zweifeln!
Furchtsam schmiegte sich Deborah daher an den rauhen Stamm. Die Eisfee hatte sie noch nicht bemerkt! Doch was, wenn sich das tat? - Hatte nicht die Sonnenfee gesagt, die Eisfee sei zu allem fähig?
Angst ist
dem Menschen meist ein Schutz! Denn sie behütet ihn vor Schaden und bremst
vor allem Übermut.
Doch selbst im Fliehen darf sie niemals einfach niederrennen, sondern muss,
auch dann, sich mit Vernunft zusammentun! Damit gemeinsam beide das Geschehen
wägen und danach wissen, was zu tun!
Deborah war das aber nicht bewusst! Auch stellte sich zur Hilfe nicht die Ruhe in den Weg, um mit ihr alles abzuwägen. Deborah wusste nur, die Eisfee werde sie gewiss bemerken, wenn sie jetzt kopflos in den Wald mit seinem Dunkel rannte, in dem auch noch die beiden Kerle waren!
Der Schrecken ließ sie dennoch wieder zu sich kommen. Doch wie gelähmt verharrte sie an ihrem Platz!
Die so geschenkte Zeit rief jedoch wieder in Erinnerung, was die Eisfee eindringlich den Finsterlingen sagte: Bewacht mir gut den Wasserfall! Deborah darf ihn nicht erreichen! - Schützt uns die Wunderblume!"
Wie schon
die Sonnenfee, so wusste also auch die Eisfee von Deborah! - Nicht nur das!
Sie glaubt gar, Deborah könne ihrer Macht gefährden! - Sie besiegen!
- Wie die Sonnenfee verlangte!
Die Eisfee schien Deborah offenbar zu fürchten!
Das aber stellte alles auf den Kopf!
Die Gedanken fanden dadurch aber neue Ordnung und auch die Angst ließ
etwas los!
Doch immer noch gewannen die Bedenken Oberhand!
Hatte sie die Worte vielleicht falsch gehör?! - Vielleicht ihr nur die
Angst so eingegeben?
Nein!
Keine Zweifel!
Von einer Wunderblume war die Rede, die es vor ihr zu schützen galt!
Doch warum
sollte sie die denn nicht finden?
Die Widersprüchlichkeiten nahmen überhand!
Dennoch musste irgend was geschehen! Sie durfte hier nicht länger bleiben!
Sie tastete sich schließlich ganz behutsam vor. Bedacht, Geräusche
zu vermeiden, weg nur von von dem kalten Ort und der Bedrohung ihres jungen
Lebens!
Wie weit sie dabei wirklich kam, hätte sie nicht sagen können, weil
sich die Dinge so vermischten, dass sie ihr Zeitgefühl verlor. Bei diesem
Tasten durch die Finternis berührte sie jedoch auf ein Mal etwas Weiches,
das voll Leben - und leises Schnauben schob ihr alle Ängste auf die Seite,
gab neuen Halt und Zuversicht.
Sie ahnte
nur! Das war das weiße Pferd! - Sehen konne sie es zunächst nicht!
Es hatte sie jedoch erwartet und schien zu wissen, was zu tun!
Zumindest war sie nicht jetzt nicht mehr allein!
Würde es sie wieder führen? - So, wie es sie an diesen Ort gebracht?
Sie wusste
nicht, was sie erwarten durfte. Nur ein Vertrauen war jetzt da, das vorher in
ihr fehlte.
Sie suchte daher einfach nach dem Sattelknopf, schwang sich beherzt hinauf und
wie befreit ließ sie das alles hier zurück.
Zunächst
im Schritt und lautlos, dass die Eisfee nichts erahne, brachte sie das Tier
behutsam fort.
Als sich der Wald dann lichtete, trabte dann der Schimmel an und brachte sie
schnell weiter. Sie wusste nicht, wohin, doch machte ihr das keine Sorge.
So ahnte sie auch nicht, das sie das Tier in jene Richtung brachte, in der zuvor die Eisfee ihre Helfer schickte. Von denen aber war schon lange nichts zu sehen.
Jählings
stand Deborah, Augenblicke nur, vor jenem hohen Wasserfall, dessen Rauschen
schon seit langem hörbar war.
Dann brach der Schimmel durch die Wand aus Gischt und Wasser!
Sie befanden sich in einem kleinen Tal auf einer Wiese voller Pracht, die hohe
Felsen reizvoll säumten und Tageslicht durchflutete.
Deborah wähnte sich verzaubert, als stolz das weiße Pferd durch einen
solchen Liebreiz schritt.
Der Schimmel
hielt mit ihr vor einer Blume, deren Farbenkraft sich der Beschreibung fast
entzieht und sie Deborah nie gesehen hatte.
Das also war die Wunderblume! Keine Frage!
Und Du hast sie nun doch erreicht, flüsterte es ihr es ihr von allen Seiten
zu, als hätten viele darauf nur gewartet.
Das weiße Pferd, von dem Deborah nicht mal ahnte, dass es sprechen konnte, drängte sie jedoch ganz plötzlichl: Brich diese Blume! - Schnell!"
Deborah wagte dennoch nicht, der Forderung zu folgen! - Das Tier sprach von der Wunderblume, die, wie sie von der Eisfee wusste, zudem ein Geheimnis barg! - Welch ein ganz besonderes Gewächs! Und diese Kostbarkeit zerstören? Das konnte niemals richtig sein!
Das weiße
Pferd bemerkte diesen Widerstreit in ihr und schnaubte schließlich drängend.
Dann sagte es jedoch ganz ruhig: Bis hierher hast Du mir doch auch vertraut,
Deborah.
Kein Vorwurf war das. Mehr ein mahnendes Erstaunen!
Deborah wusste
darauf nichts zu sagen!
Doch plötzlich dachte sie, ganz unverhofft, an den geliebten Vater, der
einstens ihre Hände nahm - bei welchem Anlass war ihr längst entfallen!
- und freundlich sie belehrte: "Nicht immer alles zu verstehen, Kind, heißt
nicht, schon was falsch zu machen!"
Sie gab sich daher einen Ruck, beugte sich herab in ihrem Sattel und brach die Blume möglichst tief.
