Verstorbene Tage

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

- eine Erzählung -

 

 

 

 

Wolken schwammen träge durch den Tag;
trieben wieder fett von dannen.
Das Einzige,
das sich bewegte.

„Schau mal den...“
Er sagte es dem nebendran,
doch hatte der ihn längst gesehen.


Er tänzelte danach im Stand.
Sich ordentlich Bewegung machen,
locker werden!
Jedoch den Blick,
wo er ihm hinbefohlen.

Dennoch fasste ihn des Grabens Feuchte,
erstarrte ihn bis in die Sinne;
klamm spielten seine Finger an der Waffe,
die wartend ihm beiseite lag.


Natürlich wussten alle,
wie wichtig es für ihre Menschheit war,
an diesem Ort und mit Granaten,
den Boden um und um zu pflügen;
ihn dabei satt mit Blut zu tränken;
ihm Leichenfetzen einzubringen!
Für Früchte,
die stets „Ehre“ hießen,
„Treue“,
„Vaterland“!

 

 

„Die Moral ist gut!“
versicherten sich Dritte,
die was davon verstehen wollten.

Für die bestellten sie den schweren Acker
- in sturer Selbst- und Pflichterfüllung! -
als gelte es,
der Völkerfeindschaft
Schulden zu begleichen!


In Wahrheit hatte aber die,
- in Vorzeit -
ihnen vorgeschanzt,
sich längst tief eingegraben,
um dann
- bis jetzt –
auf sie zu lauern.
Leben lang!

 

Und damals schon,
- für sie! -
hatten sie auch Kreuze ausgesät!
Die aber jetzt erst
- endlich! -
durch die blutgeweichte Krume brechen durften,
bis ganze Wälder so entstanden!


Für sie gab es daher nur Warten;
Stellung halten einem Sieg.

Vor dem dann irgendeiner
wieder Fähnchen auf der Karte schob;
Melder durch die Gräben rannten
und Telefone wissen ließen,
das nächste Blutfest sei zu feiern
- im Irgendwo des Gestern
und Niemandsland von Morgen.

Und brach,
- nach Aufspiel der stets gleichen Töne! -
zuletzt dann doch der Wille ein,
ward vorher dumpfe Angst zum Beten:
Lass sie doch endlich kommen!
Mann für Mann!
Damit ich sehe,
wen dieses Mal das Los bestimmt,
zu töten
oder selbst zu sterben!


„ Was denkst Du?“
Der andre zuckte nur die Achsel.
Es kam schon vor
und schafften wirklich welche,
sich einen Tag lang tot zu stellen,
um in der Nacht
zurück
in ihre neue Lebensfrist zu kriechen...
Doch tasteten,
an diesem,
- ihrem -
endlos langen Tag,
dann viele Augen
sie unermüdend ab;
bereit,
ihr Hoffen mit der Kugel abzustrafen.

Denn wenn schon alle sterben sollten,
so war sich Glück schon zu erleiden!

„Liegt halt nicht so! “

Zwar könnte das jetzt eine Kugel klären,
doch einer Leiche tat man das nicht an
- Mannestum geht anders vor!
Wer also die Gewissheit wollte,
der musste selber etwas setzen
- und Zielfernrohre
über sich entscheiden lassen!
Das war dann Reiz wie Wagnis,
sich gegen den Gehorsam
seine Zeit vorübergehend aufzubrechen!

So Wagnis war auch nicht vergebens!
Es hatte jeder was dabei
- wie sie ja auch! -
von denen,
die da draußen lagen!
Ein Foto.
Briefe.
- Als eigene Erinnerung,
die jeder in den Angriff nahm,
auf dass sie auch sein Leben schütze
- wenn nicht,
ihm seinen Tod begleite.
Beweise einer Seele!
Sie galt es, sich zu greifen!
So fremdes Leben an sich nehmen
und in das eigene vermischen,
was davon für Dich wichtig war!

Denn das war viel,
an solchen Tagen.

Er legte alles ab,
was nur behindern konnte.
Sprach auch nicht mehr.
Hielt nur den Körper,
wie den Blick,
straff mit dem Ziel verbunden,
als zwinge er so Wiederkehr.

Dann war er draußen;
schob sich
- ganz langsam! -
durch den Stacheldraht
- zu dem,
der da so vor ihm lag,
als schlafe er sich für die Rückkehr aus.

Doch plötzlich klebte ihn der Schweiß zusammen,
verbrannte seine Augen.
U nd der Wind,
- nur jetzt,
für ihn! -
rieb schrill die Gräser aneinander
- ihm zum Beweis,
dass er noch immer lebte!

Als er,
der Sieger,
dann den Kerl erreichte,
stieß er ihn ihn sachte an
und flüsterte ihm etwas zu.
Damit er nicht erschrecke
und fremde Augen auf sich lenke
- bereit,
ihm seinen Todesstoß zu setzen,

Jäh schlug,
mit einem Ruck,
der Kopf von dem
zu ihm herum!
Hirn überschwappte seine Hände,
bevor die so geleerte Höhlung
sich vor ihm in das Erdreich fraß.


Und Fliegen summten um ihn vor Empörung!

Was für ein Arschloch bist Du eigentlich?
hielt ihm sein Ekel würgend vor.

Er griff daher in Stoff und Fleisch,
um irgendwas zu finden.
Er wollte es beenden.
Hatte doch den langen Weg zurück!

Es fühlte sich nach etwas Festem an!
Er zog es sich daher aus allem raus,
was,
mit Gekröse,
blutig seine Finger hielten.
Ein Kreuz!
So Scheiße hatte der dabei!
Das alles für so Nichts?

Und doch war es Beweis,
den Anerkennung von ihm wollte!
Er war auch viel zu feige,
noch einmal in das reinzugreifen.


Und Silber war es schließlich auch!
Er musste erwas bringen!
Sonst höhnten ihn die andern,
wenn er das nur für nichts getan!

Trommelfeuer kündete von neuer Angriffswelle;
zerschlug verächtlich jede Wehr
um das Gespinst von Gräben;
reihte neue Trichterketten.


Einer sprang in die hinein,
den die Befehle hergetrieben.
Doch wich die Deckung rasch zurück
und Morgen zwängte sich schon aus der Nacht.

Und er begriff,
hier konnte er nicht bleiben.
Zumal er nicht alleine war!

Fluchend drängte er sich den zur Seite.
Der Gegenangriff stand bevor!

Doch dieser Kerl da
wich ihm nicht!

Er sah in ein Gesicht.

Angewidert schob er es sich weg.
Griff dabei schmerzhaft auf Metall,
als habe der sich noch gewehrt.


Kurz blickte er genauer hin
- sah aber nur ein kleines Kreuz,
das neben dem im Erdreich steckte.
„Silber“ knurrte er
- fast wie verlegen -
weil von drüben einer sah,
wie er es in die Tasche schob.


Verdammt!
Hier wuchsen nun mal Kreuze!

 

 

 

überarbeitet: 10.9.08

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