Habichtswald-Klinik

 

 

Habichtswald-Klinik Wigandstr 1 -34131 Kassel

Amtsgericht Aalen
zu Hd. Herrn Richter Grimm
Postfach 11 40

73401 Aalen


Ihr Ansprechpartner: Herr Dr. Volker
Schmiedel
Telefon: 0561/3108-101
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IK-Nr. 260 660 123

Datum: 03.01.03 Schm/bö

 

Rechtsstreit Melhorn ./. Firma Süddeutsche Krankenversicherung AG
AZ: 3C815/02
Gutachtenauftrag vom 02.12.02


Durch Beweisbeschluss von 13.11.2002 seitens des Amtsgerichtes Aalen soll der Beweis erhoben werden, ob es aus Sicht der biologischen (auch alternativen) Medizin vertretbar erscheint, die streitgegenständlichen Medikamente (Blatt 33 der Anlage) bei den von der Klägerin beschriebenen Beschwerden als medizinisch notwendige Heilbehandlungen anzusehen, so weit nicht bereits der Sachverständige, Herr Prof. Dr. Dr. Wolf, sie als notwendig erachtet.

Erstaunlicher Weise besteht hier ein Unterschied zum Beweisbeschluss eines schriftlichen Sachverständigen-Gutachtens von Prof. Dr. med. Milkner, Abteilung Rechtsmedizin, Universitätsklinikum Ulm, welches dann von seinem Vertreter, Herrn Dr. med. Wolf, angefertigt wurde. Hier sollte nur die Frage geklärt werden, ob es sich bei den verschriebenen Medikamenten um Arznei- oder Heilmittel oder um bloße Nähr- und Stärkungsmittel handelt.

Die Klärung der Frage, ob es sich um Arznei- oder Heilmittel handelt ist notwendig, aber nicht ausreichend für die Beurteilung des Rechtsstreites. Hierzu ein absurdes, aber dennoch treffendes Beispiel:

Von keiner Krankenversicherung wird man verlangen können, dass sie die Kosten für ein Medikament erstattet, welches als Fettsenker zugelassen ist, aber einem Diabetiker verordnet wurde, der keine Fettstoffwechselstörung aufweist. D. h. es gilt

1. die Frage zu klären, ob es sich bei den strittigen Medikamenten um Arzneimittel oder um bloße Nähr- und Stärkungsmittel handelt und

2. ob die Indikation stimmt.

Bei der Frage nach der stimmigen Medikation könnte man eine strenge Messlatte anlegen und die bei den betroffenen Patienten vorliegenden Erkrankungen mit den vom Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte zugelassenen Indikationen für die entsprechenden Mittel vergleichen. Die Frage des Amtsgerichtes lautet jedoch „ob aus Sicht der biologischen (auch alternativen) Medizin es als vertretbar erscheint, die streitgegenständlichen Medikamente .... als medizinisch notwendige Heilbehandlungen anzusehen".

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Als Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin (Zusatzbezeichnung: Naturheilverfahren, Homöopathie) sowie Chefarzt der Inneren Abteilung der Habichtswald-Klinik Kassel, einem überregionalen Rehabilitationskrankenhaus für Ganzheitsmedizin, Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der Ärztegesellschaft für Erfahrungsheilkunde sowie Autor mehrerer Fachbücher zum Thema Naturheilkunde werde ich daher versuchen, diese Frage aus Sicht der biologischen (auch alternativen) Medizin zu beantworten. Hierzu werde ich mich auch folgender Literatur bedienen:

- Melwyn, R. „Nutriologische Medizin", Haedecke Verlag Weil der Stadt 1999 - 1059 Seiten (ein Standardwerk der amerikanischen orthomolekularen Medizin)

- Burgersteins „Handbuch Nährstoffe", Karl F. Haug-Verlag Heidelberg 1997 - 492 Seiten, ein Standardwerk der deutschsprachigen orthomolekularen Medizin

- M. Augustin/V. Schmiede! „Praxisleitfaden Naturheilkunde", Gustav-Fischer-Verlag Ulm 1999 - 878 Seiten (ein vom Autor dieses Gutachtens mit herausgegebenes Standardwerk der deutschsprachigen Naturheilkunde).