In diesem Augenblick geschah es! Der Eisfee Finsterlinge brachen mit Geschrei durch diese Wasserwand - entsetzt, was sich vor ihren Augen tat und sichtlich fest entschlossen, mit Gewalt noch ihrem Auftrag zu genügen!
Deborah wurde starr vor Schreck! Saß auf dem Pferd, die Wunderblume in der abgesenkten Hand und der Eisfee Mannen schon bedrohlich nah!
Der Schimmel
hätte sie in schneller Flucht vielleicht noch retten können! Statt
dessen blieb er stehen.
Doch er fraß die Wunderblume in Deborah 's Hand!
Im gleichen Augenblick wurde aus dem weißen Pferd ein starker jungen Mann, der Deborah sofort Schutz gewährte. Die Finsterlinge heulten daher auf, verharrten einen Augenblick und flohen durch den Wasserfall zurück, woher sie kamen. Sie hatten ihre Kraft verloren!
Was weiterhin geschah, ist rasch erzählt.
Die Eisfee, wie uns später zugetragen wurde, verlor zur gleichen Zeit an Macht und konnte Menschen danach nur noch Schaden, wenn sich ihr noch mehr schlechte Wesen zugesellten. Doch wussten sich die Menschen fortan auch zu helfen!
Deborah und
der junge Mann jedoch wurden sehr vertraut.
Von seinem Vater, der vor Glück die Rückkehr seines Sohnes zunächst
sehr beweinte, erhielten sie ein großes Haus.
In diesem wohnten sie mit ihren Kindern, bedacht, stets von der Herzenswärme
abzugeben, die fortan auch sie selbst umfing.
Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie im HEUTE.... .
Die Insel
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Hoffnung in der Aussichtslosigkeit - eine Erzählung
Das Meer atmete geruhsam.
Gleichmäßig
bezwangen die sehnigen Arme das Boot.
Kräuselndes Wasser warnte vor dem Riff.
Ihn kannte plötzlich keiner mehr!
Niemand würde mit ihm reden!
Er starrte
er auf steinerne Gleichgültigkeit der Insel.
Vor ihm ein Wasserschlauch im Boot,
vier Brote und sein Messer.
Genug,
sich des Verendens
noch bewusst zu werden!
Sie lösten ihm die Fesseln.
Weil er noch steif war durch die Bindung,
schleiften sie ihn auch noch auf den Strand
und warfen ihn dort ab,
wie einen Sack.
Der Bootsmann
legte ihm danach den Proviant zur Seite
und grußlos stiegen sie ins Boot zurück.
Er saß allein,
mit seinem Schatten.
Die Sonne füllte ihm sein Weltenweit.
Er musste alles erst begreifen.
Als sich,
nach der Benommenheit,
das Boot im Wogenspiegel zu zerfließen drohte,
entwich die Hoffnung aus der Wirklichkeit
und Angst nahm ihre Stelle ein.
Was ihm plötzlich große Kraft verlieh!
„Nein!“
Der Schrei
zerschlug ihm fast die Stimme!
Nur noch in Fetzen schickte er ihm hinterher:
„Ihr könnt doch nicht ....!“
Der Bootsmann drehte sich zu ihm zurück.
Endlich!
Sie hatten ihm nur ihre Macht beweisen wollen!
Er war
bereit,
jetzt zu gehorchen
und
- wenn gefordert -
sich auch tief dabei zu beugen!
Damit die
nicht noch warten mussten,
stürzte er zum Wasser,
schwamm ihnen schon mal zu,
mit harten, schnellen Stößen.
Er wollte doch sein Schiff nicht warten lassen!
Und die Erleichterung verlieh ihm Kräfte,
tief aus sich.
Dabei,
um in den langen Wellen
auch sein Finden zu erleichtern,
rief er ihnen lauthals zu:
„Hier! - Hier bin ich! Hier!“
Als sich die großen Segel in den Horizont verschoben,
verließ ihn seine Seele.
Erst eine
ungekannte Angst
gemahnte ihn des Tiefezuges seiner Kleider!
Und die Insel fiel ihm wieder ein,
Er wandte
sich ihr müde zu
und das Bewegen tat sich mehr von selbst.
verlor er sich doch bald im hohlem Denken:
Vier Brote
und der Wasserschlauch!
Mehr ließ sich mit der Insel nicht verbinden!
Bis die
sich seinem Blick entzog!
Nun würde sie nicht mal ein Morgen geben!
Er musste sich entscheiden!
Als er dann
wieder Grund erspürte,
war längst die Nacht schon über ihm
und Krämpfe würgten die Erschöpfung auf den dunklen Sand.
Doch hatte er jetzt endlich seine Insel wieder!
Die
Maus
von
Wolf-Alexander Melhorn
Wie eine Maus zur Katze wurde - ein Märchen
Die Augenblicke von verschämtem Stolz,
dass gerade der sie wahrgenommen,
wogen schwer,
weil ihre Sehnsucht sich darin erfüllte.
Nachdem sie sich verstanden fühlte,
weil er in Kennertum das Seelchen vor sich sah,
dem Kindsein noch das Denken führte,
fand sie an ihm kaum einen Tadel.
Die aber
räumte der Verstand hinweg,
als er für sie sich als der Bösewicht ergab,
der er für ihre Neugier stets gewesen.
So offenbarte er sein gutes Wesen,
- gereift durch Leben -
und wurde,
wie sie ihn insgeheim erhofft!
Durch dies
Bekennen
fielen alle Ängste vor ihr ab,
die sie als Mäuslein
auch vor diesem Kater hatte
- der offenbar den falschen Pelz getragen hatte!
Sie fand
auch in der Tat nichts mehr an ihm zu ändern,
denn sein Verhalten war selbst ihm jetzt Überraschung,
nachdem dies fremde Wesen
- in dem er bislang eine Maus gesehen! -
ihm ohne Furcht in einer Offenheit begegnete,
die ihrerseits verpflichtend war,
doch ihm
- in unsrer Welt der Selbsterfindung! -
die Unbekannte im Geschehen.
