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Registrierte Lesezeit für3325 - Stand 18.2.2012 - verbrachte Zeit auf der Seite:10 439 Sekunden

Geschichten

Fabeln - Parabeln - Märchen - Erzählungen
- Kurzgeschichten

von

dipl.rer.pol Wolf-Alexander Melhorn
Heilpraktiker

 

 

 

 

 

 

 

1. Der Wunsch Über die Menschwerdung einer Weiblichkeit - eine Fabel ----- Veröffentlicht in der Anthologie des Richmond- Verlages über das Reich der Elfen, Monster, Zwerge und anderen, noch zu erfindenden Welten."Die Sonne ist grün"

2. Die Steine Über den gierigen Umgang mit Werten - eine Fabel

3. Familienbande Über familiäre Rücksichtslosigkeiten- eine Fabel

4. Die Verwandlung - eine Parabel

5. Der Morgen Über Sinnlichkeiten eines Morgens - eine Parabel

6. Der Besucher - Über ein Selbstgespräch mit einem Fremden - eine Parabel

7. Begegnung Über das plötzliche Erkennen - eine Parabel

8.Hoffnungen Über Hoffen und Erleben - eine Parabel

9.Der Wagen Über Wichtigkeiten letzter Augenblicke - eine Parabel

 

10. Die Burg Wie ein König zu sich selber fand- ein Märchen

11. Die Eisfee Über die Selbstfindung einer Einsamen - ein Märchen

 

12. Das Fragespiel Über das Selbstverständnis von Männlichkeit - eine Erzählung

13. Der Helfer Über die Bereitschaft, belogen zu werden - eine Erzählung

14. Der Zuhörer Über gefallsüchtiges Verhalten - eine Erzählung

15. Leidenschaften Über Grenzen einer Beziehung - eine Erzählung


16. Der Bewerber Über die Bereitschaft– eine Erzählung

17. Die Insel Über Hoffnung in der Aussichtslosigkeit - eine Erzählung

18. Das Abteil
Über Hoffen im Ausgeliefertsein - eine Erzählung

19. Begegnungen im Nirgendwo - eine Erzählung

20. Das Kreuz Über Sterblichkeiten im Krieg - eine Erzählung

21. Die Straße Über ein gerissenes Schaf - eine Erzählung

22.Der Alte Über Männertun im Krieg - eine Erzählung

23. Letzte Tage Über schicksalhafte Ausweglosigkeit - eine Erzählung

24.Der Sieg - eine Kurzgeschichte

25. Das letzte Treffen - eine Kurzgeschichte

 

 


 

 

 

 

1.
Der Wunsch

Über die Menschwerdung einer Weiblichkeit – eine Fabel

von
Wolf-Alexander Melhorn


Nur selten schwebte Lächeln über ihr Gesicht,
denn drängende Gedanken
formten dem die Züge.


So hieß er sie,
vor ihn zu kommen!

Da saß sie nun.
Im Zweifel,
ob sie die Wahrheit wagen dürfe.

Erst als er sie ermunterte,
brach es danach aus ihr heraus:
Wie einsam sie als Nixe sei...
mehr Abbild,
denn ein Teil des Lebens...
und dass sich so
das Sein vor ihr verberge...
Es gäbe sicherlich doch mehr!
Was tun,
im Leben!
Nicht zeitlos nur das Schöne sein!

Ihm war die Macht gegeben,
selbst Lebensziele umzustecken.
Er sah sie daher lange an,
der große Geist des Wassers.

Ihm war bewusst,
es hatte sich zwar eine Form gesprengt,
dass Neues sich erschaffen möge,
doch blieb die Antwort offen,
wie dies auch zu vollenden sei!
Hier saß ein Nixlein,
- inmitten seiner Fragen! -
erhitzt,
weil es sich ausgesprochen
und doch,
- ganz Teil von dieser Weiblichkeit! -
auch bedacht,
ihm gleich den Weg zu zeigen,
den die Gedanken nehmen mögen,
- wobei es brav zu Boden blickte
und dann bescheiden sagte:
„ Als Fisch hingegen, großer Geist ...“

Der Weise schmunzelte für sich.
Sieh an, das kecke Wesen!
Das andre war nur Vorspiel,
für diesen einen, halben Satz!

 

Der große Geist des Wassers
ging derlei Fragen redlich an.
War ihm doch auch zur Pflicht gemacht,
dem Leben Ziel zu weisen!
Was nicht bedeutet,
auch den Weg,
der gradewegs zu diesem führt.

Natürlich war ihm wohl bewusst,
wie mutig dies Geschöpfchen war,
das überhaupt zu wollen,
anstatt erduldend auszuleben,
was scheinbar ihm vorherbestimmt.
Doch durfte Anerkennung
nicht in falsche Schlüsse führen,
denn Wollen ist nur erster Schritt!

Nicht vorschnell galt es daher zu entscheiden,
denn Antwort sollte warten können,
wenn sich Vertrauen Rat erhofft!

Nach Tagen sprach der Geist zu ihr:
„Gut, kleine Nixe.
Dich mag ein Fisch verwandeln!
Doch sei Dir auch bewusst:
Er nimmt Dir dabei Deinen Glanz!
Auch Deine Schönheit wird Dich noch verlassen
- als Preis,
für ein nur kurzes Leben.“

Das Nixlein schauerte zusammen,
als friere ihm die Zukunft ein.
Verspürte aber auch die Lockung
bedrohlich in sein Leben dringen,
von dem,
was es für sich erhoffte!

Vom Geist ward wohl vermerkt,
was dieses Wesen jetzt durchwehte,
in hoffnungsfrohem Unverstand.
Und dieses sorgte ihn!
Denn nur die Fragen laut zu stellen,
heißt nicht schon,
auch die Antwort zu verstehen!
Und Ungestüm birgt weitere Gefahr!
Es galt daher,
hier Zeiten der Besinnung zu gewähren.

Er gab ihr deshalb als Bedingung vor:
„Zuvor musst Du beweisen,
wie wichtig Dir dies wirklich ist!
Erst jener gibt Dich daher frei,
den Du Dir selbst gewählt,
Dir Deine Hände selbst gefangen haben!

Verlange dabei nie:
Den will ich!
Dort,
aus dieser großen Zahl von vielen!

Du selber musst Dir den gewinnen,
der Dich befreien soll,
von dem,
was jetzt Dein Leben ist!
Denn bist Du dazu schon nicht fähig,
wird alles andere erst recht missraten!

Die Nixe schwamm von dannen,
wie benommen.
Erst hatte Hoffnung sie emporgehoben,
nun dieser tiefe Fall der Freude!
Sie sah sich nur bestraft.
Nicht,
was ihr wirklich zugedacht!
Wie meist,
wo Rat
nicht in die hingestreckte Tasche fällt.

Denn wie sich Fische greifen,
die flink und glatt im Wasser jagen?

Selbst wenn sie wirklich einen hatte
- war er auch der?

Selbst wenn derselbe gut gewählt?
Wie sollte sie ihn halten?
Wo jeder weiß,
dass Fische eben dann entgleiten,
wenn man sich ihrer sicher wähnt!

Als sie,
danach,
am Wasser,
die Fische plötzlich anders sah,
da wurde ihr so recht bewusst:
Mir wird das nie gelingen!

Ein Fisch!
Um einer Freiheit willen zieht es mich zu ihm;
in die Geselligkeit von Gleichen;
zur trügerischen Sicherheit der großen Schwärme!
Doch bin das wirklich ich?
Dem anderen die Freiheit nehmen,
um meine zu gewinnen?
Darf so was überhaupt gelingen?

Die Zeit verströmte wie das Wasser
und diese Nixe,
jetzt,
wo sie das Schicksal selber wenden konnte,
saß tief verstört an dessen Ufern.
Ist es doch immer schwer,
sich selber zu bestimmen.

Bis die Erkenntnis in ihr reifte,
dass Glück hier nie vorübertreibe!
Es will gefunden sein,
bevor es sich besitzen lässt!

Und sie bedachte sich erneut die Lage.

Ein Fisch!
Ein biegsam, starker Leib,
in schlüpfrigem Gewande!
Nur List vermochte zu gewinnen.
Es galt,
den Fisch zu fangen,
wie die Menschen taten,
die einen Köder in das Wasser warfen,
der einen Haken in sich barg!

 

Aber halt!
Ihn selber mit den Händen fangen!
So hatte es geheißen!

Dies war ihr niemals möglich!

Doch weiß die Weiblichkeit sich meist zu helfen,
wenn sie ihr Ziel im Auge hat!

Bald war sie jedenfalls gewiss,
dass selbst ein Haken nicht verboten,
da er doch nur als Hilfe diene!
Den Fisch,
den würde sie danach
dem Geist mit ihren Händen reichen.

Doch wurde ihr auch die Gefährlichkeit bewusst,
die jedem Hakens eigen.
Ihn jenem aus dem Schlund zu ziehen...
womöglich ihn verletzt zu haben,
nicht wissend,
ob er leben bleibt?!
Ist das Gewähr für neues Glück?

Erschreckt warf sie den Plan beiseite.

Bis sie die alte Eule sah,
die reglos an der Zeit
Unendlichkeit zu lauschen schien.

Das Nixlein zögerte.
Stand vor der Eule,
die schließlich einen Blick auf sie gewährte
und danach wieder sich verschloss.

Getrieben von der Macht des Wollens,
fand sie jedoch den Mut,
sich auch zu offenbaren!

Die Eule klappte jäh ein Auge auf,
nach wohl bedachter Weile.
Kühl sagte sie zu ihr herab:
„ Natürlich einen Köder, dummes Ding!
Mit Deinen zarten Händen?
Du?
Einen Fisch?
Den kannst Du niemals greifen!
Natürlich brauchst Du eine List!
Und die
hat immer einen Haken!


Doch sage mir zuvor:
Wie gut kennst Du die Fische?
Ich weiß,
Du hast fast ihren Leib,
doch denkst Du auch wie sie?

Was wirfst Du überhaupt als Köder?
Denn eines musst Du wissen:
Was immer Du als Lockung gibst,
muss wirklich von Dir selber sein!

Doch die Gewitzten,
die fressen solchen Köder ab,
bis das Metall im Wasser blitzt!
Die wollen nur genießen
und eilen danach wieder fort.“

Die Eule setzte eine Pause,
indem sie erst ihr Auge wieder schloss,
danach mit Strenge
nun aus beiden Augen auf sie sah.

„ Nun gut!
Es gibt auch noch die andern.
Nur sind die selten besser!
Die schlingen meist in sich hinein,
was kunstvoll ihnen angeboten.
Die sind zwar eine leichte Beute,
doch willst Du wirklich einen,
der auch danach noch alles frisst,
nur weil es sich vor ihm bewegt?
Bei ihm fragst Du Dich vielleicht bald:
Wie konnte ich mich so betrügen?
Denn was die Süße zu Beginn,
ist all zu schnell dann abgeleckt!

Verdränge also nicht:
Auch Fische sind nicht alle gleich!
Wenn Du es trotzdem wagen willst,
so prüfe Dich:
Bist Du bereit,
Dir irgend einen einzufangen
oder wirklich nur
den einen?

Gelingt es Dir zu wählen,
so mag Dein Glück von Dauer sein,
doch dies ist wahrlich schwer erreicht!
Das andere gibt es leichter,
nur steht dann die Enttäuschung schon bereit,
Dich durch die Jahre zu begleiten.“

Die Nixe schwieg beklommen.
Das hieß doch,
selbst die Eule hatte keine Lösung!
Erschreckte vielmehr nur durch Wissen,
dass viele sie nur kosten wollten.
Doch selbst,
wenn sie auch das ertrug,
wuchs eben dadurch die Gefahr,
dass jenem,
dem wirklich ihr Bemühen galt,
nur noch ein leerer Haken blieb,
weil ihr die Köder ausgegangen!

Sie wusste eben nicht sehr viel
aus dieser fremden Welt!

Die Eule hatte viel gesprochen,
für den Tag
und wollte es dabei belassen.
Doch dauerte sie diese Nixe,
die plötzlich still in sich verzagte

Sie klappte daher beide Augen auf.
Besah dies Elend unter sich,
die Torheit dieses schönen Wesens
und dachte still für sich:
Du wirst so vieles lernen müssen,
dass es für manches dann zu spät!

Die Eule hatte gleichwohl Mitleid mit der Kreatur.
Ließ sich herab,
sie nochmals anzusprechen:
„ Nimm Dir als Haken jene Locke,
die zwischen Deine Augen greift.
Solch Zierlichkeit
schreckt Dir die plumpen Fresser!
Und die Gewitzten sind zu dumm,
um damit etwas anzufangen.
Denn ohne die Gefahr,
verletzt zu werden,
gibt es für ihren Ruhm nichts zu gewinnen!

Doch sei es damit nicht genug!
Die Locke führe an die Lippen,
damit sie Deine Seele trage.
Dann wirf sie in das Wasser!
Und es wird sein,
dass Deine Ehrlichkeit die andern achten.


Nur dieser eine bringt sie Dir
und will Dich danach auch begleiten!
Denn dieser will gefangen sein.“


Nach ihren Worten flog sie fort.
Die Nixe tat,
wie ihr geraten.

Ob sie ihr Lebensglück gewann?


2.
Die Steine

Über den gierigen Umgang mit Werten - eine Fabel

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 


Sterne sprühten ihre Kälte in den Sand;
Schatten türmten sich bedrohlich,
behende stets der zuckenden Beweglichkeit des Feuers weichend.

Es war wohl gegen Mitternacht:
„So hatte es sich einstens zugetragen.“
begann da plötzlich einer….

 

 

 


Es lebte einst
ein großer Herrscher.
Gütig,
doch mit weiser Strenge,
lenkte er die Fährnis seines Reiches,
dass jeder ihn darob verehrte.

Eines Nachts erschien jedoch ein Geist vor ihm;
in der Gestalt von einem Jüngling,
stark und schön.
Der trug bei sich ein Kästchen,
zierlich klein,
aus Edelholz,
in ziselierter Schnitzerei,
belegt mit Gold und Edelsteinen.

Der junge Mann verneigte sich,
ihn ehrend,
bevor er achtsam seine Worte setzte:

„Fünf Steine bringe ich Euch, Herr,
denn Ihr seid auserwählt,
sie zu besitzen.
Bis an die Schwelle Eures Lebens!
Dann aber gebt sie dem,
der gleichfalls würdig,
sie wiederum der Zukunft zu bewahren.“

So waren seine Worte
und behutsam öffnete er ihm die Kostbarkeit in seinen Händen.
Und Licht,
- das niemand je beschreiben kann an Pracht und Farbenfülle -
ergriff von allem Irdischen Besitz.

Der Jüngling wies auf einen Edelstein
mit einer Strahlkraft ohnegleichen
und gab den Worten dabei viel Bedeutung:
„Er ist die Macht!“


„ Und dieser hier....“
Vorsichtig griff er sich den Stein heraus
und hob sein Funkeln in den Raum:
„Der ist die Kraft !“


Sachte legte er die Pracht zurück
und griff nach einem dritten Kleinod:
„Der hier, Gebieter,
mit seiner leuchtend prallen Brechung allen Lichts...
Das ist der Reichtum!“

Nach einer Pause wies er auf den nächsten Edelstein
und seine Stimme hatte dabei einen tiefen Glanz:
„Die Schönheit, Herr.“
- und es bedurfte weiter keiner Worte!

So ward ein jedes Schmuckstück knapp benannt,
obwohl es eigentlich noch viel zu sagen gab,
zu solchen Schätzen!
Doch es ergänzten keine Worte die Erklärung
- als habe Sprache keine Möglichkeit
bei solcher Pracht.

Zum fünften Edelstein,
den selten herber Glanz umhüllte,
sagte er,
wie nebenbei:
„Die Liebe“.

Der Herrscher fühlte sich benommen.
als die Erscheinung ihn verlassen,
und wähnte anfangs,
nur geträumt zu haben
- bis er die Steine selbst berührte
und tief ob dieser Pflicht erschrak!


Der Tag brach danach irgendwann herein
und fand ihn weiter sinnen.


Zuletzt befahl er,
diese Unvergleichlichkeiten sicher zu verwahren.

Er ließ sie später nochmals vor sich bringen,
doch auch dieses Mal
durchschauerte ihn tief die Bürde ihres Lichts.


Doch weiter lief die Zeit
dem unbekannten Ziel entgegen
- so unbeirrt wie immer!
Bevor sie ihn,
nach Jahren,
jedoch stehen lassen wollte,
blieb ihm,
- nun Greis -
noch auszuführen, was ihm verbindlich aufgegeben.

Lange sann er auf das beste Tun,
vergeblich jedoch alles Mühen!
Zuletzt befahl er,
alle zu benennen,
die würdig seien,
solchem Auftrag zu genügen.

Doch als er die mit Augen sah
und über jeden reiches Lob vernahm,
fiel die Entscheidung doppelt schwer!

Denn wonach wird ein Mensch gewogen?
Wieso ward der genannt als Würdigster?
Nicht jener?
War denn nicht jeder würdig,
dieser Ausgewählten?


Der Tag verging,.
dann traf er die Entscheidung,
die Steine sorgsam zu zerteilen,
- was ihm ja nicht verboten worden.

Und jeder dieser Ehrenwerten
erhielt ein Stück davon,
das nach der Größe, Wert und Pracht
Gewähr ihm schien,
den bleibend kleinen Unterschieden zu entsprechen.


Dabei gab er den Auserwählten auf,
wenn dereinst ihre Sterbestunde nahe,
zur weiteren Verwahrung ihr Stückchen Stein
nun wiederum dem ihnen Würdigsten zu übergeben.


Beim fünften Stein riet Sachverstand ihm jedoch ab,
den gleichfalls aufzuspalten:
Es hieß,
der sei gewisslich viel zu spröde,
als dass selbst Handwerkskunst ihn teilen könne,
ohne anderes
als Staub zu hinterlassen!


Doch was war da zu tun?

Nach langem Hin- und Herbedenken
winkte sich der Herrscher eine junge Frau heran.
Die hielt ein Kind in ihren Armen,
das selig zu der Mutter strahlte.

Dem gab er wortlos jenen Stein!
Die Mutter würde der Belehrung nicht bedürfen!


Die gleiche Nacht verstarb der Greis.

Was gut gemeint,
war gleichwohl doch gescheitert!
Denn wahre Würde,
- wie sie ausbedungen! -
verpaart sich nur mit Größe
– nicht jenem seichten Wert,
den Dritte etwas zuerkennen
oder
– schlimmer noch! –
man sich gar selber zugesprochen!

Soweit der Herrscher sich dem Urteil Dritter anvertraute,
statt seine Last des Auftrags selbst zu schultern,
ward seinem Geben das Versagen folglich mitgeschenkt!

Es floss der Steine wegen nämlich bald schon Blut!
Verstanden doch zu viele das Geschehen falsch
und trachteten im Neid,
von diesen Steinen selber welche zu besitzen!
So glitten diese,
immer schneller,
- blutgetaucht! -
durch vieler Menschen Hände;
gelangten schließlich selbst in fernste Länder
- und wurden weiter aufgeteilt!

So weiß nun heute niemand,
wer sie gerade
- und wie lange -
im Besitze hat!
Auch was sie einem bringen,
zerrinnt ihm im Ergebnis oftmals schnell!!
Wie Menschen immer schon gewesen.


Gesondert zu erwähnen
ist jedoch der Verbleib des fünften Steines!


Es sei erinnert,
dass der Weise selbst das Kind erwählte!
Er konnte sich daher nicht irren!

Und dennoch blieb daran ein Zweifel!
Nicht an der Wahl an sich,
vielmehr am Schweigen,
mit dem er das Geschenk bedacht!

 

Ein Vorwurf war ihm daraus
gleichwohl nicht zu machen!
Ein Kind,
der Worte,
des Verstehens,
noch nicht mächtig
- was sollte er zu dem denn auch gesprochen haben?


Doch da war immer noch die Mutter!
Sie hätte einen Auftrag weitergeben können!
So,
wie sie ihm auch den Stein verwahren sollte!
Doch eben das war nicht geschehen!


Wer jedoch meint,
der lebenskluge Greis
sei vielleicht uneins mit sich selbst gewesen,
was Liebe wirklich ist,
der deutet ihm sein Schweigen falsch!
Er wusste,
was er tat
und handelte aus gutem Grund!
Denn wo Liebe noch Erklärung braucht,
da ist sie nicht!
So wenig,
wie sie teilbar ist!

Das war dem Weisen wohl bewusst,
als er den unzerteilten Stein verschenkte!

Nicht so den andern,
die nur sahen,
dass einer was erhalten hatte,
ohne scheinbar es erdient zu haben!


Es sahen somit viele,
wen der alte Mann auf seine Art beschenkte.
Wer welchen Edelstein erhielt
und damit auch,
was später jeder damit tat!

Bald sah die Mutter des beschenkten Kindes sich daher gedrängt,
den andren endlich zu erklären,
was sie doch selber nicht verstand
- nur die Gefahr erzitternd,
die ihr allmählich aus dem Stein erwuchs.
Fiel doch schon fiel das böse Wort von „Zauberei“!
Auch dass der Stein
- vor grauer Zeit! –
getötet habe!

Es fanden sich
- wie immer, wo dies möglich ist! -
daher schon bald auch welche,
die planten,
- gottesfürchtig-fromm! -
gewaltsam bei ihr einzudringen,
um sich
- im Namen Gottes -
dieses Übels zu entledigen!

