Das Abteil

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

Über Hoffen im Ausgliefertsein - eine Erzählung

Sie sagten wenig;
ihr Bewegen alles,
das wusste,
Ängste zu verteilen.

 

 

"Dass die noch Uniformen tragen..."
fuhr es ihm hilfehoffend durch den Kopf.

"Du denkst bestimmt,
Du hast besond’re Klasse!
Und keiner macht Dich fertig.
Was?"

Der ihn das fragte,
hatte dabei Neugier in den Augen
als wolle er es wirklich wissen.
Bereit, ihm seine Klasse zu beweisen!

 

 

Der trat ihn später dann zusammen,
bis er sich im Schmerz erbrach.

Sie rieben sein Gesicht hinein.
Er solle seine Kotze spüren.
Das taten sie ganz nebenbei,
er konnte sich nicht wehren,
bemüht nur,
seinen Schmerz zu kontrollieren
und die Panik vor dem Unbekannten.
Doch es misslang.
Sie schrieen ihm darauf die Angst
tief in die Seele.

Einer zeigte ihm zuletzt den Bock,
auf den sie ihn noch spannen würden.
"Die Scheiße kommt alleine aus dem Arsch,
wenn Dir die Fetzen runter hängen ..."
ließ er in Kennerschaft heraus.

Geprügelt hatte der da schon! Er wollte ihm das daher glauben!

Des andren Augen zogen sich
im Spott
darauf zusammen:
"Gilt dann nicht mehr als fein, bei Deinesgleichen."


Dann tat der wieder seine Pflicht.
Nicht gerne, wie er zwischendurch mal sagte.
Aber das gehöre so dazu!

„ABFÜHREN!“

Das Wort erlöste,
gab ihn endlich frei.
Er weinte plötzlich zuckend, ohne Nass.


Der Pflichtbewusste mochte so was nicht. Verachtung stand ihm im Gesicht.


Als der ihn daher wieder schlug,
biss er so tief in seine taube Lippe,
bis ihn das schließlich ruhig stellte.

Sie zogen ihn dann mit sich fort.
Ein Schlüssel platzte in ein Schloß,
Der Stoß ins Dunkel!
Metallen klackte eine Türe.
Riegel rammten sich zurück.

Vier Hände griffen ihn sich ab;
befreiten ihn zuletzt von seiner Jacke.
„Paß doch mal auf ...!" zerknurrte dabei einer.
Jemand gab dem scharf zurück
- doch er verstand nichts mehr davon.

Wohl bald erwachend,
regte er
- behutsam -
seine Arme,
Doch duldete sein Körper dieses nicht
- erbarmte sich dann erst an Tränen,
die nun endlich fließen durften.

„Das machen die mit jedem.“
brummte es ihm dafür tröstend zu.

Er bekam sich wieder in den Griff.
„Politisch ....?"

Er nickte nur,
als trage ihm das Dunkel die Bewegung zu dem Frager.

„Na! Endlich mal was Besseres,
in dem Abteil...!" kam es zurück.
" Gewöhnlich fährt hier letzte Klasse1“ kicherte es schrill heran.

" Ihr seid die Schlimmsten... !"
drauf der Erste wieder
und Bitterkeit trieb ihm dies aus.

Der andere:
" Scheiß’ drauf! – Dann ab jetzt gemischte Klasse...
Wir haben ja den gleichen Weg!"
Er lachte sich darüber aus.
klang aber nur hysterisch.

Dann lähmte Schweigen alles nieder.
Bis ihm der Raum
- im Gleichtakt -
in den Schläfen pochte.

„Wann machen die denn weiter?“
Die Beherrschtheit seiner Stimme sollte Ängste lockern,
die ihm schmerzend auf der Atmung lagen.


" Erst morgen bist du wieder dran... Die brauchen ihre Pausen."
gab ihm der Eine kalt zurück,
belehrte aber dann versöhnlich weiter:
" Mach’ aber nicht den Helden, Mann.
- Die schinden nicht nur aus Vergnügen...“

Der Andre sprang ihm sofort dazu:
„Ganz recht! “
Und trumpfte danach spöttisch auf: „
" Ist ihre Pflicht, Dich zu befragen!
Der Spaß sagt denen nur,
wie
sie dann quälen!"

Darauf der Erste,
mehr für sich:
„So welche sind in jedem Fach die Besten...!“

"Ich weiß doch aber nichts...!“
jammerte es jäh aus ihm heraus.
„ Das tun die meisten nicht! "
fuhr da der Eine heftig hoch.
Verächtlich spie er ihm noch aus:
"Du bist politisch! Reicht das nicht?“

Kichernd fügte dem der Andere hinzu:
„Die stutzen Dich auf uns’re Größe, Mann! -
Doch keine Angst von wegen Gleichbehandlung:
Zuletzt steh'n alle vor der gleichen Wand!"
Als wolle er damit die eig'ne Angst bedrängen,
fügte er erklärend an:
"Um Größen anzugleichen, Mann!
- Nicht eine Länge."

Erschießen?
Also doch!

Wie wird das sein?
Ein Bersten wohl, ganz tief in ihm
und Staunen, dass es wohl vorüber sei...
Und ehe ihn der Schmerz ergreifen könne,
würde er sich schon verlassen haben
- durch jenen Tunnel
in das Licht.

Es galt, den Tunnel zu erreichen!


 

 

 

 

überarbeitt am 9.9.ß8

Zu den literarischen Arbeiten von Wolf-Alexander Melhorn
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