So ohne
Arg und Unbedachtheit
einem Jäger gegenübertreten,
war jedenfalls
nur Raffinesse
oder
dumm,
und beides
- nach Gesetz der Jagd! -
ein Grund,
die Maus doch artgerecht zu quälen,
indem die Hoffnung grausam hochgeworfen wurde
und Krallen schmerzhaft sich die Wirklichkeit ergriffen.
Sie glaubte zwar,
das müsse sein
- womit sie auch die Wahrheit traf! -
nur wurde die von ihr ganz falsch gedeutet!
Doch es ging längst um Tieferes,
denn dauerhaft ein anderes Verhalten,
das würden sie ihm als Versagen deuten,
was seinen Ruf des Jägers schwächt
- bei Seinesgleichen!
Das würde sie nun lernen müssen!
Er wusste jedenfalls aus leidvoll eigener Erfahrung,
das Leben gönnt nur kurzes Innehalten!
Um so größer ist danach der Schritt,
es wieder einzuholen,
bevor es sich davon gemacht!
Das Mäuschen
starb noch in der gleichen Nacht
- und ward als Katze neu geboren!
Familienbande
von
Wolf-Alexander Melhorn
Eine Fabel - Über familiäre Rücksichtlosigkeiten
Sobald das Vögelchen begann,
mehr
als ein Flaum zu sein,
ließ sich die Farbpracht des Gefieders
schon ebenso erahnen,
wie seine Fähigkeit des Singens
alle freute.
Ihm hatte die Natur
mit voller Hand gegeben!
Die es besaßen,
verdross es jedoch insgeheim,
wenn sie die Freude Dritter
ob des Tierchens sahen,
denn nicht nur,
was sich die Natur erdacht,
verdiene hier Bewunderung,
vielmehr auch Anerkennung dem,
der Mühsal auf sich nimmt,
bis so Geschöpfe ausgereift!
Damit ihr
Anteil folglich sichtbar werde,
den sie an der Natur Vollenden hatten,
bauten sie dem Vogel einen Käfig
- auch wenn das nochmals
Mühen waren!
Damit das Vögelchen
trotz solcher Eingeschränktheit
nämlich weiterhin gedeihe,
mussten sie es fortan tränken,
ihm Futter bringen
und noch manches andre tun
- Mühen,
die nur entschädigt werden
durch den Neid der andern,
die selbst nichts ähnlich Schönes haben!
In solchem
Wohltun
träumte nun das Vögelchen
von Morgen
und dem Sein;
sprang zwischen seinen Käfigstangen,
- hin und her -
und reifte aus,
zu voller Pracht und Können!
Jedoch,
nur wenig ist vollkommen!
So auch hier.
Denn jene,
denen es gehörte,
machte schließlich unzufrieden,
dass dieses Vögelchen nur jubilierte,
wenn Unbeschwertseint ihm dies riet!
Ward diese jedoch nicht geboten,
so schwieg das undankbare Tier!
Das nährte wieder manchen Spott,
- ein Schmerz,
den selten einer leiden will! -
durch jene,
die eigentlich gekommen,
sich am Gesange zu erfreuen!
Sie höhnten daher die Besitzer
es gehe ja nun nun wirklich nicht,
dass dieses Tier sich selbst bestimmte!
Nach dem,
was sie für es getan!
Des Vogels Jubel
habe vielmehr einem Zweck zu dienen
- nicht seinem ungelenken
Selbstgefühl,
das nur dem Augenblick verbunden
und daher niemals pflichtgemäß;
stets ungeplant
und manchmal schon beendet,
wenn noch weit mehr erwartet wurde!
Insoweit
brauchte es daher Belehrung!
Das Schärfen des Bewusstseins
für den Wert von Werten,
damit der Vogel sich
in rechter Weise zeige!
Um ihm zum
rechten Maße zu verhelfen,
zeigten sie dem Tierchen Vögel,
die der Geborgenheit des Käfigs
lebenlang entbehren müssen!
Dass es so erkenne,
wie sehr sich diese mühen müssen,
satt zu werden;
wie sie die Nacht
in Furcht vor einem Feind verbringen
- und doch der Jäger Beute werden!
Ein wahrlich andres Sein,
als des Vögelchens Beschaulich- und Beschaubarkeitl
Betroffen
schwieg das Tier danach auf Dauer.
Wie durfte
wollte
konnte
es noch fröhlich sein,
wenn anderswo die Not
so niederdrückend?
Doch jene,
die das Vögelchen besaßen,
wussten dieses Schweigen nicht zu deuten;
dass hier Gefühle lähmten;
nicht der Verstand
das Handeln führte!
So hatten
sie das aber nicht gewollt!
So durfte es nicht bleiben!
Womöglich dachten Dritte sonst,
das Tierchen leide Mangel!
Ein Eindruck,
dem es zu begegnen galt,
- um der Familienehre willen!
Auch nahmen
sie noch an,
- sie kannten sich mit so was aus! -
es sei wohl Neid
der dieses Tier bedrücke
- auf jene,
die ganz ungebunden.
In ihrer
Güte,
das Tier auch davon zu befreien,
lehrten sie es daher gleichfalls fliegen.
Ein Zugeständnis voller Sinn,
da Antwort auf des Käfigs Enge!
Doch barf
dies gleichfalls seine Tücke!
Frei aufzufliegen,
bringt schließlich die Gefahr,
dass sich,
- durch Leichtsinn purer Sinnlichkeit! -
ein solcher Flug im Weit verliert!
Dem galt
es vorzubeugen!
Sie banden sich
- welch kluge List! -
daher das Tier durch eine Schnur
an seinen Käfig
- und wiesen so dem Flug
stets seinen Weg zurück!
Dies redlich
Tun und Wollen
blieb jedoch ungewürdigt:
Das Tierchen wollte keine Freude zeigen!
Nichts mehr entlockte ihm Gesang.
Nach all
der Mühe,
die sie hatten walten lassen,
ging so was aber nicht!
Als seien sie nicht jederzeit bereit,
mit Herz und Hirn dem Tier zu geben!
Neuerlich berieten sie,
des Hauses Ruf zu schützen!
Nach umfangreichem
Wohlbedenken
blieb jedoch nur der Schluss:
Es fehlt dem Vogel am Verstehen;
was für sie hier auf dem Spiele stand
- und dies
- trotz oder wegen! -
allen Überflusses,
der ihm so herzensgut gegeben!