Es ward ihr jedenfalls so zugetragen!

Um Schaden von dem Kind
- und auch sich selber! -
abzuwenden,
stellte sie daher schon bald
den Wert und Sinn von dem in Frage,
das ihr,
für den Beschenkten,
plötzlich überlassen.
Ersichtlich zwar zur Aufbewahrung
- für dieses Kind! -
jedoch vom Schenker scheinbar ohne Grund!

Sie stand mit diesem Zaudern nicht allein!

Es lässt sich ohnehin nur ahnen,
was wirklich diesen Greis bewog,
nur ihr den Auftrag zu verschweigen,
der als Bedingung jedem Stein verbunden!
Kam vielleicht selber Zweifel in ihm hoch,
weil eigentlich nur einer zu erwählen war,
dem er die Schatulle dann geschlossen übergebe
– und zwar so unauffällig,
wie ihm selbst?

Schwieg der Weise also bei der letzten Gabe,
weil er begriff,
wie bitterlich er durch den Pomp,
mit dem er diese Steine schenkte,
in seiner letzten Prüfung
selbst versagte?

Lähmte ihm daher Betroffenheit die Zunge?


Genaues dazu ist uns nichts bekannt.
Vielleicht,
weil eine Antwort jeden trifft!
Bekundet nur,
dass sich die Frau von diesem Stein,
mit seinem ruhig,
tiefen Feuer voller Heimlichkeiten und Gefahr,
schon bald erleichtert wieder trennte.

Und jene,
denen sie ihn hingegeben,
trugen ihn mit Sprüchen und Gesängen auf den Berg,
der immer schon der Götter Sitz.

Von dort aus warfen sie ihn weit hinab,
wobei sie Glück für ihre Welt erflehten!

Und so zerbarst er in der Tiefe!

Es kam,
trotz diesen Tuns,
der Welt die Liebe trotzdem nicht abhanden,
denn eines Tages,
da bekannte sich,
- von irgendwo -
doch das Geheimnis des Juwels
- und sein Verlust wog vielen plötzlich schwer!
Es suchen daher viele nach den Splitterresten,
nur kannte niemand deren Form,
geschweige deren Farbe!

Wer sich bei dieser Suche dennoch etwas aufgegriffen,
der konnte jedenfalls nie sicher sein!
Wie musste es sich zeigen?

Denn Liebe nimmt sich nichts
- sie gibt!
Erst dadurch wird ihr selbst gegeben!
Im Gegensatz zu jenen Steinen,
die sich vor allem durch Besitz beweisen!

Es kann daher ein kleines Stück,
das wir für uns als Liebe finden,
tatsächlich Teil des Ganzen sein!
Nur fehlt ihm die Gewissheit,
dass es wirklich auch so ist!


Dem Finder bleibt vielmehr nur eines:
zu hüten und zu pflegen,
was ihm nun selbst die Liebe scheint!
Denn wissen wird er erst,
nachdem er sie für sich verloren!

 

Er erhob sich in dem Schweigen,
durchschritt den Kreis,
der sich um ihn gebildet hatte.

Des Feuers Glut
versickerte dann irgendwann im Dunkel.

Veröffentlicht in der Anthologie des Richmond- Verlages:
Über das Reich der Elfen, Monster, Zwerge und anderen, noch zu erfindenden Welten’ "Die Sonne ist grün"

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

3.
Familienbande

von
Wolf-Alexander Melhorn

Eine Fabel

 

 

 

Sobald das Vögelchen begann,
mehr
als ein Flaum zu sein,
ließ sich die Farbpracht des Gefieders
schon ebenso erahnen,
wie seine Fähigkeit
zu singen.
Ihm hatte die Natur
mit voller Hand gegeben
und mancher freute sich daran.

 

 

Die es besaßen,
verdross das jedoch insgeheim!

Nicht,
was sich die Natur erdacht,
verdiene stets Bewunderung,
vielmehr sei Anerkennung dem zu fordern,
der Mühsal auf sich nimmt,
dass so Geschöpfe
zu sich selber finden!

 

Damit daher der Anteil sichtbar werde,
den sie auch sie an der Natur Vollenden hatten,
bauten sie dem Vogel einen Käfig!

Zwar brachte das dann neue Lasten,
damit das Vögelchen
- trotz solcher Eingeschränktheit -
weiterhin gedeihe,
denn fürderhin war es zu tränken;
ihm Futter herbringen
und mancherlei zu tun,
Mühen,
für die allein der Neid der anderen entschädigte,
die nichts vergleichbar Schönes hatten!

 

 

 

 

Dort träumte nun das Vögelchen von Morgen,
sprang zwischen seinen Käfigstangen
 - hin und her -
und reifte aus,
zu Pracht und Können!

 

 

Jene,
denen es gehörte,
wurden dennoch unzufrieden:
Der Vogel jubilierte nur,
wenn Unbeschwertheit ihm dies riet!
Und so,
- befanden sie für sich -
darf niemand sein!
Jubel sei dem Nehmen vorbehalten,
dem Erfolg,
dem Sieg!
Der hier hingegen bloßes Selbstgefühl
- dem Augenblick verbunden;
nie pflichtgemäß,
stets ungeplant
und
- schlimmer noch! -
er endete nicht selten,
wenn davon mehr erwartet wurde!
Hier brauchte es daher Belehrung!
Zu schärfen galt es das Bewusstsein
für den Wert von Werten,
damit das Tier sich dann zur rechten Zeit
auch dankbar zeige!

 

 

 

Um ihm dabei zum rechten Maße zu verhelfen,
zeigten sie dem Tierchen Vögel,
die der Geborgenheit des Käfigs
lebenlang entbehren müssen,
damit es so erkenne,
wie sehr sich andre mühen müssen,
satt zu werden;
wie jene ihre Nacht
in Furcht vor einem Feind verbringen
und doch der Jäger Beute werden!
Ein grausam andres Sein,
nichts von Beschaulich- und Beschaubarkeitl
Das Vögelchen verstand!
Betroffen schwieg es fürderhin.
Wie durfte
wollte
konnte
es noch fröhlich sein,
wenn anderswo so große Not?

 

Die das Vögelchen besaßen,
wussten dieses Schweigen jedoch nicht zu deuten;
dass es Gefühle lähmten
und nicht der Verstand!
So hatten sie das nicht gewollt!
Das durfte auch nicht bleiben!
Womöglich dachten Dritte noch,
das Tier erleide einen Mangel,
ein Eindruck,
dem zu wehren war
- um der Familienehre willen!
Auch dachten sie
- und kannten sich mit so was aus! -
der Neid
bedrücke wohl das Tier
- auf jene,
die ganz ungebunden.
In ihrer Absicht,
allem zu genügen,
dachten sie daher In ihrer Güte,
das Tier auch davon zu befreien,
indem sie es
dann eben gleichfalls fliegen lehrten
- ein Zugeständnis voller Sinn,
als Antwort auf des Käfigs Enge!


Doch barg auch dies nun wieder seine Tücke!
Frei wegzufliegen,
bringt schließlich die Gefahr,
dass sich,
- im Leichtsinn purer Sinnlichkeit! -
ein solcher Flug im Weit verliert!
Und solchem galt es vorzubeugen!
Sie banden daher voller Rücksichtnahme
das Tier mit einer langen Schnur an seinen Käfig
- und wiesen dadurch seinem Flug
stets hilfreich einen Weg zurück!

 

Dies redlich Tun blieb jedoch ungewürdigt!
Das Tierchen wollte keine Freude zeigen!
Nichts mehr entlockte ihm Gesang!
Und das nach all der Mühe,
die sie hatten walten lassen!
So ging das aber wirklich nicht!
Als seien sie nicht jederzeit bereit gewesen,
mit Herz und Hirn zu geben!

 

Neuerlich berieten sie ,
um ihres Hauses Ruf zu schützen! 
Nach langem Wohlbedenken
kam einer zu dem Schluss,
dem Vogel fehle es wohl am Verstehen,
was auch für sie hier auf dem Spiele stand
- und dies
- trotz oder wegen! -
allen Überflusses,
der ihm so herzensgut gegeben!
Strenge lag daher in ihren Worten,
als sie dem Vögelchen die Gnade priesen,
in solchem Bauer nur für sich zu leben.
Jedoch
- bei aller gründlichen Belehrung! -
hielt Klugheit sie jedoch zurück,
vom Vögelchen ganz offen Dank zu fordern
oder  Wohlverhalten.
Nein!
Einsicht sollte dies von selbst bewirken!

 

 

Der Klugheit Lohn blieb auch nicht aus!
Sinn für Gerechtigkeit,
- wie er der Jugend noch gegeben! -
ließ das Vögelchen begreifen,
wie viel Geduld
- und Herzenswärme! -
es umhegten,
und Opfer ihm gebracht!
Es schämte sich daher
und wollte sein,
wie das erwartet werden durfte,
damit sich jene,
denen es gehörte,
sorglos ihrer Mitwelt zeigen könnten!

 

Also verbot es sich,
zu frechem Ungestüm zurückzukehren.
Beherrschtheit galt es einzuüben!
Lebenssicht nach allen Seiten!
Ein Handeln,
das ihm doch letztlich selber nütze,
wie es es hieß,
denn ungefährlich ist es schließlich nicht,
nur immer für sich selbst zu singen!
Weckt das doch nur Begehrlichkeit
auf noch mehr launenhaftes Tun!

 

 

 

So blieb der Vogel
– schön! -
in seinem Käfig;
sang,
wenn sie es erlaubten
und schwieg,
wenn es der andern Ruhe störte!
Hielten sie ihn aber an,
für Dritte prächtig aufzufliegen,
tat er gehorsam,
was gewünscht!

 

 

 

So hätte es nun fortan bleiben können,
wenn unter jenen,
denen dieses Wesen diente,
nicht einer
noch gewesen wäre,
der in sich keine Ruhe fand!
Der baute heimlich einen neuen Käfig!
Äußerlich dem alten gleich,
nur dass die Gitter sich verschieben ließen!
Als niemand um sie beide war,
nahm der das Vögelchen,
- mit schmeichlerischen Worte,
damit es ihn nicht noch verrate! -
und setzte es
in diesen neuen Käfig!
Den alten warf er danach fort,
damit ein Dritter nicht den Tausch bemerke!
Und wenn es ihn dann wieder quälte,
zwängte er das Tierchen in die Stäbe,
bis es sich nicht mehr rühren  konnte! 
Wobei er ihm
- mit sanften Worten -  
zu verstehen gab,
dass Liebe
- immer -
sich dem Schmerz vereint
und dies nur sein Beweis von Liebe sei!
Und die Gewandtheit der Beschwörung ließ ihm glauben,
weil es das Vögelchen nicht besser wusste!

 

 

Doch solche Demut
war dem Unhold nicht sehr lang genug!
Er presste manches Mal die Wände,
bis ihm der Schweiß die Schläfen netzte
und er dadurch erleichtert wurde!
Das nahm dem Vögelchen nicht nur den Glanz,
ihm engte schließlich Zwiespalt seine Seele!
Es hörte schließlich
- auf der einen Seite -  
von Liebe,
die sich hier doch nur voll Glut entgegendränge,
zur andern blieb ihm trotzdem fremd,
warum dies aber Schmerzen bringen durfte,
nur dass es jenem wohl erging!

 


Doch deshalb jammern?
Gar Beschwerde führen?
Wer würde ihm schon glauben?
Also schwieg es;
sang,
wenn das gefordert wurde
und tat,
wann
und wo
ihm was geheißen wurde!
So fand,
selbst durch Schmerz,
sein Leben weiter einen Sinn
und hatte seine Ordnung!

 

 

Doch eines  Tages kam dann einer,
bei dem war ihm so seltsam anders!
Es mochten dessen Spässe sein,
an denen der sich selbst erfreute,
in einer Fröhlichkeit,
die das Vögelchen nicht kannte,
die jedoch sein Herz erreichte!
Wenn der es sich betrachtete.
dann drängte es das Vögelchen,
sich das Gefieder aufzuputzen
und
- ohne jeden Zwang! -
dem seine Sangeskunst zu zeigen.
Erklärlich war ihm dieses nicht.

 

Auch dieser nahm das Vögelchen
verstohlen aus dem Käfig;
verwöhnte es auf seine Weise
und lehrte,
was zumeist verborgen bleibt. 
Bis es begriff,
welch glücklich-irrer Wirbel
Freiheit ist!

 

 

Doch ist Glückseligkeit
nur eine Speiche
im großen Rad der Lebenszeit
so dass
- je nach der Drehung Schnelle –
dann die Berührung manchmal kurz.
Selbst wenn sie immer wiederkehrt,
steht sie dann doch an neuem Ort,
auf frischem Grund!
Denn Zeit darf nirgendwo verweilen!
Aus ihr steigt schließlich alles auf,
in sie fällt es danach zurück!
Wer dennoch Augenblicke halten will, 
dem schenkt sie nur Erinnerung
- die jedoch mit ihr altert!
Wer sich dann schwer von etwas löst,
den ängstigt solche Flüchtigkeit,
 denn so zerfällt,
was manches Mal verfestigt werden soll!
Dem wiederum
sind Menschen aber kaum gewachsen,
weshalb sich mancher
- schon aus Furcht -
sein Glück zerredet,
damit es nicht zum Abschied komme.
Doch wieder
ist dann eine Möglichkeit vertan!

 

Das Vögelchen
- es wusste darum nicht
und anderseitig doch zu viel von dieser Welt!
So schämte er sich insgeheim ein wenig jener Glut,
die es so voller Leidenschaft erfüllte.
Schien die ihm doch auch heimlicher Verrat
an jenen,
die es in ihrer Liebe so bedacht
- denn ständige Belehrung
hatten es schon fest verschnürt!
Nach schwerem Seelenwiderstreit
blieb er daher in seinem Käfig
und ließ von seinen Träumen!

 



Davon wusste nicht mal,
der das Tierchen quälte
- obwohl dem doch die Finsternis vertraut! 
Und doch erahnt sich manchmal die Verderbtheit
so Veränderung!
Bestärkt durch Unterstellung
und die Antwort auf geschicktes Fragen
nutzte der sich
- neidisch-unerbittlich! -
die Gelegenheit,
um seiner Gier durch Drohung weiterhin zu frönen!

 

Doch eines Tages war die Pein
dem Vögelchen nicht mehr zu tragen!
Weshalb es bei Gelegenheit entfloh!
Zu einem,
der es lachen,
leben lehrte
und dem es daher
ewiglich gehören wollte!
- Das Rad des Lebens
schien ihm endlich frei gekommen!
Der Auserwählte nahm es herzlich auf
und hatte daran seine Freude,
wie es so unbeschwert von Wonnen sang,
und von der Lust zu fliegen!

 

 

Der aber,
der es glücklich machte,
den ängstigte das bald,
was dieses Vögelchen erfühlen konnte!
War doch auch er
in eigenes Erleben eingesponnen,
entzog sich manches seinen Sinnen
und barg für ihn so schließlich die Gefahr,
dass ihm das Vögelchen enteile
- um ihn als den zurückzulassen,
der er war!
 Deshalb wies er irgendwann harsch darauf hin,
die Überschaubarkeit von einer Liebesspanne
dulde zwar durchaus so Flatterhaftigkeit,
doch müsse sie dann irgendwann
dem Ernst im Leben wieder weichen
- sonst weise sie sich nur als Hohlheit aus!

 

 

 

Das Tierchen war
- wie stets -
gelehrig:
So dreist sein Glücklichsein erforschen,
schien wirklich eine Schuld zu sein!
Und es gelobte Redlichkeit und Zucht,
in Haltung und Gebärde!
Und alle,
die sie danach sahen,
erfreuten sich an diesem Paar:
Hier gab es wirklich zwei,
wie jedermann sie sehen wollte! 

 

 

Ihr Alltag hätte dauern können,
Manch einen wähnt das schließlich Glück!
Doch Haben ist nicht Sein
und zwingt uns daher in die Prüfung!
So auch hier!
Das Schicksal brachte,
nicht zu fernen Tages,
einen,
den scheinbar Zufall hergeführt.
Der konnte sehen
und beide fühlten die Bestimmung!

 

 

Dem Vögelchen brach des Erkennens Wucht
die ach so heile Welt in Stücke!
Fragen türmten sich ihm auf,
die all zu viel in Frage stellten
und dadurch auch Bedrohung wurden!
Doch wie der Qual entrinnen,
die alles aus den Ankern riss?
Davor bewahrte zunächst nicht,
sich all dem gar nicht hinzugeben!

 

 

 

In so Verwirrtheit blieb dem Tierchen nur,
sich alter Werte zu besinnen,
wie dem Spruch:

Man müsse auch im Sehnen Anstand wahren;
dass es verwerflich,
so was nachzugeben;
dass stets verdirbt,
was sich beschmutzt...
Als es dann trotz allem weiter litt,
behalf dem Vögelchen nur sein Wissen:
Schmachvoll sei es nur,
wenn die Gefühle sich in Tun verstricken,
nicht,
wenn sie nur als Flamme glühen!
Doch brachte ihm selbst solche Reinheit nicht Gewinn,
führte nur in eine Enge,
in der es zu ersticken drohte!

 

 

In solch Bedrängnis
riet ihm schließlich seine Seele,
sich Rat von jenem einzuholen,
der ihn so häufig angeboten hatte,
dass nun das Vögelchen
diesen auch erbitten durfte!

Der hörte sich das an, 
doch weil sich dabei alte Ängste jäh bestätigt sahen,
  wiesen die dem Wesen
- ohne Zögern!
schließlich schroff die Türe!

 

 

So setzte sich das Vögelchen
zurück in seinen Bauer!
Zu jenen, denen es gehörte
und die mit Ingrimm daran dachten,
was ihrer Güte,
Wärme,
Sorge
derart ichbezogen angetan!
Nachsicht war
- aus ihrer Sicht! -
auf jeden Fall ganz fehl am Platze!
Dennoch war Bedachtsamkeit zu wahren,
beim Wägen des Geschehens!
Zwar hatte sich Vergnügungsgier,
hier dumpfen Lüsten hingegeben
und so,
- zudem durch Jugend aufgestachelt! -
den Wert von Werten zugeschüttet,
doch galt es da
- trotz allem! -
nicht,
die alten Werte wieder freizulegen?

 

 

 

So Überzeugtheit ihres Seins
brachte jenen schließlich wieder Ruhe.
Ließ sie in Großmut
sogar diese Rückkehr dulden! 
Wobei sie insgeheim jedoch nicht übersahen,
welche Schönheit
und Klarheit des Gesanges
das Vögelchen
nun seinerseits als Mitgift brachte!

 

 

Die Seele wirr und aufgerissen, 
war sich das Vögelchen
denn auch der Schwere seines Tuns bewusst!
Es ging zurück in des Gehorsams Fron
und stellte sich
nie wieder einer neuen Wahl
- zumal ihm dies
nun auch mit Sicherheiten aufgewogen!

 

Bleibt daher nur noch zu berichten,
wie schwer sich wiederum die Neugier damit tat
- mit dem,
was so bekannt geworden! -
nachdem das Vögelchen
fortan nur noch in seinem Käfig sang.

 

 

 

20.8.08

 

4.
Die Verwandlung einer Maus

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

- eine Parabel

 

 

 

Die Augenblicke von verschämtem Stolz,
dass gerade der sie wahrgenommen,
wogen schwer,
weil ihre Sehnsucht sich darin erfüllte.

 

Nachdem sie sich verstanden fühlte,
weil er in Kennertum das Seelchen vor sich sah,
dem Kindsein noch das Denken führte,
fand sie an ihm kaum einen Tadel.

Die aber räumte der Verstand hinweg,
als er für sie sich als der Bösewicht ergab,
der er für ihre Neugier stets gewesen.

So offenbarte er sein gutes Wesen,
- gereift durch Leben
-
und wurde,
wie sie ihn insgeheim erhofft!


Durch dies Bekennen
fielen alle Ängste vor ihr ab,
die sie als Mäuslein
auch vor diesem Kater hatte
- der offenbar den falschen Pelz getragen hatte!

 

Sie fand auch in der Tat nichts mehr an ihm zu ändern,
denn sein Verhalten war selbst ihm jetzt Überraschung,
nachdem dies fremde Wesen
- in dem er bislang eine Maus gesehen! -
ihm ohne Furcht in einer Offenheit begegnete,
die ihrerseits verpflichtend war,
doch ihm
- in unsrer Welt der Selbsterfindung! -
die Unbekannte im Geschehen.

So ohne Arg und Unbedachtheit
einem Jäger gegenübertreten,
war jedenfalls
nur Raffinesse
oder
dumm,
und beides
- nach Gesetz der Jagd! -
ein Grund,
die Maus doch artgerecht zu quälen,
indem die Hoffnung grausam hochgeworfen wurde
und Krallen schmerzhaft sich die Wirklichkeit ergriffen.

Sie glaubte zwar,
das müsse sein
- womit sie auch die Wahrheit traf! -
nur wurde die von ihr ganz falsch gedeutet!


Doch es ging längst um Tieferes,
denn dauerhaft ein anderes Verhalten,
das würden sie ihm als Versagen deuten,
was seinen Ruf des Jägers schwächt
- bei Seinesgleichen!

 

Das würde sie nun lernen müssen!

 

Er wusste jedenfalls aus leidvoll eigener Erfahrung,
das Leben gönnt nur kurzes Innehalten!
Um so größer ist danach der Schritt,
es wieder einzuholen,
bevor es sich davon gemacht!