Zunächst einmal einige allgemeine Vorbemerkungen zur orthomolekularen Medizin, d. h. der Therapie mit Nährstoffen wie Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen, Fettsäuren, Aminosäuren oder Enzymen. Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, wie Nährstoffe therapeutisch eingesetzt werden können:

1. zur Substitutionstherapie eines nachgewiesenen Mangels,

2. Hochdosistherapie zur Ausnutzung pharmakologischer Effekte des Nährstoffes.


Zu Punkt 1.

Die Substitution eines Mangels klingt sehr einfach, es ist jedoch nicht immer einfach, manchmal sogar unmöglich, einen solchen Mangel mit den üblichen Labormethoden nachzuweisen. Einige Beispiele hierfür:

- Ein Mineralstoff wie Magnesium ist überwiegend intrazellulär konzentriert. Nur der geringste Teil des im Körper vorhandenen Magnesiums befindet sich im Blut. Es besteht daher nur eine äußerst schwache Korrelation zwischen dem Serumgehalt an Magnesium und dem tatsächlich im Körper vorhandenen Magnesium. Wenn der Serummagnesiumgehalt sehr niedrig ist, liegt nahezu immer tatsächlich ein Magnesiummangel vor. Ist der Serumspiegel noch im unteren Normbereich, könnte trotzdem bereits ein gravierender Magnesiummangel bestehen. Eine ähnliche Situation besteht bei vielen anderen, hauptsächlich intrazellulär vorkommenden, Mineralstoffen und Spurenelementen.

- Beim Kalzium hilft uns die Blutuntersuchung überhaupt nicht weiter, um den Kalziumstand des Körpers zu bestimmen. Kalzium ist überwiegend in den Knochen konzentriert. Aus Gründen der Homöostase hält der Körper mit vielfältigen Regulations-mechanismen den Blutspiegel auch noch dann konstant, wenn der Knochen schon weitgehend entkalkt ist. Es gibt sogar bestimmte Erkrankungen (Hyperparathyreoidismus = Überfunktion der Nebenschilddrüse), wo wir im Blut sogar über die Norm erhöhte Kalziumspiegel finden, der Gesamtkörpergehalt jedoch deutlich verringert ist.

- Die Aminosäure Tryptophan ist ein Vorläufermolekül des Neurotransmitters Serotonin. Dieser ist wichtig für gesunden Schlaf und gute Stimmung. Die Aminosäure L-Tryptophan wird daher zur Behandlung von Schlafstörungen und leichten Depressionen eingesetzt. Ziel ist es, den Serotoningehalt im synaptischen Spalt der Nervenzellen im Gehirn zu erhöhen. Dieser Gehalt hat nun überhaupt nichts mit dem Gehalt im Blut zu tun, eine Serotoninmessung im Blut wäre daher wertlos. Ein Mangel von Serotonin kann trotzdem an den Stellen bestehen, wo es benötigt wird. Eine Klasse von modernen schuldmedizinischen Antidepressiva sind die sog. Serotoninwiederaufnahmehemmer. Sie verzögern die Wiederaufnahme von Serotonin im synaptischen Spalt und erhöhen dadurch die Konzentration von Serotonin an diesem Ort. Sie sind als Antidepressiva zugelassen und äußerst erfolgreich. Niemand würde verlangen, vor der Gabe von Serotoninwieder-aufnahmehemmern zur Behandlung einer Depression den Nachweis eines Serotonin-mangels durchzuführen, d. h. hier wird nach klinischen Gesichtspunkten vorgegangen, ohne dass ein Mangel nachgewiesen wird, und dies ist auch sinnvoll.

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Zu Punkt 2.

Neben der Substitutionstherapie kommt noch die „Pharmakotherapie durch Nährstoffe" in Frage. Hierbei werden Nährstoffe in hohen Dosierungen eingesetzt, auch wenn kein Mangel besteht oder nachgewiesen wurde. Beispiel:
Bestimmte Formen von Herzrhythmusstörungen, Wadenkrämpfe sowie Obstipation lassen sich oft sehr erfolgreich mit Magnesium behandeln, selbst dann, wenn kein Mangel vorliegt.