Strenge
lag daher in ihren Worten,
als sie dem Vögelchen die Gnade priesen,
in solchem Bauer vor sich hinzuleben.
jedoch
- bei aller gründlichen Belehrung! -
hielt Klugheit sie jedoch zurück,
vom Vögelchen gar offen Dank zu fordern
oder Wohlverhalten.
Nein!
Einsicht sollte dies von selbst bewirken!
Der Lohn blieb ihnen auch nicht aus!
Sinn für Gerechtigkeit,
- wie er der Jugend noch gegeben! -
ließ das Vögelchen begreifen,
wie viel Geduld
- und Herzenswärme! -
es umhegten,
und welche Opfer ihm gebracht!
Es schämte sich daher!
Und es beschloss
zu sein,
wie es erwartet werden durfte!
Damit sich jene,
denen es gehörte,
auch wirklich ihrer Mitwelt zeigen könnten!
Daher verbot
es sich,
zu frechem Ungestüm zurückzukehren.
Beherrschtheit galt es einzuüben!
Lebenssicht nach allen Seiten!
Ein Handeln,
das ihm selber nütze,
- wie es dazu hieß! -
denn ungefährlich sei es schließlich nicht,
nur immer für sich selbst zu singen!
Das wecke nur Begehrlichkeit
auf noch mehr launenhaftes Tun!
So blieb der Vogel
– schön! -
in seinem Käfig,
sang,
wenn sie es erlaubten!
Hielten sie ihn aber an,
für Dritte prächtig aufzufliegen,
tat er gehorsam,
was gewünscht!
So hätte es auch bleiben können,
wenn unter jenen,
denen er gehörte,
nicht einer
keine Ruhe in sich fand!
Der baute heimlich einen neuen Käfig!
Äußerlich dem alten gleich,
nur dass die Gitter sich verschieben ließen!
Als niemand
um sie beide war,
nahm der das Vögelchen,
- mit schmeichlerischen Worte,
damit es ihn aus Angst nicht noch verrate! -
und setzte es
in diesen neuen Käfig!
Den alten warf er fort,
damit nicht jemand diesen Tausch bemerke!
Und wenn
es ihn dann wieder quälte,
zwängte er das Tierchen in die Stäbe,
bis es sich nicht mehr rühren konnte!
Wobei er ihm
- mit sanften Worten -
zu verstehen gab,
dass Liebe
immer
sich dem Schmerz vereint
und dies nun sein Beweis von Liebe sei!
Und die
Gewandtheit der Beschwörung ließ dem glauben
- weil es das Vögelchen nicht besser wusste!
Doch solche
Demut
war dem Unhold nicht sehr lang genug!
Er presste manches Mal die Wände,
bis ihm der Schweiß die Schläfen netzte
und er dadurch erleichtert wurde!
Das nahm
dem Vögelchen nicht nur den Glanz,
es engte ihm auch Zwiespalt seine Seele!
So hörte
es,
- von einer Seite - ,
von Liebe,
die sich ihm voll Glut entgegendränge,
zur andern blieb ihm dabei fremd,
warum die aber Schmerzen bringen durfte,
nur dass es jenem wohl erging!
Doch deshalb jammern?
Gar Beschwerde führen?
Wer würde ihm schon glauben?
Also schwieg
es;
sang,
wenn das gefordert wurde
und tat,
wann
und wo
ihm was geheißen wurde!
So fand,
selbst noch durch Schmerz,
sein Leben weiter Sinn
und hatte Ordnung!
Doch eines
Tages kam dann einer,
bei dem war ihm sehr seltsam anders!
Wenn der es sich betrachtete.
drängte es das Vögelchen,
sich das Gefieder aufzuputzen
und
- ohne jeden Zwang! -
dem seine Sangeskunst zu zeigen.
Das mochten
dessen Spässe sein,
an denen der sich selbst erfreute!
Er hatte nämlich eine Fröhlichkeit,
die das Vögelchen nicht kannte,
mit dem er jedoch dieses Herz erreichte!
Erklärlich war ihm dieses gleichwohl nicht.
Auch dieser nahm das Vögelchen
verstohlen aus dem Käfig;
verwöhnte es auf seine Weise
und lehrte,
was zumeist verborgen bleibt.
Bis es begriff,
welch glücklich-irrer Wirbel
Freiheit ist!
Doch ist
Glückseligkeit
nur eine Speiche
im großen Rad der Lebenszeit
so dass
- je nach der Drehung Schnelle –
die Berührung manchmal kurz!
Selbst wenn sie immer wiederkehrt,
stets ist sie dann an neuem Ort,
auf frischem Grund
- denn Zeit kann nirgendwo verweilen:
Aus ihr steigt schließlich alles auf,
in sie fällt es danach zurück!
Wer folglich Augenblicke halten will,
dem schenkt sie nur Erinnerung
- die jedoch mit ihr altert.
Wer sich
nur schwer von etwas löst,
den ängstigt solche Flüchtigkeit,
- zerfällt mit ihr doch auch,
was oft verfestigt werden sollte!
Nicht jeder
ist dem dann gewachsen!
Weshalb sich mancher
- schon aus Furcht -
ein Glück zerredet,
damit es nicht zum Abschied kommt.
Und wieder
ist dann eine Möglichkeit vertan!
Der Vogel wusste darum nicht
- und doch zu viel schon von der Welt!
So schämte er sich dieser Glut,
die ihn erfüllte
- für ihn ein heimlicher Verrat an jenen,
die ihn mit ihrer Liebe so bedacht!
Die ständige Belehrung
hatte ihn so fest verschnürt!
Nach schwerem
Seelenwiderstreit
blieb er jedoch in seinem Käfig
und ließ von seinen Träumen!
Davon wusste nicht mal der,
der das Tierchen quälte
- obwohl dem doch die Finsternis vertraut!
Doch erahnt sich manchmal die Verderbtheit
so Veränderung!
Bestärkt durch Unterstellung
und Antwort auf geschicktes
Fragen
nutzte der sich
- neidisch-unerbittlich! -
die Gelegenheit,
seiner Gier durch Drohung weiterhin zu frönen!