Das Mäuschen starb noch in der gleichen Nacht
- und ward als Katze neu geboren!


 

 

 

 

 

 

 

        5.
Der Morgen

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

Über Sinnlichkeiten eines Morgens - eine Parabel

 

 

Die Sonne platzte aus den Wolken,
die darauf neue Hemmnis um sie häuften.
Sacht schaukelte das Land,
als Gräser sich vor fremdem Wollen neigten.
Natur eratmete den Duft des Morgens.

 

 

 

 

Der Winde sanfter Druck
schob sie behutsam zueinander
und Neugier ließ sie sich ein wenig reiben,
vorgeblich,
um sich Halt zu finden,
doch schon bemüht, 
- im kosenden Berühren -
der Seelen Gleichklang auf sich abzustimmen
- wie mancher Neid um sie bemerkte!

 

 

Doch trat ein Fuß ihn in den Boden
- beendete das zarte Glück!
Sie harrte jedoch bei ihm aus
- dem Boden zugekauert,
im Tau von Tränen überdeckt.

 

 

 

 

Sie ist gebrochen,
wisperte das Rund erschauernd
- und um so stolzer
auf das,
ihm eigen,
pralle Leben!
Selbst wenn das in zwei Wochen welken würde!


Ohne solche Augenblicke!

 

 

 

 

 

 

 

 

 


6.
Der Besucher

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

Über ein Selbstgespräch mit einem Fremden - eine Parabel

 

 


Ich saß im Garten meines Lebens.

Das war nicht selbstverständlich.
Er gab mir aber Ruhe - war Schutz vor meinen Ängsten.

Sein Blütenzauber tränkte mir mit Duft die Seele und meine Augen sogen ihre Farben in mich ein.
Der Reichtum, den das alles zeigte, schäumte mir die Kräfte auf, Beglückendes zu leben und was Besonderes zu sein!
Und ich genoss in Demut meine Größe.

Ein Leben, das zufrieden war.

 

 

Da trat ein Mann an meine Bank heran, die mir der Platz für Sonne war.

„Darf ich mich setzen?“ fragte er.

Wo genau er stand, vor mir, das konnte ich nicht deutlich sehen, weil mich die Sonne blendete. Doch war die Stimme freundlich. Als sei das einer. den man gerne trifft, um gönnerhaft auch mal die Freude aufzuteilen, die einem Augenblicke bieten.

Wohlwollend bat ich ihn daher, mit einem Wink der linken Hand, sich herzusetzen.
Nicht, dass ich mir etwas davon versprach! Mir könnte keiner etwas geben!
Nein!
Ich war bereit, vom Meinen einem abzugeben.

Der Fremde setzte sich nach kurzem Dank und schwieg.

Mir schien das durchaus angemessen.
Er stimmte sich wohl gleichfalls ein, in diesen Abend.
Gemeinsam würden wir gedanklich so des Gartens Reichtum nachvollziehen.
Ich würde ihm danach die Bauten dann noch näher bringen. Wie ich alles hier erdacht; von der Abgestimmtheit meiner Ordnung und meiner Möglichkeit, dazu selbst der Vollkommenheit noch etwas abzuringen.

Stolz kam bei dem Gedanken in mir hoch! Schließlich ist es stets bereichernd, bescheiden seine Schätze auszubreiten, als seien sie in Wahrheit nichts - und dabei doch gewiss sein des Besonderen, wenn dabei auch ein Fremder solches Ausmaß sieht! Dann zollt auch der – mir sei das dann vergönnt! – dem Wert noch die Bewunderung!

„ Ich sah nur selten einen solchen Garten, werter Herr“ sprach kurz darauf der Fremde.

Nickend stimmte ich ihm zu.
Sein Gesicht war immer noch nicht klar zu sehen, weil - auch auf seinem neuen Platz - mich weiterhin die Sonne störte. Ich sah nur, seine Kleidung war mehr unauffällig, sein Alter schwierig zu bestimmen.
Doch ließ der Tonfall keinen Zweifel, dass er meinte, was er sagte.

„Wie vieles sich doch machen lässt", nickte er dann anerkennend.

„Ja. Es war manches abzuwägen. - Doch wissen wir, die Möglichkeit ist oft nicht Chance, sondern Risiko. Ich bin zum Glück ein Mensch, der auch die Pflichten einer Zukunft kennt! “
Er sollte merken, dass ich vom Leben was verstand.

Ich nickte danach träge in die Sonnenwärme und fügte dem, in schicklicher Bescheidenheit, nach einer Zeit noch an: „Nicht nur Gedankenspiele…- Modelle habe ich gemacht dafür! Dass alles zur Bestimmung finde!“

" Ja. Und manches ist davon getan. “ stimmte er - wohl lächelnd, so genau sah ich das nicht - nach einer kurzen Pause zu. „Gewiss hat man sie oft darum beneidet.“

Er schien mich fast zu kennen!
Denn genau so fühlte ich mich! Wie er sagte. Stets war das jene Art von Anerkennung, die mir als Lohn die Zweifel der Vergangenheit ein wenig milder stimmten!
Als ich mir dessen plötzlich so bewusst, kam mir auch vieles wieder in den Sinn: Was ich geplant, erhofft, verworfen! Und wie das Schicksal mich – ganz Hans im Glück! – jeweils zur rechten Zeit davor bewahrte, so manchem Denken mit der Tat zu folgen.

„Sie sitzen also hier…“ fuhr er darauf mit Ruhe fort. „Bedenken wieder mal die Wechsel ihrer Lebenszeiten… – Und die Zufriedenheit, mein Herr ....“, hier hörte ich verblüfft zum ersten Male Spott in seiner Stimme" ... hält Sie von neuem Handeln ab.“

Erst kam Verwunderung, dann Ärger in mir hoch.
Wie konnte der es wagen, auf solche Art Erklärungen zu fordern? Ich hatte ihn hier schließlich eingelassen! Ihm einen Platz bei mir gewiesen, um ihm Gelegenheit zu geben, Ähnliches wie ich – wenn auch nur nachvollziehend - zu empfinden!

Die Klugheit hielt mich allerdings zurück, ein scharfes Wort dazu zu sagen.
Ich blinzelte zu ihm hinüber, bereit, mir jenen nun doch näher anzusehen.
Doch war er da schon aufgestanden und wieder blickte ich in grelles Licht. Unmöglich, jenen zu erkennen, der es wagte, mehr von mir zu fordern, als ich dem Leben geben konnte.

Das war ich nicht gewohnt, mich für mein Lebenswerk noch höhnen lassen!

Doch gab die Stimme noch nicht auf. Auch wenn sie nicht zu Schärfe fand.
„Wer Lebensraum besitzt wie Sie, mein Herr, der muss ihn auch für andere gestalten! - Der darf die Dinge nicht nur für sich selbst bestimmen und sich dem Vorgestellten überlassen, um dabei Wege für sich frei zu halten.“

Was sollte das? Mein Leben ging nur mich was an!

Er sah mein Ungehaltensein, mein fehlendes Verstehen und fuhr, als wolle er mir damit helfen, ruhig fort: „ Ihr wart stets nur bereit, Euch Möglichem und Schein zu unterwerfen! Seid dem Ergebnis aber ausgewichen, sobald Euch Wirklichkeit zu binden drohte. - So ist ein Leben mehr vertan, mein Herr, wenn letztlich die Beliebigkeit den Mut entschuldigt und Angepasstheit gar als Lebensweisheit handelt!"

„ Was glauben Sie denn, wer ich bin?“ fauchte ich empört zurück. "Mein Leben war ein steter Kampf! Missgönnt ihr mir jetzt den Erfolg?"

Musste ich mir so was bieten lassen?

Ein mildes Lachen kam zurück.
„ Ein Kampf? Gewiss! – Doch immer nur um euer Wollen, werter Herr. - Ihr baut Gerüste eures Willens, verbrennt sie wieder mit der Zeit - und dann erfindet Ihr Euch neue Spiele. Ein Kreislauf leeren Lebens - auch wenn dem der Erfolg beschert! - Handeln ist nur Teil des Lebens! Nicht es selbst! - So vertut man seine Zeit, anstatt darin zu reifen!“

Nun bin ich zweifellos ein Mensch von großer Duldsamkeit! Wohl keiner, das das leugnen würde!
Doch dafür hätte ich ihn töten können und ich weiß schon lange, wie man Menschen sterben lässt, ohne blutbefleckt zu werden. Denn niemals dulde ich, dass jemand meine Werte und die Ordnung schmutzt!

Als sei das nicht schon frech genug, kam es jedoch noch schlimmer!

Er stand jetzt hinter mir! Doch fühlte ich mich nicht bedroht. Weshalb ich mich erheben wollte, um all dem nun ein Ende zu bereiten.
Doch legte er nur sacht die Hand auf meine Schulter und drückte mich so auf die Bank zurück.

„ Ihr lebt in Eurem Garten Eden, wie viele Euresgleichen, werter Herr! – Doch seht Euch um! - Gegeben habt Ihr nur an Euch! Genommen immer andern! – Zwar dafür auch bezahlt, doch immer weniger, als Ihr dafür bekommen! - So seid Ihr Vorbild nur dem Neid! - Verlasst Ihr daher einmal Euren Garten, bleibt davon Dauerhaftes nicht zurück. - Denn Ihr lebt nur Zufriedenheit durch Augenblicke!"-

Er klopfte mir noch einmal freundlich auf die Schulter.
"Bedenkt auch dies, in Eurer Muße. - Dann werdet Ihr ein großer Mann!“
Dann war er plötzlich weg. So überraschend, wie er kam.

Rechtschaffene Empörung blieb tief in mir zurück! Auch weil ich nicht die Möglichkeit zu scharfer Richtigstellung hatte.

Entschlossen reckte ich erneut mir das Gesicht zur Sonne und lehnte mich zurück, um wieder die Gelassenheit herbeizutrotzen.
Doch nur sehr mühsam fand ich wieder jenes Glück der ersten Augenblicke.

Ich war daher entschlossen, niemand mehr zu mir zu lassen!
Das hatte ich dazugelernt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

7.
Begegnung

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

Über das plötzliche Erkennen – eine Parabel

 

 

 

Wohlig offenbarte sich dem Fühlen
die Besonderheit des Tages.

Nach dem Warum befragt,
so hätte der Verstand begründet:
Die Sonne eben ...
 - und dabei unbedacht gelassen,
dass diese jeden Tag bescheint,
nicht achtend auf die Stimmigkeit
von Umfeld und Gefühl.

 

Es war jedoch
 - nur ihr zueigen,
in der Unendlichkeit der Sonnenwelten! - 
der Erde Zeitenwandel,
der wieder die Natur beschenkte,
indem er
- neuerlich -
dem Sehnen die Gewissheit gab,
es werde alles sich erfüllen!

Somit ein Tag der Frühlingssaat...

 

 

 

 

 

 


Auch jenen beiden
- der Bedingtheit dieser Reize unterworfen -
ertastete die jähe Ruhelosigkeit der Sinne
- fühlergleich -
die Spur,
die ineinander führen würde.

 

Als sie sich daher gegenüberstanden,
war alles nur ein Augenblick,
der sie jedoch so tief
einander sich versenkte,
dass ihre Blicke
erst mal auseinanderstoben
- um
alsbald es erneut zu wagen.

Und scheu dann wieder dies Erkennen,
das Leben keinen Zweifel lässt!

 

 

 

Von vielem sprachen sie danach:
Dem Frühlingstag
und wie ihn jeder sich erfühlte;
dem Glück,
dass Wünsche sich erfüllen
und Zukunft,
die ein Leben sich erhoffen dürfe
 - was eben so Verzaubertsein erfindet!

 

Nur von der Sehnsucht
sprachen beide nicht
- denn diese hatte sie
- bestimmt! -
auf ewiglich verloren.

 

 

 

 

 

 

 

 

8.
Der Wagen

 

Wichtigkeiten letzter Augenblicke - eine Parabel -

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

 

 

Sie solle einfach warten,
wurde ihr gesagt.

Die Erwachsenen,
gewillt,
Wichtiges einander auszuteilen,
umplapperten sich danach aufgemuntert.

Fragen traute sie sich daher nicht.
Das würde nur dies Fließen stauen
und Unverständnis in die Augen ziehen!
Womöglich Ärger auf sie schütten! 

 

Sie sah daher gelangweilt zu ihm hin.
„Guten Tag“, begrüßte sie der Bär.

Sie kam ein Schrittchen näher.
So gegrüßt zu werden, war ihr neu
und Grund genug,
sich den genauer anzusehen!

 

Er sagte dazu nichts,
doch das gefiel ihm offensichtlich,
für einen Augenblick ihr Mittelpunkt zu sein.
„Was bist denn Du für einer?
Und was ist mit Dir?“
befragte sie ihn daher frei. 

 

„Ich werde abgeholt.“
Er sagte das nur so,
als sei das nicht der Rede wert.

 

 

Sie wagte sich noch mehr heran.
„Wie meinst Du das?“

„ Ich bin alt geworden. - Hässlich!
Deshalb holen sie mich jetzt."
Und seine stumpfen Augen,
- einst liebevoll ersetzt durch Knöpfe,
vormals einer Uniform -
blinkten etwas in der Sonne.

 

Darauf wusste sie nun nichts zu sagen.
Wenn einer selber so was sagt....
Es würde schon so sein!
Und wie er so in dieser Tonne saß,
ein Loch in seiner linken Pfote...

Und auch der Leib
beschmutzt und eingefallen...

 

„Mag dich denn keiner?“
fragte sie betroffen.

 

Er schüttelte den Kopf
und wieder blitzte etwas in den Augen.
Es mochte auch die Sonne sein...

 

„Meine Hanni hab’ ich jedenfalls sehr lieb.“
gab sie voll Unverständnis zu bedenken.
„Die ist wunderschön!“
erklärte sie mit Nachdruck noch.

 

„Das war ich auch.
- Und stark dazu!“
gab ihr der Bär zurück,
nach Augenblicken der Erinnerung.

 

Was ließ sich darauf sagen?
Einem fremden Bären....?

 

„Hanni kann dafür nicht sprechen.
So wie Du!“
sagte sie dann doch von Herzen
- erleichtert,
dass ihr noch was eingefallen. 
Er würde es nicht merken,
dass sie log.
Schließlich war wirklich alt!

 

„ Dass Du sie gern hast,
das ist wichtig!“
gab ihr der Bär bestimmt zurück.
Und seine Augen fassten sie für einen Augenblick in Liebe!
Denn Bären wissen schließlich
dass Puppen immer sprechen können!
Nur wusste sie das vielleicht nicht!

 

 

 

Der Wagen schob sich näher.
Schweigend rumpelten die Männer Tonnen.

 

 

 

„Mach’ Dich nicht dreckig, Petra!“

 

Er sah sie nur noch schweigend an.
War ihm doch aufgegeben,
still zu sein,
wenn es nicht um Gefühle ging.

 

Sie verhielt,
gab sich gehorsam jedoch einen Ruck.
„Auf Wiederseh'n, Herr Bär.
- Und einen wunderschönen Tag, “
Sie wußte,
das war jetzt ganz besonders höflich!
Dann sprang sie eilig wieder weg.

 

Er sah ihr dankbar hinterher. 
Wie lange
hatte niemand mehr mit ihm gesprochen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

9.
Hoffnungen

Über Hoffen und Erleben - eine Parabel

 

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

Eng auf den Leib gepasst,
der Waffenrock
 - bis in die Falten steif gebügelt!
Als stramm geschnürte Männlichkeit
auch Ausdruck eines Machtanspruches
- und sichtbar Schutz
vor jedem Zweifel!

 

 

So hatte er begonnen
und Hoffnung prahlte Zuversicht!
Inzwischen hing die Uniform
längst schlotterig an ihm herunter
 - blutbefleckt und abgerissen!
Auch beulte Erdreichfeuchte seine Stiefel,
die einst,
nach schnellen Siegen,
in speichelaufpoliertem Glanz
noch im Stechschritt paradierten.

 

Auch sonst
war er nicht wieder zu erkennen!
Der kühne Blick,
der herrisch einst das Morgen ahnte,
war ihm stumpf geworden
mit der Zeit;
die junge Haut,
einst straff den Knochen aufgezogen,
zu tiefen Falten abgealtert;
der Leib
- der unverwundbar schien! -
nunmehr mit Narben eingerissen.
Nur war der Hochmut
war bei ihm geblieben;
die Hoffnung hatte sich davon gemacht,
als er
- wie stets! -
versagte!

 

 

Doch unerbittlich,
- um sein Ende aufzuschieben -
ließ er das letzte Aufgebot
in seinen Straßen kämpfen,
denn nur der Tod,
der unersättliche Vasall,
stand weiter stur an seiner Seite,
als andere schon von ihm wichen!
Verschlagen
die Gelegenheit ergreifend,
gesellte sich den zwei
gelegentlich noch die Erniedrigung hinzu,
um sich,
im Schatten dieser beiden,
grausam Lüste auszuleben.

 

 

 

 

 

 

Die hatte auch nach ihr gegiert,
gewillt,
in ihren jungen Leib zu brechen
den sie sich mit Gewalt ergriff!

Nur einen Lidschlag lang
wurde dieser Akt gestört
- doch Zeit genug,
dass sich der Tod den Schänder holte!

An ihr
blieb nur der Ekel kleben!

 

 

 

 

 

 

Sie teilten sich zu viert den Keller.
Nur sie
und ihre beiden Kinder,
waren
- einfach so! -
entkommen.
Mit dieser Frau vom 4.Stock,
deren Unausstehlichkeit
nur Last,
doch deren Hilfe,
sie so brauchte!
Mehr hatte die Vergangenheit
ihr nicht gelassen!


Alle andern blieben aus
- zerplatzt in Bomben über ihnen;
geschrumpft
im Knistern dieser Phosphorglut;
durchglüht
wie ein Papier;
danach im Feuerwind zerweht,
als Fetzen durch die Trümmer!


 

 

Doch ihren 22 Jahren
blieb die Pflicht,
den beiden Kleinen Nahrung herzuschaffen,
und Hunger fraß sich in ihr Leben ein,
den keine Hoffnung stillen konnte!
Und diese Bürde
drückte sie
in eine neue Form von Wirklichkeit!
Zwar fand,
in manchem aufgeplatzten Keller,
sich anfangs Eingemachtes
- dann galt es,
schnell zu sein,
bevor die anderen es griffen! -
doch reichte das nur wenig Tage!

 

 

Daher verkaufte sie,
an hungrige Soldaten
- auf Zeit
und gegen Brot -
in den Ruinen
ihre Schenkel;
schwor sich dabei,
das werde niemand
jemals
wissen!
Die Scham in ihr
besänftigte die Not.

 


Nach Wochen erst,
als sich die Sieger sicher wähnten,
war endlich
neue Ordnung festgezurrt!
Da stand sie nun
in ihrer Welt.
Gestützt auf Trümmer,
die vormals ihre Werte waren!
Und doch erfüllt mit jener Kraft,
die neuem Anfang eigen!
Man saugt sich dadurch Zukunft ein
und alles wird uns neu geboren
- nachdem das Alte
so bedrohlich!
Und immer wieder
glühte dabei ihre Seele,
im Wunsch,
dass doch ihr Frank
zu ihr und seinen Kindern finde!
Dann
- endlich! -
könnte sie auch ihre Qual beweinen;
dass sie dem Krieg
und einem 'Endsieg'
opfern musste! 

 

 

 

Wenn sie sich dies ersehnte,
so glommen ihr
- gedankensüß -
die Stunden auf,
in denen sie gemeinsam in die Zukunft träumten
- auch wenn die
hohle Männlichkeit
an Orden maß und Schulterklappen.

Sie hatte dabei stets gebetet,
er möge seiner Siegesfreude
- zur rechten Zeit! -
dann aber doch Tribut entrichten!
Nicht machte,
was ihr Schwiegervater wollte,
dem jeder Mann Verräter,
der
- statt der Pflicht -
zuletzt das Leben wählte.

 

 

 

 

 

 

Doch Jugend ist auch Leben,
das niemals wirklich Stillstand duldet!
So versank in ihr
auch schwer Durchlebtes,
führte neue Hoffnung
sie allmählich auf den Platz,
auf den sie,
nach Bestimmung,
hingehörte!

 

 

 

 

 

Doch als der Enkel
jetzt
das Honigbrot verweigerte
- obwohl er es noch angebissen! -
ermahnte sie ihn drängend:
„Iss!“

Da war nun plötzlich wieder
so ein Stück Erinnerung!
Das hätte ihr das Brot
am liebsten selbst hineingezwungen,
damit nur ja nichts in den Abfall kam!
Doch würde sie die Süße
quälend schmerzen
- am Zahn,
der die Prothese hält.

 

 

„Ich will nichts mehr!“
beharrte jedoch dieses Kind!

„Andre hungern...! “
erwiderte sie aufgebracht!
" Egal!"
Die Hoffnung,
sie werde dieses Kind verstehen
fiel damit jäh in sich zusammen.
Doch konnte es begreifen,
was sie sich selbst
nicht mehr begründen wollte?

 

 

Doch dieses Kind,
in seiner Patzigkeit,
suchte deshalb sogar Streit
- den sie verlieren würde,
wie sie wusste!
Das zog sie in die Gegenwart zurück.


Der Hoffnung blieben andre Zeiten!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

10.
DIE BURG

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

Wie einer zu sich selber fand - ein Märchen

 

 

Es lebte einst ein Knabe
von zwergenhaftem Wuchs.
Der Vater starb ihm früh,
die Mutter folgte dem aus Gram,
kaum dass zwei Winter hingegangen.