Kommen wir nun zur Prüfung der einzelnen Medikamente unter der oben angegebenen Fragestellung:

Als einzig medizinisch verwertbare Dokumente liegen dabei lediglich die Rechnungen von Frau Dr. Wurster für Wolf-Alexander Melhorn sowie Thiemo Melhorn vor, aus denen die Diagnosen hervorgehen. Diese Prüfung erfolgt unter der Annahme, dass die Diagnosen medizinisch korrekt gestellt sind. Anamnestische Angaben, die Dokumentation medizinischer Untersuchungsbefunde wie körperliche Untersuchung, Laboruntersuchungen oder technische Untersuchungen sind dem ansonsten sehr umfangreichen Aktenwerk leider nicht beigefügt.

Blatt 54 Diagnosen von Wolf-Alexander Melhorn:
Lumbalsyndrom mit Lumboischialgie, Hypertonie, Cephalgie, Erschöpfungssyndrom,Vitaminmangel-Syndrom

Blatt 56 Diagnosen von Thiemo Melhorn:
Spastische Hemiplegia alternans, Segava-Syndrom, Zentrale Sprachstörung, Rezidivierende Infekte, Krampfbereitschaft.


In der Anlage sind zwei Tabellen aufgeführt:

Tabelle 1 gibt die in der Rechnung von Frau Dr. Wurster angegebenen Krankheiten wieder. Es wurde in der oben erwähnten Literatur eruiert, welche Vitamine, Spurenelemente und Nährstoffe bei diesen Krankheiten therapeutisch hilfreich sein könnten. Tabelle 2 gibt die Wolf Alexander bzw. Timo Melhorn verordneten Medikamente sowie deren Inhaltsstoffe an. Der Einfachheit halber würde bei den Vitaminen das Wort Vitamin weggelassen und nur die Buchstabenbezeichnungen, z. B. C, E, B 6 angegeben.


Hier die Überprüfung, welches Medikament bei welcher Indikation hilfreich sein könnte:

- Folsan (Verordnung Thiemo Melhorn) ist demnach bei Immundefizienz hilfreich (Werbach)

- Magnesiocard (Verordnung Wolf-Alexander Melhorn) ist demnach bei Lumboischialgie (Burgerstein), Hypertonie (Werbach, Burgerstein, Schmiedel), Cephalgie (Werbach, Burgerstein, Augustin/Schmiedel), Erschöpfung (Werbach) hilfreich.

- Zinkotase (Verordnung Wolf-Alexander Melhorn) ist demnach bei Lumboischialgie (Werbach), Erschöpfung (Werbach) hilfreich.

- Selenminerase (Verordnung Wolf-Alexander und Thiemo Melhorn) ist demnach bei Hypertonie (Werbach), Cephalgie (Burgerstein), Infekte (Werbach), Krampfbereitschaft (Werbach) hilfreich.

- Vitamin B 1 (Verordnung Thiemo Melhorn) ist demnach weder bei Infekten noch bei Krampfbereitschaft als Einzelvitamin als hilfreich angegeben (lediglich als Vitamin B-Komplex).

- BVK Röche + C forte (Verordnung Wolf-Alexander und Thiemo Melhorn) ist demnach bei Lumboischialgie (Werbach), Erschöpfung (Werbach), Infekte (Werbach, Burgerstein), Krampfbereitschaft (Burgerstein) hilfreich.

- Cetebe (Verordnung Wolf-Alexander und Thiemo Melhorn) ist demnach bei Lumboischialgie (Burgerstein), Hypertonie (Werbach), Infekten (Werbach, Burgerstein, Augustin/Schmiedel) hilfreich.

- Eplonat (Verordnung Wolf-Alexander Melhorn) ist demnach bei Cephalgie (Burgerstein), Erschöpfung (Werbach) hilfreich.

- Hevert Vitan N (Verordnung Wolf-Alexander Melhorn) ist demnach bei Hypertonie, Cephalgie, Erschöpfung hilfreich (die eingesetzten Dosen erscheinen für diese Indikation allerdings sehr gering).

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Somit erscheint es vertretbar, dass die streitgegenständlichen Medikamente Folsan, Magnesiocard, Zinkotase, BVK Röche + C forte, Cetebe und Eplonat aus Sicht der biologischen und alternativen Medizin bei den beschriebenen Beschwerden als medizinisch notwendige Heilbehandlungen anzusehen sind. Für Vitamin B 1 ist nach der benutzten Standardliteratur keine Notwendigkeit zu erkennen. Die Medikamente Hevert Vitan N und Selenminerase kommen in der Roten Liste nicht vor.