Doch eines Tages war die Pein
vom Vögelchen nicht mehr zu tragen!
Weshalb es bei Gelegenheit entfloh!
Zu einem,
der es lachen,
leben lehrte
und dem es daher
ewiglich gehören wollte!
- Das Rad des Lebens
schien ihm endlich frei gekommen!
Der Auserwählte
nahm es herzlich auf
und hatte daran seine Freude,
wie es so unbeschwert von Wonnen sang,
und von der Lust zu fliegen!
Der es jetzt glücklich machte,
den ängstigte das jedoch bald,
was dieses Vögelchen erfühlen konnte!
Auch er war in sein Leben eingesponnen!
Denn einiges entzog sich seinen Sinnen
und barg für ihn so die Gefahr,
dass ihm das Vögelchen enteile
- um ihn als den zurückzulassen,
der er war!
Deshalb
wies er schließlich darauf hin,
die Überschaubarkeit von einer Liebesspanne
dulde zwar so Flatterhaftigkeit,
doch müsse irgendwann auch sie
dem Ernst im Leben weichen
- sonst weise sich noch als Hohlheit aus!
Das Tierchen
war
- wie stets -
gelehrig:
So dreist das Glücklichsein erforschen,
schien wirklich eine Schuld!
Und es gelobte
Redlichkeit und Zucht,
in Haltung und Gebärde!
Und alle,
die sie danach sahen,
erfreuten sich an diesem Paar:
Das waren wirklich zwei,
wie jedermann sie sehen wollte!
Ihr Alltag
hätte so auch weitergehen können!
Manch einen wähnt das schließlich Glück!
Doch Haben
ist nicht Sein
und zwingt uns daher in die Prüfung!
So auch
hier!
Das Schicksal brachte,
nicht zu fernen Tages
einen,
den scheinbar Zufall hergeführt.
Der konnte
sehen!
Und beide fühlten die Bestimmung!
Dem Vögelchen
brach des Erkennens Wucht
die ach so heile Welt in Stücke!
Fragen türmten
sich ihm auf,
die all zu viel in Frage stellten
und dadurch auch Bedrohung waren!
Das machte ihm nun Angst
durch seiner Seele Flehen!
Doch wie der Qual entrinnen,
die alles aus den Ankern riss?
Auch nützte es ihm nichts,
sich all dem gar nicht hinzugeben!
Dem Tierchen
blieb in der Verwirrtheit nur,
sich seiner alten Werte zu besinnen:
Man müsse auch im Sehnen Anstand wahren;
dass es verwerflich,
so was nachzugeben;
und nur verdirbt,
was sich beschmutzt...
Als es dann trotzdem weiter litt,
behalf dem Vögelchen nur noch das Wissen:
Schmachvoll ist es nur,
wenn so Gefühle sich in Tun verstricken!
Nicht,
wenn sie nur als Flamme glühen!
Doch brachte ihm auch solche Reinheit nicht Gewinn!
Sie führte nur in eine Enge,
in der es zu ersticken drohte!
In der Bedrängnis
riet ihm schließlich seine Seele,
sich in solcher Not
dann eben einem alten Glück zu offenbaren
und Rat von jenem einzuholen.
der ihn so häufig angeboten hatte,
dass nun das Vögelchen
diesen auch erbitten durfte!
Der hörte sich das an,
doch weil sich alte Furcht bestätigt sah,
wies die ihm
- ohne Zögern!
:schroff die Türe!
So setzte sich das Vögelchen
zurück in seinen Bauer!
Zu jenen, denen es gehörte
und die mit Ingrimm daran dachten,
was ihrer Güte,
Wärme,
Sorge
so ichbezogen angetan!
Nachsicht war da fehl am Platz!
Dennoch war Bedachtsamkeit zu wahren,
beim Wägen des Geschehens!
Zwar hatte
sich Vergnügungsgier,
hier dumpfen Lüsten hingegeben
und so,
- zudem von Jugend aufgestachelt! -
den Wert von Werten zugeschüttet,
doch galt es da trotz
allem nicht,
die alten Werte wieder freizulegen?
Die Überzeugtheit
ihres Seins
brachte jenen wieder Ruhe.
Ließ sie in Großmut
sogar diese Rückkehr dulden!
Wobei sie aber nicht verkannten
welche Schönheit
und feine Klarheit des Gesanges
das Vögelchen
seinerseits als Mitgift bringe!
Die Seele
wirr und aufgerissen,
war sich das Vögelchen
der Schwere seines Tuns bewusst!
Es ging zurück in des Gehorsams Fron
und stellte sich
nie wieder einer neuen Wahl
- zumal ihm dies
nun auch mit Sicherheiten aufgewogen wurde!
So bleibt
auch nur noch zu berichten,
wie schwer sich noch die Neugier damit tat,
- nach dem,
was so geschehen!° -
dass das Vögelchen
- für immer –
nur noch in seinem Käfig sang.
Frau, Kind und Einer
von
Wolf-Alexander Melhorn
Erzählung - über
eine Begegnung im Krieg
Schuttvolle Höhlen
in Geborstenem.
Staubbeladener Geruch
geplatzter Häuserstümpfe.
Ein MG rüttelt sich die Stille wach.
Stoßweise.
Immer wieder.
Peitschende Antwort aus dem Irgendwo.
Neben ihr das Kind.
Sein Blick entspannt sich,
als sie beginnt,
für ihn zu singen.
Kein Kinderlied.
Sie kennt noch keines,
reiht sich nur ganz zarte Töne.
Eine Mauer stürzt sich in ihr Dunkel.
Doch ängstigt sie das längst nicht mehr.
Sie wartet schon auf Morgen!
Ein Lichtspalt
legt die Pflanze frei,
die es
schuttbeladen
vor sie hingeworfen hat.
„Sieh nur! - Diese schöne Blume!“
Sie bietet ihm die freundlich an,
doch schlägt das Kind nur ungelenk danach.
Rücksichtslos
zerbröseln schwere Mörser,
was an Vergangenheit geblieben.
Das Kind
verbirgt sich wieder in der Angst.
Sie drückt ihn sich noch fester.