 

So ward ihm jung schon große Bürde aufgeladen,
in Absicht mancher,
ihn damit zu erdrücken.
Doch widerstand er dem!
Mit Fleiß und Klugheit glich er aus,
wo die Erfahrung Lücken hatte.

 

So war er denn im Volke wohl gelitten,
doch hieß der Hof ihn,
hinter seinem Rücken:
„Zwerg König“.

 

 

 

 

Bald schon erfuhr der junge König von dem Spott.
Doch die ihm dies so eilig zugetragen,
schwiegen danach,
ohne einen Rat zu geben,
der einem jungen Menschen hilfreich ist.
Lag ihnen doch daran,
ihm dadurch einen Stachel einzureissen,
damit die Seele Schaden nehme!
Denn Menschenkenntnis weiß,
das würde ihn,
aus Seelennot,
dann Schmeichelei empfänglich machen,
- die immer auch Geschäfte lenkt!


Zumindest würde es am Selbstbewusstsein nagen
und
- wer weiß, wenn er das nicht ertrug? -
ihn vielleicht seine Krone kosten!

 

 

 

Wer stets nur Leichtheit leben darf,
dem bleibt aus seinem Leben nichts!
Wen jedoch die Natur mit Mangel ausgestattet,
kann gleichwohl eines Ausgleichs sicher sein!
Denn nichts geschieht,
das sich nicht fügen soll,
mag es auch Mühsal,
manchmal Pein bedeuten,
bis sich die Zeichen lesen lassen!
Denn eben das ist Menschenpflicht,
auch aus Verlust
dem Leben
noch Gewinn zu machen!
Selbst wem es daher nicht vergönnt,
das Ziel auch zu erreichen,
hat dennoch seinen Weg zu gehen!
Denn die Erlösung wird uns nie geschenkt,
gewährt sich vielmehr nach Bemühen
und nur wer abwirft,
was den Schritt beschwert,
kann seinen Weg dann auch begehen!

 

 

 

 

Doch trotz des Kummers,
den er litt,
um erst mal Mann zu werden,
gedieh des Königs Wesen ohne Fehl.
Selbst Ränkeschmiede konnten nichts zerstören!

 

 

 

Erschrecken daher allerorten,
als er sich jene,
die als Spötter ihm bekannt,
er eines Tages vor den Thron befahl.
Er wollte es nicht länger dulden,
dass sie bei ihm nicht Taten maßen,
sondern Körperlänge,
nur weil sie selber kein Gebrechen hatten!

 

 

 

Die Einbestellten kamen voller Furcht!
Tief beugte sich ein jeder,
bat reuevoll um Gnade,
bejammerte ein Missverstehen!
Denn keiner,
der
„bei Gott“
sich zu erklären mochte,
wie dieser hochverehrte König
Geschwätz sich derart deuten konnte!
Nie hätte einer je gedacht,
dass derlei auch verletzen könne!
Zumal auch zu bedenken sei,
dass Volkesmund oft ungeschlacht
und Liebe und Bewunderung
dadurch oft falschen Ausdruck finden!
Nicht Strenge brauche daher unbedachtes Wort,
vielmehr verständnisvoller Milde.
Das werde einem Herrscher erst gerecht! 
So rieten ihm vor allem jene,
die ihm zuvor die Namen hergetragen.

 

 

 

Der König war im Feld der Politik
zwar groß geworden,
doch unterschwellig spielte alles stets für ihn
- und so was schwierig zu erkennen!
Zudem war er in seiner lieben Wesensart
mehr Ball,
denn Spieler,
weshalb er manche Absicht nicht durchschaute.
Er hatte daher auch nur zögernd zugestimmt,
dies eine Mal,
für sich,
sein Amt zu nutzen!
Nun aber brachte ihm sein Handeln
plötzlich das Gefühl,
aus hohler Eitelkeit
versagt zu haben
und er bereute insgeheim,
sich auf so Nichtigkeit zu werfen.
Er ließ es daher bei Verwarnung
und gab die Heuchler wieder frei!
Sich selber half er mit der Hoffnung,
ein neuer Anfang sei gewonnen.
In Wahrheit hatten Dritte
wieder einen Sieg gemacht!

 

 

 

 

 

Die Jahre fuhren Wohlstand in das Land,
gelenkt von diesem Herrscher,
dem nur noch Weisheit für sein Leben fehlte.
Jedoch braucht solches Reifen mehr,
als bloßes Wissen und Verstand!
Doch ihm war auch gegeben,
selbst dieses wohl noch zu erlangen!

 

 

So kamen viele vor den Thron,
sich seinem Richterspruch zu beugen,
denn er galt immer als bemüht,
das Richtige zu finden:
zu helfen,
wo es galt,
und dort zu strafen,
wo das Unrecht war.

Das Volk war daher sehr mit ihm zufrieden!

 

 

 

So hätten denn die Zeiten ihren Fortgang nehmen können!
Doch irgendwann fiel selbst dem König auf,
dass immer dann,
wenn er auf seines Thrones Stufen stand
- und jedermann erkennen musste,
mit welchem Wuchs ihn die Natur bedacht! -
die Augen aller wegzueilen suchten
und Lachen fast zu greifen war!

Nie fiel dabei ein Wort,
das diesen Eindruck ihm bestärkte
denn lauthaft gab es dafür nie Beweis,
doch fühlte er,
dass es geschah!

 

 

 

 

Das aber riss ihm so in alte Wunden,
dass er mit Härte aufbegehren wollte
um Anstand für sich selbst zu fordern
- und wusste doch,
so würde er auch sich bestrafen,
denn Zeitenläufe hatten ihn bereits gelehrt,
dass niemals Zorn,
Enttäuschung
oder Schmerz,
Entscheidung fällen sollte
- denn derlei wird uns nie vergeben!

 

 

Doch einfaches Verzeihen
ist wiederum der Abgeklärtheit vorbehalten,
die fremde Fehler sich auch selbst erklärt
- und dazu war er noch zu jung!
Die wahre Lösung sah er daher nicht!
Es blieb ihm nur,
den Schmerz tief in sich einzuschließen,
ihn jedem Lichte fernzuhalten,
- damit es nicht die Feinde stärke! -
und jene,
die ihm gut gesinnt,
dadurch nicht in Verwirrung stürze!

Denn was er immer tat:
die Kleinheit seines Körpers blieb,
 naturgegeben!
Da half es nicht,
die Spötter einzuschüchtern,
alte Fragen neu zu stellen!
Derlei ist Jugend vorbehalten,
die nach Gerechtigkeit verlangt!
Zumal,
auch das sei angemerkt,
der Schwur,
der einstmals ängstlich ihm geleistet,
nie öffentlich gebrochen wurde,
weil Macht ihm zur Verfügung stand!
Er wäre folglich gegen etwas aufgestanden,
das scheinbar nur für ihn bestand!
Das aber wäre Eingeständnis,
mit leidiger Natur nicht klar zu kommen,
unfähig,
Schicksal zu ertragen,
wie es war!
Das würde seinen Neidern dann,
zum Spott,
nur neue Nahrung geben!

 

Weshalb er auch beschloss,
dies alles nicht mehr wahrzunehmen
und seine Scham
tief in sich einzuschließen!

 

 

 

Doch wo sich mit dem Ziel vereinen,
Macht zu gewinnen und zu nutzen,
hat eine Tat nicht dauerhaft Gewicht!
Nurmehr das flinke Wort,
das in Nischen dringt,
um Wissen aufzusaugen,
das Denken listig Vorteil bringt!
Deshalb blieb,
beim täglichen Betasten von Gefühlen,
der Ahnung letztlich nicht verborgen,
dass diesen König Wehmut quälte.


Für manche war das Grund zu neuer Wachsamkeit,
denn Macht,
die vom Gefühl bedrängt,
kann leicht auf eine Seite fallen
und dabei die erschlagen,
die ihr zu nahe sind!
Daher schien es manchem klug gedacht,
die Gründe zu erfahren,
die zu Gefahren werden könnten.
Doch als selbst hintersinnigstes Befragen
beim König keine Richtung wies,
streuten sich Gerüchte
schließlich selber aus!
Auch diese wiederum zu seinem Schaden,
denn eifrig schürten Neider Zweifel,
bis es zuketzt bedauernd hieß:
Er sei zwar König,
aber eben doch ein Zwerg!
Und Macht verlange nun mal Größe!


Und jene, die in solcher Hohlheit leben,
sahen ihn dann mit der Zeit
durch diese fremden Augen!
Und doch ward keiner ruchbar,
der niederträchtig solche Glut
durch seinen steten Wind entfachte,
damit sie nicht im Volke erlösche!
Nur fanden sich allmählich viele,
all dies dem Herrscher zuzutragen,
in schmeichlerischer Heuchelei;
die ihn jedoch,
der Absicht nach,
damit ersticken wollten,
- ihm nach Gesicht
jedoch nur redlich dienen wollten!
Und so begab sich dann mit der Zeit,
dass niemand ihn mehr lachen hörte.
Ein Mensch,
der ganz allein gelassen!

 


Mit niemand abgesprochen,
gab der König daher eines Tags bekannt,
es sei ihm eine Burg zu bauen.
Mit Mauern, die so hoch bewehrt,
dass keiner sie erklimmen könne!
Dorthin begab er sich.
Und niemand ließ er je hinein!

 

 

 

Bekantlich gilt als förderlich,
die eigene Person bedeckt
und fern zu halten,
damit sich sacht Geschichten um sie weben,
die Wahrheit nur zerreissen würde!
Zwar war dies nicht des Herrschers Absicht,
doch eben so geschah das auch bei ihm!
Kaum hatten ein paar Jahre
den König von dem Volk entfernt,
begannen die, 
die er nun abstandsvoll regierte,
von ihm ein neues Bildnis zu erstellen!
Sie alle sahen schließlich seine Taten,
jedoch nicht einer,
der aus Erinnerung noch sicher sagen konnte,
wie klein gewachsen dieser König war!
Weil jedoch das Gemüt bewundern will,
sprach man ihm dadurch eine Größe zu, 
die an Ausmaß jener Burg entsprach,
die trutzig aller Neugier wehrte.

So wusste schließlich jeder,
dass dort ein Riese wohne!

 

 

 

 

Ein Mädchen,
jung und schön,
gleichsam wie vom Wind getragen,
wehte eines Tages
dann der Zufall vor die Mauern.
Sie spielte dort verträumt mit ihrer Zeit,
doch just an diesem schönen Tage,
kam auch der König launig auf die Mauer;
sah diese Anmut
und die Lieblichkeit des Weibes,
die sich hier kindhaft offenbarten
und freundlich grüßte er zu ihr hinab.

So kamen sie von dort ins Plaudern
und ließen ihre Zeit verfallen.
Das Mädchen ging dann irgendwann zwar fort,
versprach jedoch,
am Morgen wieder zu erscheinen.


Sie tat das auch,
ganz unbeschwert,
nicht ahnend,
wer da oben stand!
Auch wenn sie wusste ,
- so, wie jeder! -
dass diese Burg ein Königssitz,
war ihr doch klar,
dass dieser da
- das sah sie trotz der hohen Mauern! -
nicht jener Riese war,
der diese Burg bewohnte!

 

 

Als sie,
nach einem wieder schönen Tag,
am Abend wieder heimwärts ging,
blieb allerdings der König
noch länger auf der Zinne.
So unbeschwert und heiter in der Seele,
wie ihn zuvor noch keiner sah!
Und ehe diese,
plötzlich lange Nacht,
dem Tage endlich weichen musste,
harrte er schon auf des Mädchens Lachen!
Und wieder kam sie in dem Sonnenstrahl,
der gleißend in ihr Haar versprühte
und ging erst,
als die Sonne schied.
Doch dieses Mal,
als sich die beiden trennten,
vereinte die getrennten Körper nun ein Band,
das Worte sanft um sie gewoben hatten!


Das ließ den König,
wie gefesselt,
mit einer Einsamkeit zurück,
die ihm ganz seltsam seine Brust erfüllte!
Und er schritt langsam durch die Burg
und fühlte ihre Macht,
die steinern sie verstrahlte.
Begriff sehr auch ihren Schutz,
doch der befreite ihn jetzt nicht!
Vielmehr,
als er den Stein begriff,
der ihn vom Leben trennte,
verlor auf ein Mal vieles seinen Sinn
und er beschloss,
sich zu befreien.
Zurückzukehren in die Welt,
den Kampf noch einmal aufzunehmen
 -  um des Gefühles willen,
das ihn trieb!

Auch dachte er
 - das sei hier nicht verschwiegen –
er wolle die zur Königin,
als Mitregentin seines Lebens,
die ihm solches Glück gebracht.
Damit sich jeder mit ihm freue
und Neid und Spott vergessen seien!

 

 

 

 

Gedacht! Getan!
Am Morgen war der Wall gebrochen,
geschleift die Feste bis zum Grund!
Wozu noch starker Mauern,
nachdem die Liebe ihn beschützte?

 

 


Das Mädchen,
als es vor ihm stand,
auf gleichem Grund
mit dem,
der sich ihr nun als König offenbarte
- schwieg!

Denn Schönheit,
- wenn auch selber kein Verdienst! -
verlangt sich immer einen Preis,
sucht jedenfalls die Anerkennung!
Niemals Spott!

Den aber würde sie
- wie der! -
durch den gewinnen,
war sie dem seine Königin!
Nach einem tiefen Knicks
lief sie daher von dannen.

 

 

 

 

 

Der König aber musste bleiben!
Und gaffend trat das Volk heran,
das auf die Kunde weither eilte,
der Riese werde sich ihm zeigen.
und war wie stets bereit,
- um ihrer Sehnsucht willen! -
dabei in Andacht vor ihn hinzufallen!

Doch plötzlich lachte einer,
gewillt,
den zu zerstören,
der seinem Wunsche nicht entsprach!
Ist die Enttäuschung doch oft ärgster Feind,
selbst dem,
der zur Hoffnung nichts getan!
Und viele stimmten darin ein,
erbost,
dass so ihr Traum zerborsten!
Sie richteten mit ausgestreckten Finger;
schlugen johlend auf die Schenkel
und lachten,
bis die Tränen flossen.

 

Das sollte dieser Riese sein?
Wie eben Kinder Eltern töten!

Bis immer mehr begriffen,
was sie taten,
nur um sich selber zu befreien
- und alle schwiegen wieder,
in bangem Wissen um die Macht,
die jener über alles hatte.
Weil er nur alle schweigend angesehen,
schlug so die Vorsicht einen Kreis um ihn!

Er jedoch stand sehr einsam in der Mitte.
Erschrocken,
was er hier gewagt! 
Entsetzt,
dass er sich solcher Marter unterzogen!
In Angst,
dies niemals mehr zu überwinden!

 

So musterter sich beider Seiten,
ängstliches Wägen
Für und Wider!

 

 

Auf ein Mal lachte dieser König!
Nicht zaghaft!
Nein!
Im Herzen frei!
Er nickte fröhlich in die Runde,
trat auf die Menschen zu
und sprach mit ihnen,
über sie,
ein Mensch,
- nicht nur ein König! -
der mit an ihren Sorgen trug.

 

 

Die Burg ward nie mehr aufgebaut!
Vom Herrscher wird berichtet,
wenn immer ihn mal einer traf,
so grüßte der von ganzem Herzen:
„Ein langes Leben, großer König!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

11.
Die Eisfee

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

Über die Selbstfindung einer Einhsamen - ein Märchen

 

 

 

Es war einmal ein Mädchen namens Deborah. Sie lebte nach dem jähen Tod der Eltern in einem Heim. Dort waren die Erwachsenen immer streng und sehr schnell ungehalten.

Eines Nachts wurde Deborah darüber traurig, so dass sie bitterlich weinte. Ersehnte sie sich doch, dass jemand sie mal voller Herzlichkeit umarme. Ihr schien das nicht zu viel erwartet, doch keinem war das wichtig. Es taten alle ihre Pflicht.

 

 

Auf einmal klopfte es ganz sachte an der Fensterscheibe.
Niemand sonst schien das zu hören. Dabei schlief sie nicht allein im Zimmer.
Vorsichtig trat sie heran.
Draußen stand ein Wesen, so wunderschön, wie Ähnliches Deborah nie gesehen.

Sie öffnete leise das Fenster. „Hast Du geklopft?“ fragte sie flüsternd, und die strahlenden Augen dieses zierlichen Geschöpfes beglückten sie sofort.
Das Wesen nickte freundlich und lächelte sie an.
„Die andern schlafen aber alle…“
Das Wesen winkte dankend ab und sagte darauf leise: „Ich komme Deinetwegen. - Ich weiß, Du kennst mich nicht, Deborah,. - Ich bin die Sonnenfee und hörte, dass du weinst.“

 

Deborah schreckte auf!
Ich war zu laut, durchfuhr es sie!
Zudem kannte diese Fee auch ihren Namen!

Als könne sie Gedanken gelesen, schüttelte die Fee jedoch den Kopf. „Ich höre Seelen rufen, weißt Du! - Vielleicht kann ich Dir helfen...“

Die liebevolle Art ließ Deborah rasch Vertrauen fassen und als habe sie das immer so getan, erzählte sie von ihren Eltern und wie sehr sie deren Herzlichkeit vermisse. Auch, dass sie die Unpersönlichkeit im Heim als eine schwere Last auf sich empfinde.

Doch während sie das so berichtete, schämte sich Deborah plötzlich etwas.
War sie nicht vorlaut mit so Wollen? - Anderen erging es noch weit schlechter! - Was erwartete sie eigentlich? - Dass man noch mehr Verständnis für sie habe? - Liebe geben… ? - So was braucht gewiss viel Zeit! Wie anders könnte man sich näher kommen? - Doch.... ! - Zeit? - Die hatte niemand in dem Heim!

Die Sonnenfee streichelte aufmunternd ihren Arm und sagte : „So Wünsche sind nicht unberechtigt, Kind! - Liebe ist nun mal das Schönste, das sich Menschen geben können und ward sie Dir erst mal geschenkt, bleibt immer Sehnsucht danach übrig.“

Deborah war erleichtert!
Doch wusste sie auch etwas von dem Schlimmen auf der Welt und dass die Liebe dort nicht wiegt! - Denn was war schon ein Herz?

Doch lächelte die Sonnenfee ihr weiter zu:
„ Weißt Du, Deborah: Genau an dieser Sache krankt ihr armen Menschen! - Ihr denkt nur immer an euch selbst! - Weil viele Liebe gar nicht kennen. - Was also sollten die vermissen können? - Und was, vor allem, sollten die dann weitergeben? -- Bei Dir, Deborah ist das anders! - Du hattest Eltern, die kannten die Bedeutung einer Liebe! - Und dieses Wissen wird nun Last!– Deshalb kam ich überhaupt! - Dir für Deinen Mut zu danken und auch für Dein Vertrauen, dem Schicksal denoch Herzenswärme abzufordern.“

Die Fee ließ ihre Worte etwas wirken, dann fragte sie ganz unverhofft: „Doch wärst Du auch bereit, dafür selbst etwas zu tun und so, vielleicht als Vorbild, anderen ihr Schicksal zu verschönen?"

Deborah schwieg betroffen. Sie hörte auch den leichten Spott, als die Sonnenfee nach langer Pause fragte: " Oder bleibt es – wie bei vielen Menschen - auch bei Dir beim Klagen?"

Das saß nun punktgenau! Deborah wusste um den Unterschied, ob man im Selbstmitleid nur mit der Zukunft hadert oder etwas für sich tut!

Die Sonnenfee betrachtete sie einen Augenblick lang prüfend und sagte danach nur: "Durchdenke dies bis morgen Nacht!“
Damit verschwand sie.

 

 

Deborah stand noch eine Zeit lang reglos an dem Fenster.
Dann schlüpfte sie ganz leise
in ihr Bett zurück und grübelte noch lange.
Gewiss! - Sie war bekümmert, weil die Eltern fehlten! - Doch sonst erging es ihr doch gar nicht schlecht! Hatte sie nicht alles, was sie brauchte? - Darf trotzdem einer noch mehr wollen?

Und wofür sich ändern und einem Anspruch auf Gefühle damit seine Wirklichkeiten opfern? - Selbst wenn gelegentlich die Seele kümmern sollte... - Dem Leben ist das schließlich nicht gefährlich! - Nur einem Augenblick!

 

 

 

Der Tag verging. Für sie schien es entschieden!


Deborah bangte trotzdem dieser Nacht entgegen!
Was bloß, wenn sie das Falsche tat? Schien doch die Sonnenfee viel mehr zu wissen, was sie brauchte, als sie selbst!

Anders sie? Deborah! - Was sollte sie jetzt tun? - Was wurde eigentlich erwartet? - Nur, dass sie sich entscheiden müsse, war schon klar! - Auch, dass es wohl um etwas ging!

Sie dachte nochmals alles durch! - Vielleicht machte sie sich etwas vor! Hatte sie das alles missverstanden? - Oder wollte sie, in frecher Selbstvergessenheit, das nur so verstehen?

 

 

Plötzlich hörte sie im Dunkel schwaches Hufgetrappel!

Sie eilte leise an das Fenster, um den Schlaf der andern nicht zu stören und sah ein strahlend weißes Pferd.
Niemand sonst schon davon etwas zu bemerken!

 

 

Der Schimmel schien auf sie zu warten!

Als sie dies begriff, brauchte es nur Augenblicke, bis sie sich umentschieden hatte. Selbst Zweifel gab es plötzlich keine! - Nur Gründe für dies Handeln, hätte sie nicht nennen können.

