Der Wagen

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

Über Wichtigkeiten letzter Augenblicke - eine Parabel

 

 

Sie solle einfach warten,
wurde ihr gesagt.

Die Erwachsenen,
gewillt,
Wichtiges einander auszuteilen,
umplapperten sich danach aufgemuntert.

Fragen traute sie sich daher nicht.
Das würde nur dies Fließen stauen
und Unverständnis in die Augen ziehen!
Womöglich Ärger auf sie schütten! 

 

Sie sah daher gelangweilt zu ihm hin.
„Guten Tag“, begrüßte sie der Bär.

Sie kam ein Schrittchen näher.
So gegrüßt zu werden, war ihr neu
und Grund genug,
sich den genauer anzusehen!

 

Er sagte dazu nichts,
doch das gefiel ihm offensichtlich,
für einen Augenblick ihr Mittelpunkt zu sein.
„Was bist denn Du für einer?
Und was ist mit Dir?“
befragte sie ihn daher frei. 

 

„Ich werde abgeholt.“
Er sagte das nur so,
als sei das nicht der Rede wert.

 

 

Sie wagte sich noch mehr heran.
„Wie meinst Du das?“

„ Ich bin alt geworden. - Hässlich!
Deshalb holen sie mich jetzt."
Und seine stumpfen Augen,
- einst liebevoll ersetzt durch Knöpfe,
vormals einer Uniform -
blinkten etwas in der Sonne.

 

Darauf wusste sie nun nichts zu sagen.
Wenn einer selber so was sagt....
Es würde schon so sein!
Und wie er so in dieser Tonne saß,
ein Loch in seiner linken Pfote...

Und auch der Leib
beschmutzt und eingefallen...

 

„Mag dich denn keiner?“
fragte sie betroffen.

 

Er schüttelte den Kopf
und wieder blitzte etwas in den Augen.
Es mochte auch die Sonne sein...

 

„Meine Hanni hab’ ich jedenfalls sehr lieb.“
gab sie voll Unverständnis zu bedenken.
„Die ist wunderschön!“
erklärte sie mit Nachdruck noch.

 

„Das war ich auch.
- Und stark dazu!“
gab ihr der Bär zurück,
nach Augenblicken der Erinnerung.

 

Was ließ sich darauf sagen?
Einem fremden Bären....?

 

„Hanni kann dafür nicht sprechen.
So wie Du!“
sagte sie dann doch von Herzen
- erleichtert,
dass ihr noch was eingefallen. 
Er würde es nicht merken,
dass sie log.
Schließlich war wirklich alt!

 

„ Dass Du sie gern hast,
das ist wichtig!“
gab ihr der Bär bestimmt zurück.
Und seine Augen fassten sie für einen Augenblick in Liebe!
Denn Bären wissen schließlich
dass Puppen immer sprechen können!
Nur wusste sie das vielleicht nicht!

 

 

 

Der Wagen schob sich näher.
Schweigend rumpelten die Männer Tonnen.

 

 

 

„Mach’ Dich nicht dreckig, Petra!“

 

Er sah sie nur noch schweigend an.
War ihm doch aufgegeben,
still zu sein,
wenn es nicht um Gefühle ging.

 

Sie verhielt,
gab sich gehorsam jedoch einen Ruck.
„Auf Wiederseh'n, Herr Bär.
- Und einen wunderschönen Tag, “
Sie wußte,
das war jetzt ganz besonders höflich!
Dann sprang sie eilig wieder weg.

 

Er sah ihr dankbar hinterher. 
Wie lange
hatte niemand mehr mit ihm gesprochen!

 

 

 

 

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