Einer sucht ganz hastig Deckung,
verflucht sie,
als er mit Stiefeln auf sie springt.
Sie schreit
gequält
und schlägt voll Hass nach ihm!
Doch erwidern ihr
die angespannten Züge im Gesicht
nur einen Augenblick
Verwirrung!,
Dann nimmt er sie schon nicht mehr wahr!
Hetzt doch der Befehl herüber;
treibt seinen Körper
in den nächsten Sprung!
Vorbei daher
- für ihn -
die Art Begegnung.
Die Kugel wirft ihn rückwärts nieder!
Entsetzen
sieht sie jählings an;
lautlose Worte flehen;
mit Fingern sucht er das Gedärm zu halten!
GESTORBEN
AM ...
FÜR ....
Das Grauen hält sie starr
im Zwange dieser Augen!
Berstendes Gemäuer
erstickte später ihre Qualen.
Hilf mir!
Weil ich um sie weine!
Hoffnungen
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Hoffen und Erleben - eine Parabel
Eng auf den Leib gepasst,
der Waffenrock
- bis in die Falten steif gebügelt!
Als stramm geschnürte Männlichkeit
auch Ausdruck eines Machtanspruches
- und sichtbar Schutz
vor jedem Zweifel!
So hatte
er begonnen
und Hoffnung prahlte Zuversicht!
Inzwischen hing die Uniform
längst schlotterig an ihm herunter
- blutbefleckt und abgerissen!
Auch beulte Erdreichfeuchte seine Stiefel,
die einst,
nach schnellen Siegen,
in speichelaufpoliertem Glanz
noch im Stechschritt paradierten.
Auch sonst
war er nicht wieder zu erkennen!
Der kühne Blick,
der herrisch einst das Morgen ahnte,
war ihm stumpf geworden
mit der Zeit;
die junge Haut,
einst straff den Knochen aufgezogen,
zu tiefen Falten abgealtert;
der Leib
- der unverwundbar schien! -
nunmehr mit Narben eingerissen.
Nur war der Hochmut
war bei ihm geblieben;
die Hoffnung hatte sich davon gemacht,
als er
- wie stets! -
versagte!
Doch unerbittlich,
- um sein Ende aufzuschieben -
ließ er das letzte Aufgebot
in seinen Straßen kämpfen,
denn nur der Tod,
der unersättliche Vasall,
stand weiter stur an seiner Seite,
als andere schon von ihm wichen!
Verschlagen
die Gelegenheit ergreifend,
gesellte sich den zwei
gelegentlich noch die Erniedrigung hinzu,
um sich,
im Schatten dieser beiden,
grausam Lüste auszuleben.
Die hatte auch nach ihr gegiert,
gewillt,
in ihren jungen Leib zu brechen
den sie sich mit Gewalt ergriff!
Nur einen
Lidschlag lang
wurde dieser Akt gestört
- doch Zeit genug,
dass sich der Tod den Schänder holte!
An ihr
blieb nur der Ekel kleben!
Sie teilten
sich zu viert den Keller.
Nur sie
und ihre beiden Kinder,
waren
- einfach so! -
entkommen.
Mit dieser Frau vom 4.Stock,
deren Unausstehlichkeit
nur Last,
doch deren Hilfe,
sie so brauchte!
Mehr hatte die Vergangenheit
ihr nicht gelassen!
Alle andern blieben aus
- zerplatzt in Bomben über ihnen;
geschrumpft
im Knistern dieser Phosphorglut;
durchglüht
wie ein Papier;
danach im Feuerwind zerweht,
als Fetzen durch die Trümmer!
Doch ihren 22 Jahren
blieb die Pflicht,
den beiden Kleinen Nahrung herzuschaffen,
und Hunger fraß sich in ihr Leben ein,
den keine Hoffnung stillen konnte!
Und diese Bürde
drückte sie
in eine neue Form von Wirklichkeit!
Zwar fand,
in manchem aufgeplatzten Keller,
sich anfangs Eingemachtes
- dann galt es,
schnell zu sein,
bevor die anderen es griffen! -
doch reichte das nur wenig Tage!
Daher verkaufte sie,
an hungrige Soldaten
- auf Zeit
und gegen Brot -
in den Ruinen
ihre Schenkel;
schwor sich dabei,
das werde niemand
jemals
wissen!
Die Scham in ihr
besänftigte die Not.
Nach Wochen
erst,
als sich die Sieger sicher wähnten,
war endlich
neue Ordnung festgezurrt!
Da stand sie nun
in ihrer Welt.
Gestützt auf Trümmer,
die vormals ihre Werte waren!
Und doch erfüllt mit jener Kraft,
die neuem Anfang eigen!
Man saugt sich dadurch Zukunft ein
und alles wird uns neu geboren
- nachdem das Alte
so bedrohlich!
Und immer wieder
glühte dabei ihre Seele,
im Wunsch,
dass doch ihr Frank
zu ihr und seinen Kindern finde!
Dann
- endlich! -
könnte sie auch ihre Qual beweinen;
dass sie dem Krieg
und einem 'Endsieg'
opfern musste!
Wenn sie
sich dies ersehnte,
so glommen ihr
- gedankensüß -
die Stunden auf,
in denen sie gemeinsam in die Zukunft träumten
- auch wenn die
hohle Männlichkeit
an Orden maß und Schulterklappen.
Sie hatte
dabei stets gebetet,
er möge seiner Siegesfreude
- zur rechten Zeit! -
dann aber doch Tribut entrichten!
Nicht machte,
was ihr Schwiegervater wollte,
dem jeder Mann Verräter,
der
- statt der Pflicht -
zuletzt das Leben wählte.
Doch Jugend ist auch Leben,
das niemals wirklich Stillstand duldet!
So versank in ihr
auch schwer Durchlebtes,
führte neue Hoffnung
sie allmählich auf den Platz,
auf den sie,
nach Bestimmung,
hingehörte!
Doch als
der Enkel
jetzt
das Honigbrot verweigerte
- obwohl er es noch angebissen! -
ermahnte sie ihn drängend:
„Iss!“
Da war nun
plötzlich wieder
so ein Stück Erinnerung!