Heftig winkte sie dem Schimmel durch die Scheibe zu. Er solle wissen, dass sie komme, und wie zur Antwort senkte er ganz kurz den Kopf.

Leise lief sie danach vor das Haus, erfüllt von neuem Schwung und Zuversicht!
Sie, die noch nie geritten war, glitt sogar ohne Zögern auf das Pferd.
Das Tier ritt an. Ihr Herz erfühlte neues Glück!

 

 

Irgendwann. nach schnellen Ritt. hielten sie vor einem Teich.
Zu Deborahs Überraschung schwammen in der Mitte pralle Blumen, die – wie ungewöhnlich! – im Mondlicht für sie aufgegangen waren!

Am Ufer aber wartete die kleine Fee.

 

Zögernd stieg Deborah von dem Schimmel.
Was sollte sie jetzt sagen? - Oder tun?

 

Die Sonnenfee begrüßte sie
Anerkennend fügte sie dem noch hinzu: „Es erfordert immer Mut, den Alltag zu verlassen.“
Plaudernd deutete sie dann auf das Pferd: „ Der Ausritt machte Dir ganz offensichtlich Freude. - Das ist schön!"

Deborah fühlte, ihr war aus Güte dieser Augenblick geschenkt!
Doch, warum?

Die Sonnenfee lächelte sie weiter an. Sie hatte längst in dieses junge Herz geblickt und dort gesehen, was dem wichtig war.
Ruhig blickte sie daher Deborah an. "Wenn Du Dich fragst, was Dich erwartet, so hast Du nichts zu fürchten. - Ich weiß, Dir ist das aber nicht genug! - Du möchtest mehr vom Leben. Das ist die Neugier jeder Jugend!"
Sie wurde plötzlich ernst.
"Doch wer nur fordert, ohne ernsthaft selbst zu geben, wird niemals wirklich viel erhalten! – Bist Du bereit, für diese Zukunft auch zu wagen?“

 

 

Deborah erschrak. Die Sonnenfee durchschaute sie!
Sie war doch stets nur Schülerin der Pflicht und des Gehorsams und beiden ist die Zukunft niemals Wagnis, das sich lohnt! Schon gar nicht, wenn dies einen Aufbruch aus dem Jetzt bedingt!

Und sie begriff, wie sehr sie sich in Wahrheit überschätzte! - Überhaupt! - Was wusste sie von Liebe und dem Leben? - So lange man bescheiden bleibt, genügt es doch, dass wenigstens die Hoffnung bleibt!

 

Die Sonnenfee betrachtete sie sinnend.
Dann fuhr sie schließlich fort: "Wenn Dir der Ausflug jedoch schon genügt, dann bringen wir Dich auch zurück! - Niemand weiss bisher von Deinem Fehlen."“
Deborah war erleichtert. Die Fee ließ ihr die Freiheit, wiederum zu wählen!
Denn was nun kam, das sollte sie sich offenbar erkämpfen müssen! - Und kämpfen hatte man sie nie gelehrt!

Die Sonnenfee fügte aber an: „Du sollst die Eisfee überwinden! – Weil sie jedem schadet, den sie trifft! - Denn sie entzieht den Menschen Herzenswärme!“

Deborah erschrak.
Das klang gefährlich! Und so was war sie nicht gewachsen!
Doch war sie nicht zu mehr bereit gewesen, seitdem dies alles hier begann?



Nach kurzem Zögern nickte sie daher entschlossen! Nur wusste sie nicht recht, warum. - Und doch schien dies in irgend einer Weise selbstverständlich!

Denn warum sollte sie die Eisfee nicht bezwingen? - Tat sie das nicht auch für sie selbst? - Gegen jeden Mangel fremder Herzenswärme? - Vielleicht war diese Eisfee überhaupt der Grund, dass sie sich so verlassen fühlte? Denn Herzen geben schwerlich Liebe, denen es an Wärme fehlt! - Doch wie erwärmen sich noch Herzen, wenn die Eisfee sie der Liebesfähigkeit beraubt?

 

 

Bei allem Mut und Selbstvertrauen war Deborah jedoch klar: Ihr Wollen räumte nicht das Wissen weg, dass diese Eisfee Böses wollte - aus einem unbekannten Grund. Wie konnte sie daher nur denken, ein solches Wesen zu bezwingen?

Der Einwand stand vor ihr wie eine Mauer!

Die kleine Sonnenfee, dies Zauberwesen, schien ihr das jedoch zuzutrauen! - Warum daher nicht auch sie selbst? - Inzwischen hatte doch manchen Schritt getan, die Dinge neu zu wagen! - Und damit sich auch selbst ermutigt!

Die Sonnenfee sah sie zwar an, sagte aber weiter nichts. Verschwand vielmehr so schnell, wie in der Nacht zuvor.
Das weiße Pferd lief einfach in den Wald hinein.

 

 

Deborah blieb allein zurück und wurde plötzlich sehr verzagt. Hatte sie sich doch zu weit gewagt? - Bescheidenheit und Demut wären angebracht gewesen! Nicht ihr frecher Übermut!

Sie wusste nur nicht, was jetzt tun!

Doch es geschah auch nichts!
Das ließ sie hoffen! -
Auch schien die Sonnenfee sich sicher, dass es Deborah wagen könne und dann zur rechten Zeit auch fähig sei zum Richtigen!! - Sie forderte auch nicht, dass sich Deborah etwa opfern solle! Keineswegs! - Sie solle vielmehr siegen!

So viel Vertrauen von der Sonnenfee gab Deborah neuen Mut, und um dem dann auch zu genügen, wartete sie einfach ab. War dabei fest entschlossen, sich bei Bedarf auch zu beweisen!

Irgendwann jedoch, zu Füßen einer alten Eiche, gähnte sie die Müdigkeit in einen tiefen Schlaf.

 

 

 


Ganz plötzlich fror sie, und erwachend hörte sie Gemurmel.
Aufgeschreckt sah sie sich um!

Wo zuvor noch Blumen auf dem Wasser blühten, fror jetzt Eis die Fläche zu und strahlte seine Kälte ab,

Deborah fröstelte.
Plötzlich aber wurde sie ganz wach, denn auf dem festen Eis des Teiches stand die Eisfee!

Deborah kannte sie sofort, als sage es ihr eine Stimme. Es konnte niemand anders sein!

 

Die Eisfee war auch nicht allein! Bei ihr zwei furchterregende Gesellen und auf diese sprach sie halblaut ein. Deborah hörte nur noch, wie sie halblaut sagte:"„Bewacht mir gut den Wasserfall! Deborah darf ihn nicht erreichen! - Schützt uns die Wunderblume!“ Die Mahnung schien ihr wirklich wichtig, denn sie fügte nochmals an: " Sie darf die niemals finden!"

Deborah jagte das Gehörte großen Schecken ein! Es wirkte sehr bedrohlich, verstärkt durch diese Finsterlinge! Die Eisfee selber schien ihr eher unscheinbar, doch furchteinflößend vor Entschlossenheit. Was sie begann, das würde auch zum Ende kommen! Aus Gehorsam oder Pflichterfüllung!

Und dieses zu begreifen, lähme jetzt Deborah!
Wie sollte sie ein solches Wesen überwinden? - Sie! Die zwar Wille und Bereitschaft hatte, aber weder Können noch die Macht, den Kampf mit einem solchen Wesen aufzunehmen?

Erschreckend sah sie außerdem, wie selbst die starken Widerlinge vor der Eisfee dienerten und in die Finsternis enteilten, wobei sie dunkle Laute von sich gaben.

 

 

Deborah schlich sich schaudernd hinter diese dicke Eiche, in deren Wurzelwerk sie vorher schlief.
Sie wusste nur, sie müsse weg! - Ihr fielen, wie im Hohn, dabei die Worte wieder ein, mit der die Sonnenfee sie noch beschwichtigt hatte:" Wenn Du Dich fragst, was Dich erwartet, so hast Du nichts zu fürchten!"

So konnte doch nur jemand sprechen, der solche Augenblicke nie erlebt! Sie spürte schließlich die Gefahr, die diese Eisfee kalt verstrahlte! - Daran gab es nichts zu zweifeln!

Furchtsam schmiegte sich Deborah daher an den rauhen Stamm. Die Eisfee hatte sie noch nicht bemerkt! Doch was, wenn sich das tat? - Hatte nicht die Sonnenfee gesagt, die Eisfee sei zu allem fähig?

 

 

Angst ist dem Menschen meist ein Schutz! Denn sie behütet ihn vor Schaden und bremst vor allem Übermut.
Doch selbst im Fliehen darf sie niemals einfach niederrennen, sondern muss, auch dann, sich mit Vernunft zusammentun! Damit gemeinsam beide das Geschehen wägen und danach wissen, was zu tun!

Deborah war das aber nicht bewusst! Auch stellte sich zur Hilfe nicht die Ruhe in den Weg, um mit ihr alles abzuwägen. Deborah wusste nur, die Eisfee werde sie gewiss bemerken, wenn sie jetzt kopflos in den Wald mit seinem Dunkel rannte, in dem auch noch die beiden Kerle waren!

Der Schrecken ließ sie dennoch wieder zu sich kommen. Doch wie gelähmt verharrte sie an ihrem Platz!

Die so geschenkte Zeit rief jedoch wieder in Erinnerung, was die Eisfee eindringlich den Finsterlingen sagte: „Bewacht mir gut den Wasserfall! Deborah darf ihn nicht erreichen! - Schützt uns die Wunderblume!"

Wie schon die Sonnenfee, so wusste also auch die Eisfee von Deborah! - Nicht nur das! Sie glaubt gar, Deborah könne ihrer Macht gefährden! - Sie besiegen! - Wie die Sonnenfee verlangte!
Die Eisfee schien Deborah offenbar zu fürchten!
Das aber stellte alles auf den Kopf!

 

Die Gedanken fanden dadurch aber neue Ordnung und auch die Angst ließ etwas los!
Doch immer noch gewannen die Bedenken Oberhand!
Hatte sie die Worte vielleicht falsch gehör?! - Vielleicht ihr nur die Angst so eingegeben?

Nein!
Keine Zweifel!
Von einer Wunderblume war die Rede, die es vor ihr zu schützen galt!
Doch warum sollte sie die denn nicht finden?
Die Widersprüchlichkeiten nahmen überhand!
Dennoch musste irgend was geschehen! Sie durfte hier nicht länger bleiben!

 

Sie tastete sich schließlich ganz behutsam vor. Bedacht, Geräusche zu vermeiden, weg nur von von dem kalten Ort und der Bedrohung ihres jungen Lebens!

Wie weit sie dabei wirklich kam, hätte sie nicht sagen können, weil sich die Dinge so vermischten, dass sie ihr Zeitgefühl verlor. Bei diesem Tasten durch die Finternis berührte sie jedoch auf ein Mal etwas Weiches, das voll Leben - und leises Schnauben schob ihr alle Ängste auf die Seite, gab neuen Halt und Zuversicht.

Sie ahnte nur! Das war das weiße Pferd! - Sehen konne sie es zunächst nicht! Es hatte sie jedoch erwartet und schien zu wissen, was zu tun!
Zumindest war sie nicht jetzt nicht mehr allein!
Würde es sie wieder führen? - So, wie es sie an diesen Ort gebracht?

 

Sie wusste nicht, was sie erwarten durfte. Nur ein Vertrauen war jetzt da, das vorher in ihr fehlte.
Sie suchte daher einfach nach dem Sattelknopf, schwang sich beherzt hinauf und wie befreit ließ sie das alles hier zurück.

 

Zunächst im Schritt und lautlos, dass die Eisfee nichts erahne, brachte sie das Tier behutsam fort.
Als sich der Wald dann lichtete, trabte dann der Schimmel an und brachte sie schnell weiter. Sie wusste nicht, wohin, doch machte ihr das keine Sorge.

So ahnte sie auch nicht, das sie das Tier in jene Richtung brachte, in der zuvor die Eisfee ihre Helfer schickte. Von denen aber war schon lange nichts zu sehen.

 

Jählings stand Deborah, Augenblicke nur, vor jenem hohen Wasserfall, dessen Rauschen schon seit langem hörbar war.
Dann
brach der Schimmel durch die Wand aus Gischt und Wasser!
Sie befanden sich in einem kleinen Tal auf einer Wiese voller Pracht, die hohe Felsen reizvoll säumten und Tageslicht durchflutete.

 

 

Deborah wähnte sich verzaubert, als stolz das weiße Pferd durch einen solchen Liebreiz schritt.

Der Schimmel hielt mit ihr vor einer Blume, deren Farbenkraft sich der Beschreibung fast entzieht und sie Deborah nie gesehen hatte.
Das also war die Wunderblume! Keine Frage!
Und Du hast sie nun doch erreicht, flüsterte es ihr es ihr von allen Seiten zu, als hätten viele darauf nur gewartet.

Das weiße Pferd, von dem Deborah nicht mal ahnte, dass es sprechen konnte, drängte sie jedoch ganz plötzlichl: „Brich diese Blume! - Schnell!"

Deborah wagte dennoch nicht, der Forderung zu folgen! - Das Tier sprach von der Wunderblume, die, wie sie von der Eisfee wusste, zudem ein Geheimnis barg! - Welch ein ganz besonderes Gewächs! – Und diese Kostbarkeit zerstören? Das konnte niemals richtig sein!

Das weiße Pferd bemerkte diesen Widerstreit in ihr und schnaubte schließlich drängend. Dann sagte es jedoch ganz ruhig: „Bis hierher hast Du mir doch auch vertraut, Deborah.“
Kein Vorwurf war das. Mehr ein mahnendes Erstaunen!

Deborah wusste darauf nichts zu sagen!
Doch plötzlich dachte sie, ganz unverhofft, an den geliebten Vater, der einstens ihre Hände nahm - bei welchem Anlass war ihr längst entfallen! - und freundlich sie belehrte: "Nicht immer alles zu verstehen, Kind, heißt nicht, schon was falsch zu machen!"

Sie gab sich daher einen Ruck, beugte sich herab in ihrem Sattel und brach die Blume möglichst tief.

 

In diesem Augenblick geschah es! Der Eisfee Finsterlinge brachen mit Geschrei durch diese Wasserwand - entsetzt, was sich vor ihren Augen tat und sichtlich fest entschlossen, mit Gewalt noch ihrem Auftrag zu genügen!

Deborah wurde starr vor Schreck! Saß auf dem Pferd, die Wunderblume in der abgesenkten Hand und der Eisfee Mannen schon bedrohlich nah!

Der Schimmel hätte sie in schneller Flucht vielleicht noch retten können! Statt dessen blieb er stehen.
Doch er fraß die Wunderblume in Deborah 's Hand!

 

Im gleichen Augenblick wurde aus dem weißen Pferd ein starker jungen Mann, der Deborah sofort Schutz gewährte. Die Finsterlinge heulten daher auf, verharrten einen Augenblick und flohen durch den Wasserfall zurück, woher sie kamen. Sie hatten ihre Kraft verloren!

 

 

 

Was weiterhin geschah, ist rasch erzählt.

Die Eisfee, wie uns später zugetragen wurde, verlor zur gleichen Zeit an Macht und konnte Menschen danach nur noch Schaden, wenn sich ihr noch mehr schlechte Wesen zugesellten. Doch wussten sich die Menschen fortan auch zu helfen!

Deborah und der junge Mann jedoch wurden sehr vertraut.
Von seinem Vater, der vor Glück die Rückkehr seines Sohnes zunächst sehr beweinte, erhielten sie ein großes Haus.
In diesem wohnten sie mit ihren Kindern, bedacht, stets von der Herzenswärme abzugeben, die fortan auch sie selbst umfing.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie im HEUTE….

 


 

 

 

 

 


12.
Das Fragespiel


Über Selbstverständnis von Männlichkeit – eine Erzählung

 

von
Wolf-Alexander Melhorn


Sie kannten sich.
„Schon lange...“.


Wenn er dies sagte,
zog er die Brauen etwas hoch,
als denke er Vergangenes zurück.
Es ließ ihn abgeklärt erscheinen.
Erwachsen!
Obwohl er nur geschlechtsreif war.

Sie gehörte ihm!

Und alle wussten,
sein
Revier
begann bei ihr!

Denn das war wichtig!
Auch wenn sie über so was lachte,
in weiblicher Verachtung
für so männliches!



Ihr gegenüber war er jedoch anders.
Selbst wenn sie ihre Frage stellte
- als Bitte um Bestätigung.
Das würde,
so,
ein Mann bei Frauen niemals wagen!

Er lächelte dann nur;
verständnisvoll.
gelassen.
Wie einer eben,
der die Weisheit hat!

Und sagte ihr dann,
was sie wollte.


Beziehung tritt sich aus
wie ein paar Schuhe!

Die hohe Hacke,
- Zeichen erster Sinnlichkeit! -
wird ganz allmählich schief gelaufen;

die Sohle dünnt sich mit der Zeit
und Steinchen werden so zur Qual,
die früher nie gesehen wurden.

Lässt auch die Pflege Träume offen,
so drängt zuletzt der Wunsch nach vorn
- bei günstiger Gelegenheit! –
das ‚alte’ Schuhwerk abzulegen
– obwohl es hatte halten sollen,
„bis dass der Tod uns scheidet“!

In glänzend neues Schuhwerk wird geschlüpft,
das dieses Mal
- „wie angegossen“! -
passt!

Aus Fehlern wurde ja gelernt
- um sich dann doch zu wiederholen!

Hier war das alles anders!
Sie waren beide stets bedacht,
die Schäden klein zu halten;
auszubessern,
was gelitten hatte
– so schwer ihm das auch manchmal fiel!


So hatte er
- in all den Jahren! -
in die Beziehung vieles eingebracht.
Da war er sich ganz sicher!

Er hörte daher nicht mehr gern,
wie wichtig sie,
für von
von klein auf stets gewesen.


Er hatte sie beschützt,
wenn andere an ihrem Ranzen zogen.
Ja!
Warum „die“ aber deshalb wichtig war?
Das konnte er nicht sagen!
Dennoch prügelte er jeden,
der höhnend was von „Liebe“ tönte.

Dann kam es
- irgendwann -
zu einem Tasten,
Spüren
und Be-Greifen,
das sich in Neu-Gier schließlich selber lenkte.

Viel hatte er zunächst ja nicht empfunden,
unsicher wie er dabei war,
doch was ihn da durchschoss,
blieb doch als Wissen einer Kraft!

Sie lernten danach aneinander:
Vom Geheimnis der Gefühle;
von der Kunst
sich hinzugeben,
ohne sich im Nehmen zu verlieren.


Doch schärfte ihm das auch den Sinn,
von Worten,
die neckend auf Gemeinsamkeiten wiesen,
doch irgendwann
- das hörte er sich klar heraus! -
noch weitere Erwartung trugen.

Ihm machte das zwar keine Angst
- wie er dies von den Freunden kannte! -
doch waren das auch Zeichen
- er war sich dessen wohl bewusst! -
dass er sich irgendwie
vielleicht doch selbst gebunden habe.

Doch das vergass sich dann auch wieder!
Wenn sie daher
- gelegentlich -
mal wieder ihre Frage stellte
- wohl mehr aus Stolz als Frau! -
so schmeichelte ihm das sogar
- bei diesem vorzeigbaren Weib! -
und willig ging er darauf ein.

Und wenn er sich
- mit ihr -
wo zeigen sollte,
weil ihr „das Leben“
so
gefiel,
dann stolzte ihn der Neid der andern!


Doch Müßiggang sucht Seitenpfade,
sobald ein guter, breiter Weg,
dem Undank
nur Beschaulichkeit verheißt!

So war auch er sich
- ganz tief innen! -
bei ihrer Frage
seiner Antwort nicht ganz sicher.
Es könnte durchaus andres geben!

Sobald er derart schweifend dachte,
war er zu ihr besonders nett!

Und wiederum belohnte ihn der Duft,
der immer ihrem Leib entströmte
und letztlich keinen Zweifel ließ.

Es war daher das Wetter
- Was denn sonst? -
dass sie dann eines Tages,
- ungewöhnlich ernst -
mal wieder 'ihre' Frage stellte.
So war nun mal das Spiel!
Das wusste er.
Auch dass die 'Weiber' so was lieben!


Doch ging ihm das jetzt auf den Nerv!
Ihm war nicht nach Geplänkel!
Er wollte einen trinken gehen!
Auch wenn er ihr das
so
nicht sagen durfte.
Es würde sie verletzen.
Und wer gräbt gern ein Loch,
nur um es wieder zuzuschütten?

Mit jenem Lächeln,
das er so beherrschte
– ( ein wenig Herz
und viel Erfahrung ) -
hielt er ihr daher vor
- vielleicht ein wenig schroff -
„Du liebst mich wohl nicht mehr!“

Sie sollte ihn doch nur in Ruhe lassen!

Doch darauf schwieg sie!
Nicht als Folge weiblicher Zufriedenheit,
das Schicksal selber zu bestimmen,
indem man sich ihm willig unterwirft!

Nein!

Sie lehnte vielmehr,
wie erschöpft,
den Kopf an seine Schulter.

Auf ein Mal sah sie ihn dann an.
Nur diesen einen Augenblick,
um ihren Mut zu fassen!

„Wir werden uns jetzt trennen.
– Bitte!
– Ich will fort.“

Er war dann tief gekränkt,
als sie es tat.