Laut telefonischer Auskunft der Firma Hevert (Hevert Vitan N) und Biosyn (Selenminerase) vom 02.01.03 sind beide Medikamente nicht als Arzneimittel zugelassen, sondern nur als Nahrungsergänzungsmittel und unterliegen daher nicht dem Arzneimittel- sondern dem Lebensmittelrecht. Es ist nach Auskunft der Firmen auch nicht geplant, eine Zulassung als Arzneimittel zu beantragen.

 

Zusammenfassung:

Es erscheint daher aus Sicht der biologischen (auch alternativen) Medizin vertretbar, die streitgegenständlichen Medikamente

- Folsan

- Magnesiocard

- Zinkotase

- BVK Röche + C forte

- Cetebe

- Eplonat

als medizinisch notwendige Heilmittelbehandlungen anzusehen, wohingegen für das Medikament Vitamin B 1 Ratiopharm aus der angegeben Standardliteratur keine Indikation zu erkennen ist und die Medikamente Selenminerase und Hevert Vitan N keine zugelassenen Arzneimittel, sondern Nahrungsergänzungsmittel darstellen.

 

Ich erkläre, dass ich das vorliegende Gutachten nach bestem Wissen und Gewissen nach Aktenlage und Literaturstudium erstellt habe. Ich unterhalte keinerlei Geschäfts-, noch sonstige Beziehungen zu Kläger oder Beklagtem.

Dr. med. Volker Scmiedel
Facharzt für Physikalische
und Rehabilitative Medizin
Chefarzt der Inneren Abteilung

 

 

 


Anlagen Tabellen 1 und 2

Wolf-Alexander Melhorn

Werbach

Burgerstein

Augustin/Schmiedel

Lumboischialgie

B1,B3, B6, Folsäure, B12, Zink (Kap. 66)*

C, A, D, Kalzium, Magnesium, Mangan (S. 351)**

E, Mangan (S. 591)

Hypertonie

C, A, D, Kalium, Magnesium, Kalzium, Selen (Kap. 45)

Kalzium, Magnesium (S. 334)

Magnesium, Kalium (S. 451)

Kephalgie

B6, Magnesium (Kap.

55)

E, Selen, B6, Magnesium (S. 381)***

Magnesium (S. 605)***

Erschöpfung

B 12, E, Kalium, Magnesium, Eisen, B-Komplex, Zink (Kap. 34)

Nicht erwähnt

Nicht erwähnt

Thiemo Melhorn****




Infekte

C, B2, B5, B6, Folsäure, B 12, B-Komplex, A, E, D, Magnesium, Eisen, Zink, Selen (Kap. 47)*****

A, C, E, B6, B-Komplex, Zink (S. 361)

A, C, E, Kupfer, Eisen, Zink (S. 642)

Krampfbereitschaft

B2, B6, B 12, E, Kalium, Magnesium, Kalzium, A, D, Selen (Kap. 64)

E, B-Komplex, Kalzium, Magnesium, Kalium

Nicht erwähnt

* Indikation: Neuralgie (Lumboischialgie ist eine Art Neuralgie

** Indikation: Rückenschmerz (ist ein Symptom der Lumboischialgie)

*** Indikation: Migräne (Migräne ist eine Form einer Kephalgie)

**** Spastische Hemiplegie und Segava-Syndrom(bzw. Nährstoffempfehlungen hierzu) sind in allen drei

Büchern nicht erwähnt.

***** Indikation: Immundefizienz

Tab. 1: Angegebene Krankheiten beider Patienten und Angabe in der Literatur, welche Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelementen bei diesen Krankheiten hilfreich sein könnten.

 

 


Medikament

Inhaltsstoffe

Verordnung für W.-A. Melhorn

Verordnung für Thiemo Melhorn

Folsan

Fol säure


X

Magnesiocard

Magnesium

X


Hevert-vitan N

u.a. Kalzium, Magnesium, Fluor, Kupfer, Zink, Mangan, A, D, C

X


zinkotase

Zink

X


Selenminerase

Selen

X

X

Vitamin-Bl ratiopharm

Bl


X

BVK Röche plus C

B1,B2, B3,B5, B6, Folsäure,

X

X

forte

Biotin, C



Cetebe

C

X

X

Eplonat

E

X


Tab. 2: Verordnete Medikamente mit Inhaltsstoffen und Angabe, für wen welche Medikamente verordnet wurden.