Das hätte ihr das Brot
am liebsten selbst hineingezwungen,
damit nur ja nichts in den Abfall kam!
Doch würde sie die Süße
quälend schmerzen
- am Zahn,
der die Prothese hält.
„Ich
will nichts mehr!“
beharrte jedoch dieses Kind!
„Andre
hungern...! “
erwiderte sie aufgebracht!
" Egal!"
Die Hoffnung,
sie werde dieses Kind verstehen
fiel damit jäh in sich zusammen.
Doch konnte es begreifen,
was sie sich selbst
nicht mehr begründen wollte?
Doch dieses
Kind,
in seiner Patzigkeit,
suchte deshalb sogar Streit
- den sie verlieren würde,
wie sie wusste!
Das zog sie in die Gegenwart zurück.
Der Hoffnung blieben andre Zeiten!
Letzte
Tage
von
Wolf-Alexander Melhorn
Erzählung, über schicksalhafte Ausweglosigkeit
Sie ließ nicht ab
von ihnen
und ihre Hitze fiel ihn an,
als habe sie ihm aufgelauert;
sog ihn sich begierig aus,
bis er erglühte.
Auch wenn sie sich
zur vorbestimmten Zeit,
dann selbst im Horizont versenkte
- ihr Eingeständnis
von Vergänglichkeit! -
ließ sie
für den nächsten Tag
in der Nacht noch Glut
von sich bewahren.
- im fahlen Licht des Mondes.
Er hatte
tagelang darum gerungen,
ob ihm dies wirklich so geschehe!
Seinem Atmen lauschend,
als hielte der ihn in der Welt,
wartete er teilnahmslos,
was ihn aus sich erlösen werde.
Schwer lehnte
er jetzt an der Wand,
gestützt auf seinen kleinen Schatten
und sah hinüber zu die Hütten.
Drüben.
Stets hatte
er gehorcht!
Den Alten!
Drüben!
War daher abgestiegen in den Schacht,
wie andere schon vor ihm taten.
Nur hatte er den Blutpreis nicht bezahlen wollen,
als ihn der Brunnen
- jählings! –
dann für sich bestimmte!
Durch die Verweigerung
hatte er sich aber selbst verloren!
Seither lag nur in Altvertrautem
keinerlei Bedrohung!
Doch weil die Welt sich weiterhin durchbebte,
hing das Brunnenseil jetzt nochmals tiefer,
bevor es auf das Wasser kam!
Die Alten
- drüben - kamen daher wieder,
um ihm das nochmals aufzuladen!
Denn von denen
konnte keiner dort hinab!
Doch wenn sie ihn auch noch so baten:
Nein!
NIE WIEDER!
Denn die
Erinnerung war ihm geblieben
und der Gedanke,
nochmals werde sich das Licht
nach oben schieben,
schlug gewaltsam auf ihn ein!
Denn er war sicher
- je weiter er hinunter kam
auf diesem endlos langen Weg
hinab
- den Korb bei seinen Füssen -
es würden wieder Wände auf ihn fallen!
Das letzte Mal
war er davon gekommen,
vom Glück gerade noch befreit.
Doch war ihm dieses nicht verziehen!
Dies Wissen stak in ihm,
bei seiner Angst,
und hatte ihn nicht gehen lassen!
Das durfte es nie wieder geben!
Auch als die andern
längst schon in die Zukunft flohen.
Bis auf den Alten!
Drüben!
Nun stand
die Sonne da!
In voller Macht!
Schon beim Versuch,
sie wegen dieser Grellheit einfach anzuspucken,
blieb ihm die Zunge an den Zähnen.
Der Mund zog sich nicht mehr zusammen!
So wurde zur Gewissheit,
er werde seinem Brunnen nicht entkommen!
Und das trieb ihn nun gleichfalls grausam um.
Ließ ihn zuletzt nach Tagwerk suchen,
das sich aber nirgends fand.
Es war nicht mehr die Zeit,
noch was zu tun!
Die Wand hielt ihn sich daher einfach fest,
als stehe er am Pranger.
Die Katze kam an ihn heran.
Die Nase furchig trocken,
rieb sie sich sacht an seinen Beinen.
Da erst
bewegte er die Augen wieder.
Ging schließlich irgendwann hinein
und kam mit einem Krug
und einer Schüssel wieder.
Das Tier
sah an ihm hoch,
als warte es auf ein Versprechen.
Gibst Du nicht auf,
fragte er zu ihm hinab?
Und stellte ihm die Schale nieder.
Den Rest im Krug trank er,
in zwei,
drei,
langen Zügen.
Das Wasser
gab ihm frische Kraft.
Sein Atmen wurde tief und frei.
Er setzte sich.
Noch war nicht irgend was zu tun!
Die Katze wartete auf seinem Schatten;
schloss mit ihm
die Augen.
Und wieder trieb die Kraft aus ihm.
Da zog sich die Natur
in dem Geruch nach Rauch
erschreckt zusammen!
Die Katze
sprach ihn sofort an.
Er wehrte sich das aber ab.
Die Stille deckte seine Worte.
Und wieder
kam die Nacht,
sprang aus der Sonnenglut zur Erde,
um diese in den Schlaf zu wiegen.
Er nahm das in sich auf
beim Abschied nehmen.
Auf ein Mal fuhr es in ihn ein,
in kläglichem Begehren:
Der Alte,
drüben
hatte sicherlich noch was!
Das musste der ihm geben!
Was er gewillt war,
jetzt zu tun,
ließ ihn zunächst frieren!
Dann machte er sich frei davon:
Wer,
wenn nicht er,
durfte jetzt noch Hoffnung haben?
Er wusste,
dass er sich belog.
Die Katze folgte ihm hinüber.
Leidenschaften
von
Wolf-Alexander Melhorn
Über Grenzen einer Beziehung - eine Erzählung
Weiß
war er geworden,
im Gesicht.
Spannung hatte sich tief eingegraben.
Sein Leiden würde ihn jetzt quälen.
Doch fühlte sie sich auch verletzt!
Hatte gleichfalls Sorgen!
Die betrafen allerdings nicht ihn,
sein Herz!
Diesmal ging es nur um sie!
Sie aber war dem niemals wirklich wichtig!
Der spiegelte sich immer selbst!