 

 

 

 

 

 

 

13.
Der Helfer


Über die Bereitschaft, belogen zu werden - eine Erzählung

 

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

„Ich werde Ihnen helfen!“

 



Unanzweifelbar,
die Art zu sprechen!


Das gab den Worten Wirkung,

Und Hoffnung legte sich
- zart wie ein frisches Spinnennetz auf eine Wunde! -
ihm heilend
über seine Angst vor Morgen.


Die folgende Besinnungspause
gab dem noch weiteres Gewicht.

 

Endlich aus sich selbst befreit!
Das
würde es jetzt werden!
Denn nun war klar:
Ihm würden
- so,
wie dem! -
am Tisch des Lebens
neue Speisen aufgetischt!
Ein Wissen,
das sehr stärkte
und drängte,
von jenem Quell an Tatkraft mitzutrinken.

 

Die Zweifel,
die sich näher schlichen,
beschämten ihn zugleich.
Wie konnte,
durfte er
bei dem Bedenken haben?
Dies war die Hand,
ihn in der Ecke aufzuheben,
in die das Schicksal ihn geworfen!
Der war nicht einer,
der nur an ihm verdienen wollte!

 

 

 

 

„Dann bitte, hier, die Unterschrift...“

Ihm
wollte-durfte-musste
er vertrauen!

 

 

Nach Jahren trafen sie erneut zusammen.
„Wie geht’s uns denn?“
befragte der ihn so leichthin
- und wollte es doch gar nicht wissen!

 

 

 

 

:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

14.
Der Zuhörer

Über gefallsüchtiges Verhalten - eine Erzählung

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

 

Er hörte zu
und ruhte
- scheinbar-
dabei tief in sich.
Bewegte zwar das Glas im Spiel der langen Finger,
doch schien sich die Bewegung
dabei niemals auf den Wein zu übertragen!
Das gab dem erst die Selbstverständlichkeit,
die ihm dann später nützlich würde!

Dabei beschäftigte ihn nur am Rande,
worum es einem Gegenüber
wirklich ging!
Ihm zuzuhören,
war die Kunst!
Dem zu vermitteln,
dass er ihn verstand,
wie besser es nicht möglich sei!


In dieser Absicht war
- wie unauffällig -
die Höhe seiner Augen
stets etwas tiefer,
als der Kopf des andern.
Der sollte
- nur wenig,
aber wichtig! -
auf ihn herunter blicken dürfen!

Nicht minder wichtig das Gebot,
wie der
- mit angemessener Verzögerung! -
den Arm aufs Knie zu stützen;
ihm später wieder folgen
und sich mit ihm auch wegzubeugen
oder anzulehnen
- um immer Spiegel ihm zu sein,
in dem sich der bewundern könne!

Und
- nicht zuletzt -
gehörte zum Erfolg,
dass sich das Denken in den anderen versetzt!
Denn meist macht fremde Meinung
andere nur ungehalten!
Er widerstand daher auch jedem Drang,
einen Selbstbetrug von Größe
dem anderen
bewusst zu machen!

Um trotzdem selber frei zu bleiben,
übte er den kunstvoll leeren Wortgebrauch,
den schlichteres Gemüt
sich nach Belieben selbst missdeutet.
Das brachte ihm
- dem Schöngeist,
der er war! -
ein Mehr an Anerkennung
und insgeheim Gehöhnte
bestanden dann auf seiner Gegenwart!

Manch einem
mag so Verhalten übertrieben scheinen!
Doch Lauterkeit in solchen Dingen,
schien ihm so sinnlos,
wie einer Volkesmasse
das Gefühl zu nehmen,
mehr als Mittelmaß zu sein!

Zumal ihm mit der Zeit
solch kluge Selbstverleugnung
Aufwind seiner Pläne wurde!
Denn rasch stieg er dadurch empor,
flog schließlich über fremdes Land,
auf das ihn jene huldvoll blicken ließen
- nur noch bedacht,
die Landung und den Platz
- wenn möglich -
selber zu bestimmen.

So teilte er sich
Neigung
und Gefälligkeit
in kühler Überlegung,
was ihm jeweils nutzen werde.

Und lähmte ihn doch mal die Ahnung,
dass er sich vielleicht selbst dabei missbrauche,
half ihm dann die Gewissheit auf,
dass er zumindest
dieses Spiel beherrsche!
Auch solche Macht
will ausgekostet sein!

Es ärgerte ihn daher insgeheim,
wie ihm entgehen konnte,
dass er sein Glas
- zu lange schon! -
so in den Fingern drehte,
als habe ihn
doch Langeweile überrannt!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

15.
Leidenschaften

Über Grenzen einer Beziehung - eine Erzählung

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

 

Weiß war er geworden,
im Gesicht.
Spannung hatte sich tief eingegraben.

 


Sein Leiden würde ihn jetzt quälen.
Doch fühlte sie sich auch verletzt!
Hatte gleichfalls Sorgen!
Die betrafen allerdings nicht ihn,
sein Herz!
Diesmal ging es nur um sie!
Sie aber war dem niemals wirklich wichtig!
Der spiegelte sich immer selbst!
War Mittelpunkt!
Auch ihrer!
Er hatte ihn dazu gemacht.
Längst konnte sie es nicht mehr hören,
sein Gejammer mit dem Herz!
And're Frauen mochten vielleicht anders sein!
Sie nicht!
Die andern waren ohnehin nicht immer ehrlich,
so wie sie!
Sie wollte sich das leisten!

 

 

" Warum nur tust Du Dir das an?"
Da war er wieder,
dieser ewig gleiche Vorwurf!
Als sorge der sich um ihr Wohlbefinden!
Dieser Heuchler!
Sie hasste so Verlogenheit!
Dafür würde sie ihn jetzt
zur Demut zwingen!

 

"Ich weiß! Er hat mich nicht verdient!"
Sie betonte es,
als zitiere sie ihm ein Gedicht.
Nach einer Pause
warf sie noch im Hass nach ihm:
"Du bist nur wieder eifersüchtig!"

Getroffen zuckte er zusammen!
Sah sie wohl,
doch stand er geistig nochmals auf;
gab sich wie immer
- unzerstörbar weise -
und Väterliches in der Stimme:
"Den hast Du bald vergessen…"

 

Hätte er doch zugegeben,
dass er ihr verfallen war!
Sie gebeten,
nichts zu tun
und da zu bleiben!
Sich ein Mal klein gemacht,
wie sie ihn sah,
wenn sie ihn haßte!
Dann hätte sie jetzt Rücksicht nehmen können.
So musste sie noch was beweisen!
Schließlich meinte der das ernst!
Was sie besonders wütend machte,
er hatte auch noch recht dabei!
Doch durfte sie sich so was bieten lassen?
Nein!
Das war genau die Überlegenheit,
die sie an ihm so reizte!

 

 


Sie warf sich lässig in den Sessel;
betrachtete
- in sich gespannt und aufgebracht -
den Farbauftrag der Nägel.
Schwieg!
Er sollte spüren,
was sie dachte und empfand
- und würde danach nichts mehr wagen!
Noch so einen billigen Versuch,
- als Ausgleich dafür,
was sie ihm getan -
aus seiner Unterlegenheit
vielleicht doch einen Sieg zu machen,
würde sie ihm nicht erlauben.

 

 

 

Doch starrte er jetzt nur noch vor sich hin.
Sein Zeichen,
dass er aufgegeben hatte.
Doch fühlte sie sich weiterhin von ihm belauert!
Wusste es durch ihr Gefühl
und war sich sicher,
in Wahrheit hätte er sie gerne angesehen!
Wenn ihr Instinkt sie so bedrängte,
war sie schließlich 'seine' tolle Frau!

 

Sie liebte ihn dafür,
weil sie das wollte,
brauchte
und er wusste es,
das Schwein!
Nur konnte sie ihm das nicht zeigen!
Es wissen musste ihm genügen!
Dafür würde sie ihm auch verzeihen,
dass er sich wieder eingemischt!

 

Die Falten spannten sich ihm im Gesicht,
als er sich dann erhob
und leise aus dem Raum entwich.

 

 

Sie sah ihm dabei aus den Augenwinkeln zu,
den Blick nur scheinbar abgewandt,
die Haltung in gekränkter Langeweile;
bereit,
bei neuem Widerspruch
ihn aber augenblicklich zu zerreißen!

 

 

Es gab auch nichts mehr zu bereden!
Erst musste sie mal Klarheit schaffen!
Er hatte damit nichts zu tun!
Morgen würde sie ihm
- früh genug! -
dann wieder freundlicher begegnen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

                               

 

16.
Der Bewerber

 

 

Über Unsicherheiten eigener Größe – eine Erzählung

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

Eigentlich unnötig,
sich dieses Rotgesicht noch anzutun!
Es war doch schon entschieden!

Bald brachte aber jemand den Kaffee!

Und etwas Neugier war ja auch dabei,
wie einer sich verkaufe,
von dem man eigentlich nichts wollte.

 

Gewiss,
das war jetzt nur noch Spiel!
Mit Hoffnungen;
mit Menschenleben.
Aber harmlos!
Nicht wie die Katze
mit der Maus!
Da floss kein Blut und keine Träne!
Zumindest sieht man so was nicht.
Auch wenn es das schon geben muss!
Wie sonst
entsteht noch Ehrgeiz,
Konkurrenz?

 

Doch war es wiederum das Gleiche!
Ein Mal damit begonnen,
musste es jedoch in eine Form,
bevor man es beenden durfte!
So war nun mal der Kodex.
Er hatte sich ja auch schon längst entschieden!

Er blieb daher weiter freundlich,
als er es längst bereute,
sich auch den noch aufgehalst zu haben.

 

 

 


Allein schon dessen zögerliche Art des Fortbewegens:
den Kopf weit vorgeschoben,
- wie ein Huhn,
das sich den Dreck durchstöbert!
Die ganze Haltung unterwürfig!
Und zwar nicht in geflissentlicher Dienstbarkeit,
aus der auch etwas Drohung blitzt:
der Starke möge keine Schwächen zeigen!

 

Vielmehr die Hände!
In ständiger Entschuldigung!
Statt sich die Zukunft fassen
- derer sie doch habhaft werden wollten! -
- und sich ihr dadurch zu empfehlen!

 

Zu all dem saß er auch noch auf der Kante,
die Füße fluchtbereit!
Nicht vom Stuhl Besitz ergreifend,
als werde er nicht weichen,
bevor er diesen Job nicht hatte!

Dass der noch nicht mal so was wusste?
Kein Wunder,
dass der diesen Job so nötig hatte!

 

 

 

So,
war er,
in seinem Leben
nie gewesen!

 

 

 

 

Und was der alles preisgab,
von sich selbst!
Wie peinlich,
diese Ehrlichkeit!
Als ob gerade er die Wahrheit hören wollte,
erklärte er noch sein Versagen,
als spräche er nur zu sich selbst!
Dabei ging es doch
- wie stets -
um alles!

 

Das widerte ihn an!
Er wollte Macher sehen!
Nicht welche, wie dies Rotgesicht!

 

 

 

Das war nicht ungerecht!
Natürlich schlüpft aus einer Raupe
selten der erhoffte Schmetterling!
Doch bei Bewerbern
- da wollte er ihr Feuer fühlen,
das früher noch ihn selbst durchglühte!

Wenn dies im Alltag dann erlosch,
- natürlich war das eine andre Sache.
Dann mochten Höflichkeit und Selbsterhalt,
dies klugerweise übersehen …
Aber jetzt?
Bei solchem Anlass?
Da musste noch was rüberkommen!
Der müsste sich verkaufen,
als werde er sein bester Mann!
Das war nun einmal so.
Auch Hinterlist braucht auch ihr Opfer!
Es lag an ihm,
die Fäulnis in dem Obst zu finden!

 

Statt dessen war der hier vertrauensselig,
als brächte so was je Gewinn!

Das sollte jetzt kein Vorwurf sein!
Ist doch ein jeder,
wie er ist!
Nur darf er nicht auf Mitleid hoffen
- auch das ist meistens rücksichtslos!

Nein!
Er verstand den nicht!

 

Und wenn der schon so war,
dann hatte anderes das auszugleichen!
Nicht einfach leistungsfähig sein,
wie alle seines Alters
- das setzte jedermann voraus!
Vielmehr Gewähr verheißen,
etwa,
dass er sich allem unterwerfe.
Bis in die Selbstaufgabe!

So oder Ähnliches
Das sollte der ihn glauben machen,
bei dem Spiel!

Er hatte das auch selbst gelebt!

 

 

 

Sein Lächeln wurde steifer
und die Gedanken blieben schließlich aus,
weil jede Neugier ihm entglitt.

Was ging das Rotgesicht ihn an?
Auch wenn er dem jetzt
-- insgeheim -
die Lebenslösung hatte,
aus der für den noch etwas werden könnte!

Höchste Zeit,
den los zu werden!

 

 

 

Verdammt!
Was gäbe er darum,
wie dieses Rotgesicht
die Chancen nochmals auf dem Tisch zu haben?

Die da?
Die werden immer unten bleiben,
die Rotgesichter dieser Welt!
Für die war das bereits entschieden,
bevor sie aus dem Dunkel wollten!

 

 

 

 

Und wieder dieser schweißig-kalte Händegriff,
wie nur die Angst ihn sich erzeugt,
wenn sie sich schließlich überwindet!

"Ich danke Ihnen für die Zeit und die Bereitschaft,
sich um den Posten zu bewerben.
Sie hören dann von uns… "
Die Floskeln konnte er perfekt.

"Sie denken, dass ich..."
stotterte nun der, unsicher wie er war

Kam wirklich Hoffnung bei dem auf?
War ihm nicht klar,
was für ein Bild er ihm geboten hatte?

Er hatte ihm zu viel Zeit von seiner Zeit gewidmet.
Das stieg so Menschen dann zu Kopf!

"Aber ja."
gab er ihm daher freundlich mit.

 

 

 

 


Er lehnte sich jetzt abgespannt in seinen Sessel.
Verärgert über sich,
weil er sich zu so was hergegeben hatte!

 

 

Der Kaffee kam hereingerollt.

Endlich konnte er Tabletten nehmen!
Mehr,
hatten sie zu ihm gesagt,
sei nicht zu machen
und mit der Angst
war ihm der Schmerz geblieben!
Doch gab er niemals auf
- wie Rotgesichter!

 

Er würde sich wieder einen Termin machen!
Einer musste doch noch was wissen!


Entschlossen zog er sich das Telefon heran.

 

 

 

17.
Die Insel

 

Aussichtslose Hoffnungen - eine Erzählung

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

 

Das Meer atmete geruhsam.

Gleichmäßig bezwangen die sehnigen Arme das Boot.
Kräuselndes Wasser warnte vor dem Riff.


 

 

 

Ihn kannte plötzlich keiner mehr!
Niemand würde mit ihm reden!

Er starrte er auf steinerne Gleichgültigkeit der Insel.
Vor ihm ein Wasserschlauch im Boot,
vier Brote und sein Messer.
Genug,
sich des Verendens
noch bewusst zu werden!

 

 

Sie lösten ihm die Fesseln.
Weil er noch steif war durch die Bindung,
schleiften sie ihn auch noch auf den Strand
und warfen ihn dort ab,
wie einen Sack.

Der Bootsmann legte ihm danach den Proviant zur Seite
und grußlos stiegen sie ins Boot zurück.

 

 

 

Er saß allein,
mit seinem Schatten.
Die Sonne füllte ihm sein Weltenweit.
Er musste alles erst begreifen.

 

 


Als sich,
nach der Benommenheit,
das Boot im Wogenspiegel zu zerfließen drohte,
entwich die Hoffnung aus der Wirklichkeit 
und Angst nahm ihre Stelle ein.


Was ihm plötzlich große Kraft verlieh!

„Nein!“

Der Schrei zerschlug ihm fast die Stimme!
Nur noch in Fetzen schickte er ihm hinterher:
„Ihr könnt doch nicht ....!“
Der Bootsmann drehte sich zu ihm zurück. 

 

 

 

Endlich!
Sie hatten ihm nur ihre Macht beweisen wollen!


Er war bereit,
jetzt zu gehorchen
und
- wenn gefordert -
sich auch tief dabei zu beugen!

 

 

 

Damit die nicht noch warten mussten,
stürzte er zum Wasser,
schwamm ihnen schon mal zu,
mit harten, schnellen Stößen.
Er wollte doch sein Schiff nicht warten lassen!
Und die Erleichterung verlieh ihm Kräfte,
tief aus sich.

 

Dabei,
um in den langen Wellen
auch sein Finden zu erleichtern,
rief er ihnen lauthals zu:
„Hier! - Hier bin ich! Hier!“

 


Als sich die großen Segel in den Horizont verschoben,
verließ ihn seine Seele.

 

 

 

 

 

Erst eine ungekannte Angst
gemahnte ihn des Tiefezuges seiner Kleider!
Und die Insel fiel ihm wieder ein,

 

 

 

 

Er wandte sich ihr müde zu
und das Bewegen tat sich mehr von selbst.
verlor er sich doch bald im hohlem Denken:
Vier Brote
und der Wasserschlauch!
Mehr ließ sich mit der Insel nicht verbinden!

 

 



Bis die sich seinem Blick entzog!
Nun würde sie nicht mal ein Morgen geben!
Er musste sich entscheiden!

 

 

 

 

Als er dann wieder Grund erspürte,
war längst die Nacht schon über ihm

und Krämpfe würgten die Erschöpfung auf den dunklen Sand. 

 

Doch hatte er jetzt endlich seine Insel wieder!

 

 

 
 
 

                   

18.
Das Abteil

Über Hoffen im Ausgliefertsein - eine Erzählung

 

von
Wolf-Alexander Melhorn

Sie sagten wenig;
ihr Bewegen alles,
das wusste,
Ängste zu verteilen.

 

 

"Dass die noch Uniformen tragen..."
fuhr es ihm hilfehoffend durch den Kopf.

"Du denkst bestimmt,
Du hast besond’re Klasse!
Und keiner macht Dich fertig.
Was?"

Der ihn das fragte,
hatte dabei Neugier in den Augen
als wolle er es wirklich wissen.
Bereit, ihm seine Klasse zu beweisen!

 

 

Der trat ihn später dann zusammen,
bis er sich im Schmerz erbrach.

Sie rieben sein Gesicht hinein.
Er solle seine Kotze spüren.
Das taten sie ganz nebenbei,
er konnte sich nicht wehren,
bemüht nur,
seinen Schmerz zu kontrollieren
und die Panik vor dem Unbekannten.
Doch es misslang.
Sie schrieen ihm darauf die Angst
tief in die Seele.

Einer zeigte ihm zuletzt den Bock,
auf den sie ihn noch spannen würden.
"Die Scheiße kommt alleine aus dem Arsch,
wenn Dir die Fetzen runter hängen ..."
ließ er in Kennerschaft heraus.

Geprügelt hatte der da schon! Er wollte ihm das daher glauben!

Des andren Augen zogen sich
im Spott
darauf zusammen:
"Gilt dann nicht mehr als fein, bei Deinesgleichen."


Dann tat der wieder seine Pflicht.
Nicht gerne, wie er zwischendurch mal sagte.
Aber das gehöre so dazu!

„ABFÜHREN!“

Das Wort erlöste,
gab ihn endlich frei.
Er weinte plötzlich zuckend, ohne Nass.


Der Pflichtbewusste mochte so was nicht. Verachtung stand ihm im Gesicht.


Als der ihn daher wieder schlug,
biss er so tief in seine taube Lippe,
bis ihn das schließlich ruhig stellte.

Sie zogen ihn dann mit sich fort.
Ein Schlüssel platzte in ein Schloß,
Der Stoß ins Dunkel!
Metallen klackte eine Türe.
Riegel rammten sich zurück.

Vier Hände griffen ihn sich ab;
befreiten ihn zuletzt von seiner Jacke.
„Paß doch mal auf ...!" zerknurrte dabei einer.
Jemand gab dem scharf zurück
- doch er verstand nichts mehr davon.

Wohl bald erwachend,
regte er
- behutsam -
seine Arme,
Doch duldete sein Körper dieses nicht
- erbarmte sich dann erst an Tränen,
die nun endlich fließen durften.

„Das machen die mit jedem.“
brummte es ihm dafür tröstend zu.

Er bekam sich wieder in den Griff.
„Politisch ....?"

Er nickte nur,
als trage ihm das Dunkel die Bewegung zu dem Frager.

„Na! Endlich mal was Besseres,
in dem Abteil...!" kam es zurück.
" Gewöhnlich fährt hier letzte Klasse1“ kicherte es schrill heran.

" Ihr seid die Schlimmsten... !"
drauf der Erste wieder
und Bitterkeit trieb ihm dies aus.

Der andere:
" Scheiß’ drauf! – Dann ab jetzt gemischte Klasse...
Wir haben ja den gleichen Weg!"
Er lachte sich darüber aus.
klang aber nur hysterisch.

Dann lähmte Schweigen alles nieder.
Bis ihm der Raum
- im Gleichtakt -
in den Schläfen pochte.

„Wann machen die denn weiter?“
Die Beherrschtheit seiner Stimme sollte Ängste lockern,
die ihm schmerzend auf der Atmung lagen.


" Erst morgen bist du wieder dran... Die brauchen ihre Pausen."
gab ihm der Eine kalt zurück,
belehrte aber dann versöhnlich weiter:
" Mach’ aber nicht den Helden, Mann.
- Die schinden nicht nur aus Vergnügen...“

Der Andre sprang ihm sofort dazu:
„Ganz recht! “
Und trumpfte danach spöttisch auf: „
" Ist ihre Pflicht, Dich zu befragen!
Der Spaß sagt denen nur,
wie
sie dann quälen!"