War Mittelpunkt!
Auch ihrer!
Er hatte ihn dazu gemacht.
Längst konnte sie es nicht mehr hören,
sein Gejammer mit dem Herz!
And're Frauen mochten vielleicht anders sein!
Sie nicht!
Die andern waren ohnehin nicht immer ehrlich,
so wie sie!
Sie wollte sich das leisten!
" Warum nur tust Du Dir das an?"
Da war er wieder,
dieser ewig gleiche Vorwurf!
Als sorge der sich um ihr Wohlbefinden!
Dieser Heuchler!
Sie hasste so Verlogenheit!
Dafür würde sie ihn jetzt
zur Demut zwingen!
"Ich
weiß! Er hat mich nicht verdient!"
Sie betonte es,
als zitiere sie ihm ein Gedicht.
Nach einer Pause
warf sie noch im Hass nach ihm:
"Du bist nur wieder eifersüchtig!"
Getroffen
zuckte er zusammen!
Sah sie wohl,
doch stand er geistig nochmals auf;
gab sich wie immer
- unzerstörbar weise -
und Väterliches in der Stimme:
"Den hast Du bald vergessen…"
Hätte er doch zugegeben,
dass er ihr verfallen war!
Sie gebeten,
nichts zu tun
und da zu bleiben!
Sich ein Mal klein gemacht,
wie sie ihn sah,
wenn sie ihn haßte!
Dann hätte sie jetzt Rücksicht nehmen können.
So musste sie noch was beweisen!
Schließlich meinte der das ernst!
Was sie besonders wütend machte,
er hatte auch noch recht dabei!
Doch durfte sie sich so was bieten lassen?
Nein!
Das war genau die Überlegenheit,
die sie an ihm so reizte!
Sie warf
sich lässig in den Sessel;
betrachtete
- in sich gespannt und aufgebracht -
den Farbauftrag der Nägel.
Schwieg!
Er sollte spüren,
was sie dachte und empfand
- und würde danach nichts mehr wagen!
Noch so einen billigen Versuch,
- als Ausgleich dafür,
was sie ihm getan -
aus seiner Unterlegenheit
vielleicht doch einen Sieg zu machen,
würde sie ihm nicht erlauben.
Doch starrte er jetzt nur noch vor sich hin.
Sein Zeichen,
dass er aufgegeben hatte.
Doch fühlte sie sich weiterhin von ihm belauert!
Wusste es durch ihr Gefühl
und war sich sicher,
in Wahrheit hätte er sie gerne angesehen!
Wenn ihr Instinkt sie so bedrängte,
war sie schließlich 'seine' tolle Frau!
Sie liebte
ihn dafür,
weil sie das wollte,
brauchte
und er wusste es,
das Schwein!
Nur konnte sie ihm das nicht zeigen!
Es wissen musste ihm genügen!
Dafür würde sie ihm auch verzeihen,
dass er sich wieder eingemischt!
Die Falten
spannten sich ihm im Gesicht,
als er sich dann erhob
und leise aus dem Raum entwich.
Sie sah
ihm dabei aus den Augenwinkeln zu,
den Blick nur scheinbar abgewandt,
die Haltung in gekränkter Langeweile;
bereit,
bei neuem Widerspruch
ihn aber augenblicklich zu zerreißen!
Es gab auch nichts mehr zu bereden!
Erst musste sie mal Klarheit schaffen!
Er hatte damit nichts zu tun!
Morgen würde sie ihm
- früh genug! -
dann wieder freundlicher begegnen!
Der
Helfer
von
Wolf-Alexander Melhorn
Erzählung, über die Bereitschaft, belogen zu werden
„Ich werde Ihnen helfen!“
Das Unbezweifelbare
seiner Art zu sprechen,
gab diesen Worten Wirkung.
Und Hoffnung
legte sich
- zart wie ein frisches Spinnennetz auf eine Wunde! -
ihm heilend
über seine Angst vor morgen.
Die folgende
Besinnungspause
gab dem noch weiteres Gewicht.
So
würde es nun werden,
er endlich aus sich selbst befreit!
Dies Wissen stärkte!
Und etwas drängte ihn,
von solchem Quell an Tatkraft mitzutrinken.
Denn nun war klar:
Ihm würden nun
- wie dem! -
am Tisch des Lebens
neue Fähigkeiten aufgetischt,
um seiner Schwierigkeiten Herr zu werden.
Die Zweifel,
die sich näher schlichen,
beschämten ihn zugleich.
Wie konnte,
durfte
er bei dem Bedenken haben?
Dies war die Hand,
ihn in der Ecke aufzuheben,
in die das Schicksal ihn geworfen!
Der war nicht einer,
der nur an ihm verdienen wollte!
„Dann bitte, hier, die Unterschrift...“
Ihm
wollte-durfte-musste
er vertrauen!
Nach Jahren
trafen sie erneut zusammen.
„Wie geht’s uns denn?“
befragte der ihn nur leichthin
- und wollte es daher auch gar nicht wissen!
„Aufschließen!“
Und schrie danach,
erleichtert
- in entstauter Wut,
weil ihm der Dienst
hier wirklich Schweres abverlangte! -
„Da gibt es nichts zu glotzen! - Weiter!“
Ein
Kind,
auf gleicher Höhe mit all dem,
stand starr,
in unbegreifendem Entsetzen!
Ein
Wachmann stieß es zögernd an:
„Nichts für Dich! Das hier!
- Na, geh’ schon, Kleines!
- Zu der Mama...“
Da
löste sich die arme Seele
aus dem Anblick dieses Grauens!
In einem menschenleeren Schrei,
der endlos aus dem Wesen quoll,
fand sie zu sich selbst zurück.
Die
Mutter fing es schließlich ein,
erstickte diesen Schrei
dann irgendwann mit Tränen.
Jahrzehnte
später sagte sie,
erneut bewegt,
in längst verdrängtem Schmerze:
„Das war entsetzlich! Damals!
- Kann ich Ihnen sagen!“
Die
Frage nach dem andern
überraschte sie:
„Erschossen! - Klar!
- Was sonst?“
Zu
den literarischen Arbeiten von Wolf-Alexander Melhorn
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