Darauf der Erste,
mehr für sich:
„So welche sind in jedem Fach die Besten...!“

"Ich weiß doch aber nichts...!“
jammerte es jäh aus ihm heraus.
„ Das tun die meisten nicht! "
fuhr da der Eine heftig hoch.
Verächtlich spie er ihm noch aus:
"Du bist politisch! Reicht das nicht?“

Kichernd fügte dem der Andere hinzu:
„Die stutzen Dich auf uns’re Größe, Mann! -
Doch keine Angst von wegen Gleichbehandlung:
Zuletzt steh'n alle vor der gleichen Wand!"
Als wolle er damit die eig'ne Angst bedrängen,
fügte er erklärend an:
"Um Größen anzugleichen, Mann!
- Nicht eine Länge."

Erschießen?
Also doch!

Wie wird das sein?
Ein Bersten wohl, ganz tief in ihm
und Staunen, dass es wohl vorüber sei...
Und ehe ihn der Schmerz ergreifen könne,
würde er sich schon verlassen haben
- durch jenen Tunnel
in das Licht.

Es galt, den Tunnel zu erreichen!


 

 

 

 

 

 
 
 

                   

 

 

 

19.
Begegnungen im Nirgendwo

- eine Erzählung -

 

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

Schuttvolle Höhlen
in Geborstenem.
Staubbeladener Geruch
geplatzter Häuserstümpfe.


Ein MG rüttelt sich die Stille wach.
Stoßweise.
Immer wieder.

Peitschende Antwort aus dem Irgendwo.

Neben ihr das Kind.
Sein Blick entspannt sich,
als sie beginnt,
für ihn zu singen.
Kein Kinderlied.
Sie kennt noch keines,
reiht sich nur ganz zarte Töne.

Eine Mauer stürzt sich in ihr Dunkel.
Doch ängstigt sie das längst nicht mehr.
Sie wartet schon auf Morgen!

 

 

Ein Lichtspalt legt die Pflanze frei,
die es
schuttbeladen
vor sie hingeworfen hat.
„Sieh nur! - Diese schöne Blume!“
Sie bietet ihm die freundlich an,
doch schlägt das Kind nur ungelenk danach.

 

 

Rücksichtslos
zerbröseln schwere Mörser,
was an Vergangenheit geblieben.

Das Kind verbirgt sich wieder in der Angst.
Sie drückt ihn sich noch fester.
Einer sucht ganz hastig Deckung,
verflucht sie,
als er mit Stiefeln auf sie springt.

Sie schreit gequält
und schlägt voll Hass nach ihm!
Doch erwidern ihr
die angespannten Züge im Gesicht
nur einen Augenblick
Verwirrung!,
Dann nimmt er sie schon nicht mehr wahr!

Hetzt doch der Befehl herüber;
treibt seinen Körper
in den nächsten Sprung!
Vorbei daher
- für ihn -
die Art Begegnung.
Die Kugel wirft ihn rückwärts nieder!

 

 

Entsetzen sieht sie jählings an;
lautlose Worte flehen;
mit Fingern sucht er das Gedärm zu halten!

GESTORBEN AM ...
FÜR ....
Das Grauen hält sie starr
im Zwange dieser Augen!

 


Berstendes Gemäuer
erstickte später ihre Qualen.

Hilf mir!
Weil ich um sie weine!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

20.
Das Kreuz

Über Sterblichkeiten im Krieg - eine Erzählung

 

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

Wolken schwammen träge durch den Tag;
trieben wieder fett von dannen.
Das Einzige,
das sich bewegte.

„Schau mal den...“
Er sagte es dem nebendran,
doch hatte der ihn längst gesehen.


Er tänzelte danach im Stand.
Sich ordentlich Bewegung machen,
locker werden!
Jedoch den Blick,
wo er ihm hinbefohlen.

Dennoch fasste ihn des Grabens Feuchte,
erstarrte ihn bis in die Sinne;
klamm spielten seine Finger an der Waffe,
die wartend ihm beiseite lag.


Natürlich wussten alle,
wie wichtig es für ihre Menschheit war,
an diesem Ort und mit Granaten,
den Boden um und um zu pflügen;
ihn dabei satt mit Blut zu tränken;
ihm Leichenfetzen einzubringen!
Für Früchte,
die stets „Ehre“ hießen,
„Treue“,
„Vaterland“!

 

 

„Die Moral ist gut!“
versicherten sich Dritte,
die was davon verstehen wollten.

Für die bestellten sie den schweren Acker
- in sturer Selbst- und Pflichterfüllung! -
als gelte es,
der Völkerfeindschaft
Schulden zu begleichen!


In Wahrheit hatte aber die,
- in Vorzeit -
ihnen vorgeschanzt,
sich längst tief eingegraben,
um dann
- bis jetzt –
auf sie zu lauern.
Leben lang!

 

Und damals schon,
- für sie! -
hatten sie auch Kreuze ausgesät!
Die aber jetzt erst
- endlich! -
durch die blutgeweihte Krume brechen durften,
bis ganze Wälder so entstanden!


Für sie gab es daher nur Warten;
Stellung halten einem Sieg.

Vor dem dann irgendeiner
wieder Fähnchen auf der Karte schob;
Melder durch die Gräben rannten
und Telefone wissen ließen,
das nächste Blutfest sei zu feiern
- im Irgendwo des Gestern
und Niemandsland von Morgen.

Und brach,
- nach Aufspiel der stets gleichen Töne! -
zuletzt dann doch der Wille ein,
ward vorher dumpfe Angst zum Beten:
Lass sie doch endlich kommen!
Mann für Mann!
Damit ich sehe,
wen dieses Mal das Los bestimmt,
zu töten
oder selbst zu sterben!


„ Was denkst Du?“
Der andre zuckte nur die Achsel.
Es kam schon vor
und schafften wirklich welche,
sich einen Tag lang tot zu stellen,
um in der Nacht
zurück
in ihre neue Lebensfrist zu kriechen...
Doch tasteten,
an diesem,
- ihrem -
endlos langen Tag,
dann viele Augen
sie unermüdend ab;
bereit,
ihr Hoffen mit der Kugel abzustrafen.

Denn wenn schon alle sterben sollten,
so war sich Glück schon zu erleiden!

„Liegt halt nicht so! “

Zwar könnte das jetzt eine Kugel klären,
doch einer Leiche tat man das nicht an
- Mannestum geht anders vor!
Wer also die Gewissheit wollte,
der musste selber etwas setzen
- und Zielfernrohre
über sich entscheiden lassen!
Das war dann Reiz wie Wagnis,
sich gegen den Gehorsam
seine Zeit vorübergehend aufzubrechen!

So Wagnis war auch nicht vergebens!
Es hatte jeder was dabei
- wie sie ja auch! -
von denen,
die da draußen lagen!
Ein Foto.
Briefe.
- Als eigene Erinnerung,
die jeder in den Angriff nahm,
auf dass sie auch sein Leben schütze
- wenn nicht,
ihm seinen Tod begleite.
Beweise einer Seele!
Sie galt es, sich zu greifen!
So fremdes Leben an sich nehmen
und in das eigene vermischen,
was davon für Dich wichtig war!

Denn das war viel,
an solchen Tagen.

Er legte alles ab,
was nur behindern konnte.
Sprach auch nicht mehr.
Hielt nur den Körper,
wie den Blick,
straff mit dem Ziel verbunden,
als zwinge er so Wiederkehr.

Dann war er draußen;
schob sich
- ganz langsam! -
durch den Stacheldraht
- zu dem,
der da so vor ihm lag,
als schlafe er sich für die Rückkehr aus.

Doch plötzlich klebte ihn der Schweiß zusammen,
verbrannte seine Augen.
U nd der Wind,
- nur jetzt,
für ihn! -
rieb schrill die Gräser aneinander
- ihm zum Beweis,
dass er noch immer lebte!

Als er,
der Sieger,
dann den Kerl erreichte,
stieß er ihn ihn sachte an
und flüsterte ihm etwas zu.
Damit er nicht erschrecke
und fremde Augen auf sich lenke
- bereit,
ihm seinen Todesstoß zu setzen,

Jäh schlug,
mit einem Ruck,
der Kopf von dem
zu ihm herum!
Hirn überschwappte seine Hände,
bevor die so geleerte Höhlung
sich vor ihm in das Erdreich fraß.


Und Fliegen summten um ihn vor Empörung!

Was für ein Arschloch bist Du eigentlich?
hielt ihm sein Ekel würgend vor.

Er griff daher in Stoff und Fleisch,
um irgendwas zu finden.
Er wollte es beenden.
Hatte doch den langen Weg zurück!

Es fühlte sich nach etwas Festem an!
Er zog es sich daher aus allem raus,
was,
mit Gekröse,
blutig seine Finger hielten.
Ein Kreuz!
So Scheiße hatte der dabei!
Das alles für so Nichts?

Und doch war es Beweis,
den Anerkennung von ihm wollte!
Er war auch viel zu feige,
noch einmal in das reinzugreifen.


Und Silber war es schließlich auch!
Er musste erwas bringen!
Sonst höhnten ihn die andern,
wenn er das nur für nichts getan!

Trommelfeuer kündete von neuer Angriffswelle;
zerschlug verächtlich jede Wehr
um das Gespinst von Gräben;
reihte neue Trichterketten.


Einer sprang in die hinein,
den die Befehle hergetrieben.
Doch wich die Deckung rasch zurück
und Morgen zwängte sich schon aus der Nacht.

Und er begriff,
hier konnte er nicht bleiben.
Zumal er nicht alleine war!

Fluchend drängte er sich den zur Seite.
Der Gegenangriff stand bevor!

Doch dieser Kerl da
wich ihm nicht!

Er sah in ein Gesicht.

Angewidert schob er es sich weg.
Griff dabei schmerzhaft auf Metall,
als habe der sich noch gewehrt.


Kurz blickte er genauer hin
- sah aber nur ein kleines Kreuz,
das neben dem im Erdreich steckte.
„Silber“ knurrte er
- fast wie verlegen -
weil von drüben einer sah,
wie er es in die Tasche schob.


Verdammt!
Hier wuchsen nun mal Kreuze!

 

 

 

 

 

 

 

 

21.
Die Straße

                          über ein gerissenes Schaf  -  eine Erzählung

von
Wolf-Alexander Melhorn

              

 

      

Arbeit macht frei!

                                                                             

In Fünfer-Reihe wankten wir ihr zu.
Ein jeder für sich selbst,
das Schweigen von Kommandos aufgebrochen.

Geleinte Hunde
- beiderseits -
als jagdbereite Wächter dieser Herde;
erzogen,
sich auf Befehl
ein Schaf daraus zu reissen!

 

 

Kaum,
dass wir in den Augenwinkeln
daher die Gebäude sahen,
an denen wir vorüberzogen;
die Lider abgesenkt,
kein Blick den beiden Frauen,
die flüchtig die Gardine hoben,
um sich Geräusche dafür abzusichern,
dass alles war wie jeden Tag.

 

 

Längst hatte sich die Hoffnungslosigkeit
der Angst hinzugesellt;
die meisten gaben daher früher auf.
Nur wenige ertrotzten Wochen,
bevor auch ihre Stärke brach
- und ihre Zeit gekommen!

 

 

Entschieden wurde dies am Morgen.
Nach der letzten Nacht!
Durch knappen Wink der Gerte.


Kaum einer,
der dann aufbegehrte!
Denn wozu?
Als Beweis von denen, 
wie töricht solches Bäumen war?

Zuvor war jeweils noch ein Graben auszuheben
- als Reststück Zeit;
in Spatenlängen abgemessen,
daher zu klein,
sich darauf einzustimmen.

Die Wache stellte Dich dann auf
und schoss,
- kurz aufgesetzt -
in das Genick!
So war es wenigstens vorbei!


Die meisten hielten daher still,
damit der Schuss auch ja gelinge!
Sonst lagst Du,
- eine Warnung! -
Deine Zeit im Todeskampf!

 

 

 

Wir waren überhaupt bemüht,
es denen recht zu machen,
auch wenn,
- nach unserm Stoß ins Dunkel! -
die
unser Licht
danach für ihren Schein missbrauchten!

 

 

 

Schwierigkeiten gab es daher nicht,
mit uns!
Für die.
Da jedermann,
- zu jeder Zeit! -
von denen
auch ganz anders konnte!
Denn wer Befehl Vollzug erschwerte,
der zweifelte an ihnen!
Bekam mit einem Kolbenstoß,
- so richtig in die Fresse! -
die Antwort,
die es brauchte!

Das ist auch nicht persönlich!
- Keineswegs! -
Dachten die.
Fehlt einem Untermenschen
dafür doch Empfinden!
Dem ist Gehorsam die Erfüllung.
Denn einer musste schließlich ihre Heimat schützen!
Und dafür waren nun mal sie die Besten!
Doch war,
In diesem Stolz
manchmal einer auch bereit
- in wahrerGutheit rauher Männer! -
nur einfach seinen Dienst zu tun!

 

 

Und solcher Geist
trieb uns're ausgezehrten Leiber!
Hinauf,
die schmale Straße,
auf den Berg!
Vorbei an jenem Dorf,
mit seinem namenlosen Namen,
in dem nur ein paar unerfüllte Frauen
die Arbeit jener Männer taten,
die irgendwo,
„im Feld“ .
- für ihre Ehre und ihr Vaterland;
auf einer Steppe;
zwischen Steinen,
Eis;
im Sand.

 

Die hier die Straße aufwärts schwankten,
die hatten gleichfalls nicht gewählt!
Auch ihnen war das so entschieden.

Von fünfzehn Kreaturen!

Die formten anderswo Befehle,
die dann
 - wie flüssig Teer -
in sechszehnhundert Lager tropften!
Dort mengten sie,
aus Blut und Leid
und schwarzem Dreck,
sich einen Brei,
der längst schon
in die Ewigkeit hinüberfaulte!

 

Von solcher Zukunft der Geschichte
wusste aber keiner!
Wir standen reglos beim Appell;
verbrauchten uns durch Arbeit,
bis der Wink der Gerte
unsre Endlichkeit befahl.

 

 

 

 

Wir zogen folglich diese Straße hoch;
gespiegelt in geputzten Fenstern,
begafft von Kindern,
die ihre Neugier stumm gemacht
 - Ereignis einer Kinderwelt;
geleitet von Maschinenwaffen,
die
- wie selbstbewusst! -
nicht mal entsichert waren,
nach Vorschrift aber stets Gewähr,
dass nichts den Tagesfrieden störe.

 

 

 

Da strauchelte der eine!

Diesen Tag,
den hatte er noch haben wollen,
wohl ahnend,
der werde dann sein letzter sein!
Nur wollte er sich selbst beweisen,
dass er
die Gerte selber wählte;
noch ein Mal selbst bestimmte,
bevor es die Pistole tat!

 

Und hatte es auch noch geschafft,
wieder vor das Tor zu kommen;
die endlos lange Steigung hoch;
vorbei an diesen Häuserhöhlen,
die sich beschämt ans Pflaster duckten.

 

Das aber hatte nun
den Rest an Kraft aus ihm gebrochen!
Für die kroch eine Schwäche in die Brust
und presste stechend in sein Herz!

 

 

Er stürzte daher;
fiel seitwärts auf den Hund,
den einer an der Leine führte.

 

 

 

Das Tier sah seinen Angriff kommen;
die Arme,
die bedrohlich um sich schlugen;
den Körper,
der gewaltsam etwas tat!

Und in weggeduckter Furcht
und Zwängen der Erziehung,
verbiss es sich in diese Kehle
und riss mit jähem Ruck
die Gurgel aus dem Feind heraus!

Dessen Blut verpulste,
als er mit klagend weiten Augen,
lautlos
nun um Hilfe schrie!

 

 

 

 

In jähem Schrecken prüfte sich der Herr,
ob ihm der Hund nun noch gehöre!

Verdammte Weibischheit,
der Ekel drohte ihn zu würgen!
Dann hatte er sich neuerlich im Griff,
zog sich jedoch
- wie in Bedrängnis vielen eigen! -
als Stütze auf die Pflicht zurück
und ruckte herrisch an der Leine.

Und der Befehl tat seinen Dienst:
Das Tier,
den Fetzen Mensch in aufgewölbter Lefze,
stand in dem Blutgeruch,
der dem Röchelnden entströmte!

Klackend wurden Waffen scharf;
Hunde jaulten aufgehetzt,
als sie der Hass durchglühte,
der jählings alles überflammte!

 

 

 

 

Ein Unterführer kam heran,
Erregungsflecken im Gesicht.

„Was’ denn los, Mann?“
fuhr er den Kameraden an.

„Der Scheißkerl hat ihn angefallen!“
Verlegen,
weil das ihm geschehen,
wandte er sich danach ab.
„Aus!“
Das Tier ließ ab
vom Brocken Fleisch,
die Zähne jedoch weiter scharf,
um auf Befehl
erneut Gehorsam zu beweisen.

„Brav, mein Lieber! - Gutes Tier!.“
Das Streicheln war dem Lohn genug.

 

 

Der Unterführer sah sich hastig um.
Es maßen sich,
- in angsterfülltem Hass! -
nun beide Seiten.

 

Da wollte sich aus der Kolonne,
zu dem,
der zappelnd auf dem Pflaster lag,
tatsächlich so ein Schwein herunterbeugen!

„Zurück!“
Die Wache hatte die Bedrohlichkeit erkannt!
Als der nicht gleich gehorchen wollte,
schlug eine Salve in ihn ein!

Die andern standen danach stramm.
ihr Widerstand gebrochen.

 

 

 

 

Noch ein paar Augenblicke
und wieder drängte sich der Gleichmut
zwischen die Gemüter. 
Unabänderliches
hat sein eigenes Gewicht!

„Maßvoll“,
wie es im Kasino später hieß.

 

 

 

Der Unterführer trieb sie danach kraftvoll an.
„Aufschließen!“
Und schrie danach,
erleichtert
- in entstauter Wut,
weil ihm der Dienst
hier wirklich Schweres abverlangte! -
„Da gibt es nichts zu glotzen! - Weiter!“

 

 

 

 

 

 

Ein Kind,
auf gleicher Höhe mit all dem,
stand starr,
in unbegreifendem Entsetzen!

Ein Wachmann stieß es zögernd an:
„Nichts für Dich! Das hier!
 - Na, geh’ schon, Kleines!
 - Zu der Mama...“

 

Da löste sich die arme Seele
aus dem Anblick dieses Grauens!
In einem menschenleeren Schrei,
der endlos aus dem Wesen quoll,
fand sie zu sich selbst zurück.

 

 

 

 

 

Die Mutter fing es schließlich ein,
erstickte diesen Schrei
dann irgendwann mit Tränen.

 

 

Jahrzehnte später sagte sie,
erneut bewegt,
in längst verdrängtem Schmerze:
„Das war entsetzlich! Damals!
- Kann ich Ihnen sagen!“

 

 

Die Frage nach dem andern
überraschte sie:
„Erschossen! - Klar!
- Was sonst?“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

22.
Der Alte

- eine Erzählung

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

Der Alte...
- stramm wie immer,
als gemeldet wurde.

„Kompanie angetreten.“

 

Der Ton war ihm jedoch zu lasch.
Das zeigte er, indem er schneidig gegenhielt:
„Danke! – Rührt euch!“

So hatte das zu klingen!
Er dampfte wieder.
In Mannestum und Männlichkeit.
Ganz Hahn,
zu dem die Hühner fliegen!


„Bin stolz auf Euch, Männer!“
Die Fahne
und das Vaterland
klemmten wieder zwischen seinen Zähnen.
Und er bereit,
so Zeug als Waffe zu gebrauchen!

 

 

Er log!
Wir hatten heute
wieder einen Teil vom Krieg verloren!
Darauf noch stolz ?
Wenn nur noch 17 wiederkommen?

Wer war schon auf die Toten stolz?
Weil sie es trotzdem taten,
obwohl sie überleben wollten
und alle hofften,
dass sie keiner holen komme
- auch nicht die Feigheit vor dem Feind?
Denn Kriege leben immer von der Angst!
Und die Versager treiben sich dann Kettenhunde
bei der Flucht
erneut zusammen!


 

 

Schlimm ist das für die Jungen!
Da ist noch manchmal einer,
mit Neugier im Gesicht
auf dieses große Abenteuer Leben
und träumt vielleicht von seinem Sieg!
Doch vieles lässt ihn bald im Stich,
und weckt ihn erstmals Trommelfeuer,
wird dieses Schlachten auch für ihn
vielleicht zum Letzten seiner ganzen Welt.
Und Angst umkreist ihn,
wie die Todesvögel!
Zwar kommt ein jeder mal zum Sterben,
doch denen war das nicht bewusst!
Sterben sollten nur die andern!
Und dann liegt so ein junges Leben
- das selten mehr als angelebt -
verblutend am Altar der Tränen,
- und einer rühmt für sie
dann noch die Gottgefälligkeit
von Menschenopfern!

 

 


Selbst jene,
die auf Urlaub gehen,
tragen im Gepäck
die Seelen ihrer Toten!


Hinzu kommt noch die Angst,
Unwirklichkeit zu finden,
in dem,
was gestern sich noch Heimat nannte.

Vorbereitet sind sie wieder nicht,
auf das,
was sie erwartet!
Denn nichts mehr ist,
wie vor den Zeiten ihrer Männlichkeit!


Wenn sie zu hause Fremde finden,
die früher einmal nah gewesen
und außerdem der Glanz verblasst,
dann schimmert auch dem Orden plötzlich
Wahrheit durch,
von der Entleertheit solchen Tuns,
Wer so was nicht beklagen muss,
kommt allerdings erholt zurück.
Doch stachelt den dann die Erinnerung!
Gleich einem Dorn,
der ihn verletzt durch Wirklichkeit,
bis er,
- sehr schmerzhaft! -
ihm gezogen ist 
- damit die Angst ihn leben lässt!

Manch einem wird der Tod jedoch die Lösung,
die wenigstens sein Bild bewahrt!

 

 

 

 

„Ihr habt dem Vaterland mal wieder Ehre eingebracht!“

Obwohl dem Sterben niemals Ehre bringt,
dem Leben noch kein Leben hatte!

Vaterland und Ehre?
Weil einer im Gehorsam stand?
Sich töten ließ,
weil ihm das so befohlen?

Oder war es ihre Art zu sterben,
die Ehre war,
dem Vaterland?
Zerfetzt,
gesprengt,
geschlitzt
und aufgebrochen...
Durch jene,
die sie hatten töten wollen,
und gleichfalls für die Ehre starben
für dieses oder jenes Vaterland?

Ist das dann Würde?
Heldenhaft?

 

 

 

 

Oder galt sein Lob gar uns?

Weil wir nicht gleichfalls ausgeschieden wurden,
beim Zählappell der Leiber?
Uns überlebten,
weil andere ihr Ziel verfehlten!
Wie letztes Mal!
Und jedes Mal
davor!!

Uns hatte es nur wieder ausgewürfelt
- Mann für Mann! -
uns dann am nächsten Sterben zu versuchen!
Bis auch wir
im Feuer mannigfacher Angst
für einen Tod
gereinigt waren.

Sie alle waren stolz auf sich!

 

 

 

 

Der Gegner hatte höllisch Druck gemacht.
Sein Angriff warf den ersten Zug in drei Minuten!
Der zweite stand dann länger.
Acht!

Mehr war nicht drin,
bei diesen zwanzig Mann!
Von denen
standen jetzt noch vier,
bei uns.

 

 

 

Der Alte war da plötzlich durchgeknallt!

Greift das MG der beiden,
die eine Handgranate hingeschmettert hatte,
den Reservegurt dazu
und los dann
durch den Graben.
Ganz ohne was zu sagen.
Als sei er von der Kette.

 

Wir dachten erst, 
der spinnt sich jetzt sein Heldentum zusammen.
und zahlt den Scheiß mit unsern Leben.

Dafür wäre er im Kampf gefallen
u nd keiner hätte was gesehen,
für ein Kriegsgericht!

 

Doch diesmal tat er es für sich!
Getrieben von der gleichen Angst,
die uns durchzuckte
- und die erst flieht,
tritt freundlich Dir der Tod zur Seite. 

 

 

Zwei folgten ihm!
Gehorsam?
Dummheit?
Mut?

Wir andern zogen trotzdem mit!
Verkrallten uns,
wo wir gerade lagen,
sonst war es dieses Mal vorbei!

 

Als sicher war,
dass die verlieren würden, 
trieb uns dann plötzlich Hass voran,
befreite jede Hemmung!
Den Rest tat die Verbitterung.
Sie hatten unsern Tod gewollt!
'Gerechtigkeit' verlangte ihren!
Kein heldenhaftes Töten!
So wenig,
wie unser Sterben
- vorher -
ehrenvoll!
Und wer das überstand,
war nachher
nur ein Sieger!

 

 

 

Wir hatten danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!

 

 

 

Und wieder kroch die Angst in uns;
zerstörte unser Denken;
trieb sich die Hoffnung in die Ecke,
in der sie nur zu warten wagt!

Denn alle lagen neben uns!
Verwinkelt;
in den Dreck getreten;
mit Löchern,
voller Blut und Eingeweide.

Die Unsern
und die Fremden!
Nur Uniformen hielten noch auf Unterschied
und Irrsinn hält zumeist doch Ordnung
und achtet auf die Kleinigkeiten!

 

 

 

Wir hatten danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!


Zum Abschied nehmen;
von denen links
und rechts
und unten;
auch von Gesichtern,
die wir gar nicht kannten
und die so nichts von 'Schweinen' hatten,
als die wir sie geschlachtet hatten!
Statt dessen
Kerle so wie wir
und sichtbar mit dem gleichen Zwang gejagt!

 

Wir hatten wenigstens gewonnen!
Wenn auch nur etwas Zeit
zum Sterben.
Uns hatte niemand ausgewählt!
Es hatte sich nur etwas gegen uns entschieden!
Wir sollten uns,
bald wieder wagen müssen!

 

 

 

 

Wir hatten danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!

 

Und unser Alter brachte da die Nummer,
die keiner ihm hier zugetraut.
Den Langen,
der sich hemmungslos zerweinte,
den nahm er ehrlich in den Arm.
Dem anderen verband er seine Wunde,
obwohl das Blut ihm selber runtertropfte.
Und einen trat er in den Arsch,
weil der sich nicht mehr ducken wollte,
im Taumel seines Sieges
über sich.

 

 

Wir hatten danach Zeit gehabt.
Drei lange Stunden Ewigkeit!

 

Dann lösten die erst ab
und andere Gesichter,
so müde,
wie es unsre waren,
übernahmen schweigend unsre Toten
und die Erschöpfung trug uns fort.
Tee wurde ausgegeben
und lenkte von so manchem ab.
Der Sani legte uns Verbände
- mit ruppig-freundlicher Beachtungslosigkeit,
denn Pflichterfüllung war genug.
Wir würden ohnehin noch draußen bleiben!
Verbellt von diesen Kettenhunden,
die wir längst schon hätten töten sollen!
Doch solchen Dienst
tat keiner seinem Vaterland!

 

 

 

 

 

Der Alte hatte weiter nichts gesagt,
auf ein Mal einfach abgebrochen!
Den Mund sich schief gezogen,
Die Augen gradeaus!

Das Arschloch traute sich
doch wirklich nicht zu flennen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

23.
LETZTE  TAGE

Über schicksalhafte Ausweglosigkeit -eine Erzählung

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

Sie ließ nicht ab,
von ihnen,
und ihre Hitze fiel ihn an,
als habe sie ihm aufgelauert;
sog ihn begierig aus,
bis er erglühte,
auch wenn sie sich
zur vorbestimmten Zeit,
dann selbst im Horizont versenkte
- ihr Eingeständnis
von Vergänglichkeit!
Und für den nächsten Tag
ließ sie des nachts die Glut
von sich verwahren.
- im fahlen Licht des Mondes.

 

 

Er hatte tagelang darum gerungen,
ob ihm dies wirklich so geschehe!
Dem Atmen lauschend,
als hielte der ihn in der Welt,
wartete er teilnahmslos,
was ihn aus sich erlösen werde.

Schwer lehnte er jetzt an der Wand,
gestützt auf seinen kleinen Schatten
und sah hinüber zu die Hütten.

 

 

Stets hatte er gehorcht!
Dem Alten!
Drüben!
War abgestiegen in den Schacht,
wie andere es vor ihm taten.
Nur hatte er den Blutpreis nicht bezahlen wollen,
als ihn der Brunnen
- jählings! –
dann für sich bestimmte!
Doch wegen der Verweigerung
hatte er sich selbst verloren,
und seither lag nur noch in Altvertrautem
keinerlei Bedrohung!

 

 

 

 

Doch weil die Welt sich weiterhin durchbebte,
hing jetzt das Brunnenseil noch tiefer,
bevor es auf das Wasser kam!
Und wieder kamen sie zu ihm,
um ihm das nochmals aufzuladen!
Kam doch von denen
keiner dort hinab!
Und wieder forderte der Alte!

 

 


Doch wenn sie ihn auch noch so baten:
Nein!
NIE WIEDER!
Denn die Erinnerung war ihm geblieben
und der Gedanke,
es werde nochmals sich das Licht nach oben schieben,
schlug schmerzhaft in ihm ein!
War er doch diesmal sicher:
Je weiter er hinunter komme
auf diesem endlos langen Weg
hinab
- den Korb bei seinen Füssen -
die Wände würden wieder auf ihn fallen!
D
as letzte Mal davon gekommen
- vom Glück gerade noch befreit -
ein nächstes Wagen würde nicht verziehen!
Und dieses Wissen stak in ihm!
Verbrannte seine Seele
und ließ die Asche ihm zurück!

Das hatte ihn nicht gehen lassen!
Das hielt ihn aber auch zurück!
Auch als die andern
längst schon in die Zukunft flohen
- bis auf den Alten,
drüben!

 

 

Nun stand die Sonne da!
In voller Macht!
Schon beim Versuch,
sie wegen ihrer Grellheit einfach anzuspucken,
blieb ihm die Zunge an den Zähnen,
zog sich der Mund nicht mehr zusammen!
So wurde aber auch Gewissheit:
Er werde diesem Brunnen nicht entkommen!
Und das trieb ihn nun gleichfalls um,
ließ ihn aus Angst nach Tagwerk suchen,
das sich aber nirgends für ihn fand:
Vorbei die Zeit,
noch was zu tun!
Die Wand hielt ihn sich einfach fest,
als stehe er am Pranger!

 

 

 

Die Katze kam an ihn heran.
Die Nase furchig trocken,
rieb sie sich sacht an seinen Beinen.
Da erst bewegte er die Augen wieder.
Ging schließlich irgendwann hinein
und kam mit einem Krug
und einer Schüssel wieder.

Das Tier sah an ihm hoch,
als warte es auf ein Versprechen.
Gibst Du nicht auf,
fragte er zu ihm hinab?
Und stellte ihm die Schale nieder.
Den Rest im Krug trank er,
in zwei,
drei,
langen Zügen.

 

 

 

Das Wasser gab ihm frische Kraft.
Sein Atmen wurde tief und frei!
Er setzte sich.
Noch war nicht irgend was zu tun!
Die Katze wartete daher auf seinem Schatten,
schloss mit ihm ihre Augen
- und wieder trieb die Kraft aus ihm.

 

 

 

Da zog sich die Natur
vor dem Geruch nach Rauch
erschreckt zusammen!
Die Katze sprach ihn sofort an.
Er wehrte sich das aber ab.
Die Stille deckte seine Worte!

 

 

 

 

Und wieder kam die Nacht,
sprang aus der Sonnenglut zur Erde,
um diese in den Schlaf zu wiegen.
Er nahm das gleichfalls in sich auf
beim Abschied nehmen.

 

 

 

Doch jählings fuhr es in ihn ein,
in kläglichem Begehren:
Der Alte,
drüben
hatte sicherlich noch was!
Das musste der ihm geben!

 


Was er gewillt war,
jetzt zu tun,
ließ ihn zunächst erbärmlich frieren!
Dann machte er sich frei davon:
Wer,
wenn nicht er,
durfte jetzt noch Hoffnung haben?

Er wusste,
dass er sich belog.

 

 

 

 

Die Katze folgte ihm hinüber.

 

 

 

 


 

24.
Der Sieg

- Eine Kurzgeschichte -

 

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

 

Als sich die Türe schloss, erinnerte ihn die Freude des Jungen daran, dass sein Kind nun Ängste überwunden hatte.

Wie hatte er doch jahrelang gehofft, eines Tages gehe auch der Kleine mit. Irgendwohin! Doch immer hatte der nur abgelehnt. Wollte bleiben. Hier sei er zufrieden. Glücklich! Gebrauchte wirklich dieses Wort!

Wer durfte dafür böse sein? Dem einen elterlichen Anspruch auf Begleitung gegenüber stellen? Das schließlich war, was dieser Junge wollte! So ungewöhnlich es auch scheinen mochte und mit Vernunft zunächst nicht nachvollziehbar. Versäumte er so doch das Leben, das sich draußen ballte und ständig selbst bestätigt. Doch war das deshalb falsch? Der Kleine wusste davon nichts und wollte auch nichts wissen - von dem, das er versäumen könnte, wie andere stets für ihn meinten, um leeres Tun sich als das echte Lebens umzudeuten. Obwohl sich das in Wahrheit oft nicht selbst begriff, geschweige denn, verstehen konnte!

Dem hatte der sich stets verweigert, indem er nichts vermisse, wie er sagte. Er habe, was er brauche, wie er auf das Befragen seinem Vater schwor. Sei glücklich, wie es ist - so dass man ihn im Stillen nur beneiden konnte! War es doch die Beimpfung in der Kindheit, die ihn dieses Leben kostete, indem sie ihn in der Behinderung verschloss. Mit Aussicht, nie diesen Lebenskäfig zu verlassen! Für ihn gleichwohl kein Grund, so Enge jemals zu beklagen. Das schmerzt vielleicht auch nur, wer Weite einmal kennen lernte!

Damit traf es um so härter jene, die seiner statt nun dafür litten, dass sie die Impfeinwilligung gegeben. Obwohl sie das nicht besser wussten! Dennoch gaben sie ihr Leben für das Seine, indem sie alles taten, seines Leidens Bürde mitzutragen: Hilfloses Tun als Schuldbekenntnis, das scheinbar auf Erlösung hofft.

Und doch nicht ganz so selbstlos war, wie Oberflächlichkeit vermutet! Denn dieses war ein Geben, das auch Nehmen! Wovon der Kleine aber nichts verstand! Er nahm – sie gaben. Und doch ein wohl bedachter Tausch, denn auch Gefälligkeit hat ihren Preis. Wo so was übersehen wird, weiß es der Geber meistens anders einzufordern, denn Leistung sucht sich immer Anerkennung. Zur Not beschenkt der Geber sich auch selbst!

Der Kleine wusste nichts von solchem Tauschen! Er lebte seine Welt, die hielt, was er sich so von ihr erdacht mit seinem Wissen. Sie mochte anders sein, doch ihn erfüllte sie mit Glück.

So sah er zwar, was seine Umwelt für ihn tat, begriff wohl irgendwann den Anspruch, den sie ihm darauf gewährte, doch fehlte ihm dann wieder der Vergleich, den wahren Wert auch wirklich einzuschätzen. Ein Vorteil, der auch unvoreingenommen macht und jedenfalls nie vorzuwerfen! Er forderte durch bloße Existenz, bot damit anderen jedoch die Möglichkeit, für ihn sich viele Male zu bewähren. Und tat damit für jene, die er nutzte, oftmals mehr, als ohne ihn ihr Lebenssinn erwarten ließ!

So dass die Freude im Gesicht des Kleinen, nachdem der erstmals nun ein Stückchen Freiheit fand, auch wiederum beschämte. Ihn, dem sich damit auch ein Schmerz verband, dass seine Einsamkeit ein wenig näher an ihn rückte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

25.
Das letzte Treffen

- eine Kurzgeschichte -

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

 

Sie legte den Hörer zur Seite. Traurigkeit stieg in ihr auf. Aber einen Grund zu weinen, sah sie nicht. Es war vorhersehbar gewesen.

Sie waren auseinander gegangen, ohne sich wirklich verabschieden zu können. Dabei hätte sie das gern getan. Jetzt, wo dies nun Vergangenheit. Denn geliebt hatte sie ihn! Eben auf ihre Art. Die besondere Art! Von der sie glaubte, dass diese sie so auch nicht verletzen werde. Denn Lieben kann sehr schmerzen, fühlt es sich nicht erwidert. Und eben dessen war sie sich nicht sicher!

Er war immer etwas unnahbar gewesen. Männer sind da nun mal anders! Gewähren selten, was so wichtig! Das wusste sie von andern. Genügend Frauen hatten ihr das schon bestätigt! Vielleicht ja, weil die Männer selber nie verstanden.

Das mochte wohl so sein. Nie hatte sie darüber viel gedacht! Wozu auch? Sie war mit allem klar gekommen! So schwierig ist ein Leben in Gefühlen nicht. Zumal wenn sich die Angst dazuschleicht, vielleicht doch zu unterliegen und dadurch alles auf den Liebespunkt verknappt.

Und Vorbild? Wer? Ein Blick hinüber, in den Nachbargarten? Wie andere in ihrer Not es tun und leben, in der Zeit? Nicht weniger Verlogenheit! Dieselben Heimlichkeiten in den Dingen, dieselbe Angst, sich peinlich in der Schwäche selber vorzuführen und dadurch vorgeführt zu werden!

Gefühle hat man. Keine Frage! Schlimm für den, der nicht! Doch sollten sie beherrschbar bleiben. Droht sonst doch der Gesichtsverlust!

Wie anders hatte sie bestehen können? Wie sich Respekt gewinnen? Auch wenn der oft zum Selbstzweck wurde, war er doch auch ein Schutz, der die Gefühle sich umfriedet. Sie wäre anders längst verloren!

Ist es doch schwer, in Zwängen aufzuwachsen, wie sich, in ihrer Unvollkommenheit, früher mal die Mutter welche für sie setzte. Und keiner da, der helfen konnte! Denn einer Welt, der nur das Neue gilt, ist Altes ohne Wert und sucht sich Torheit daher selbst den Weg, um schließlich doch voranzukommen!

Das galt für ihre Mutter ebenso, wie für den Vater, den diese zu beherrschen suchte, wie alle andern gleichfalls taten! Und spät erst dämmerte ihr auf, dass der sich wiederum in Schweigen hüllte, weil er zu ratlos war, wie ihm geschah. Da hatte sie dann etwas Mitleid für den Mann empfunden.

Doch war das wirklich ihre Sache? Die Unerfahrenheit lehrte sich durch Tun, denn Alte, die da hätten raten können, gab es nicht in solchem Denken! Wer sollte solchen Anspruch schließlich dulden? Wie hatte sie doch einmal selbst hinausgeschrien; „Deine Scheiß Lebenserfahrung kotzt mich an!“ Das war dann so zwar nicht gemeint, doch schreckte es vor weiterer Bedrängnis mit Erfahrungen, die längst schon niemand mehr ein Maßstab waren. Beherrschten jene - überall zu sehen! doch nicht einmal die Technik! Wie also den Verstand? Denn wie kann Vorbild sein, das nicht genügend Wissen!

Das war so vieles von der Art und mit dem Reifen begriff sich solche Schwäche schließlich ohne Worte! Und übrig blieb ihr Einsamkeit, die nur von Sexualität mal unterbrochen wurde, dem schnellen Griff in Tiefen des Empfindens, die - entspannend über Leere täuschend – sich aber rasch erneut mit Ängsten davor füllte, zu viel in solchen Augenblicken von sich selbst zu geben.

Und wieder niemand da, der raten könnte oder wollte. Nur jene, die doch selbst nichts wussten, weil auch sie nur unbedachte Augenblicke in sich häuften, die vermeintlich Leben spiegeln und doch nichts sind, weil niemand war, sie redlich zu gewichten. So ging auch ihr sehr vieles früh verloren, das durchaus des Bewahrens wert gewesen.

Erst mit den Jahren hatte sie begriffen! Doch eine Lösung nie gefunden!

Und jetzt, wo alles so durchlaufen, kehrte Traurigkeit in sie zurück! Wie damals, als sie noch nichts wusste, sondern bangend in die Zukunft hoffte, was die wohl vom Erträumten bringe. Ihr könnte sie jetzt eine Antwort geben! Nur stellte sich das längst nicht mehr, denn Wirklichkeit bestimmte ihr jetzt das Geschehen. Nicht gut, nicht schlecht! Es war so, wie es war.

Doch konnte es denn wirklich anders sein? Das Schicksal gibt nur Karten aus. Die Regeln machen wir dann selber!

Und doch sind da auch Punkte, die der Seele Halt gebieten. Die Augenblicke, wo die Trennung naht und ein Verweilen fordert. Auch sie war daran angelangt und wusste nicht, was sich daraus ergeben werde.

Es ist nicht immer schwer, sich eine Trennung abzuschütteln. Gewöhnung ist die beste Schule! Das hatte sie schon oft erlebt. Im Großen wie im Kleinen!

Doch dieses hier war anders, wie sie spürte es und sah sich dieses Mal nun sehr allein in sich gelassen. Es war wohl so, wie man dem Tod vielleicht einmal begegnet! Nur dass diesen auch die Endlichkeit begleitet, die jedem dann auch Abschied ist!

Dies war so aber nicht und bot daher auch keinen Raum für solche Trauer. Denn niemand war gestorben! Da konnte der Verstand sich also wieder an die Oberfläche drängen und Beherrschung sich die Seele fassen, um die Gefühle wieder für sie einzuordnen. Die Logik gab das schließlich vor!

Nur war das diesmal wirklich anders!. Was sie so auch empfand. Denn jähe Einsamkeit schob die Beherrschung sacht zur Seite und wies bestimmend darauf hin, dass der hier jener war, den sie für sich gewinnen wollte. Es aber so dann nie vollbringen konnte! Weil er, wie sie in sich gekauert, wohl sprachlos gleichfalls darauf hoffte, sie finde noch die Worte, die man braucht. Doch kann so Hilfe niemals kommen, weil niemand spricht, der nicht zu reden lernte!

Darüber war die Zeit dafür vergangen und ließ sie nunmehr beide hinter sich! Er wusste davon wohl auch nichts und würde das auch nie vermissen! Denn letztes Mal, als sie bei ihm gewesen, sah er sie und durch sie durch! In seiner Mimik keinerlei Erkennen!

Sie legte den Hörer zu Seite. Es war gefährlich, ihn noch mal zu sehen. Es würde ihr die Seele sprengen.