Der Zuhörer

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

Über gefallsüchtiges Verhalten - eine Erzählung

 

 

Er hörte zu
und ruhte
- scheinbar-
dabei tief in sich.
Bewegte zwar das Glas im Spiel der langen Finger,
doch schien sich die Bewegung
dabei niemals auf den Wein zu übertragen!
Das gab dem erst die Selbstverständlichkeit,
die ihm dann später nützlich würde!

Dabei beschäftigte ihn nur am Rande,
worum es einem Gegenüber
wirklich ging!
Ihm zuzuhören,
war die Kunst!
Dem zu vermitteln,
dass er ihn verstand,
wie besser es nicht möglich sei!


In dieser Absicht war
- wie unauffällig -
die Höhe seiner Augen
stets etwas tiefer,
als der Kopf des andern.
Der sollte
- nur wenig,
aber wichtig! -
auf ihn herunter blicken dürfen!

Nicht minder wichtig das Gebot,
wie der
- mit angemessener Verzögerung! -
den Arm aufs Knie zu stützen;
ihm später wieder folgen
und sich mit ihm auch wegzubeugen
oder anzulehnen
- um immer Spiegel ihm zu sein,
in dem sich der bewundern könne!

Und
- nicht zuletzt -
gehörte zum Erfolg,
dass sich das Denken in den anderen versetzt!
Denn meist macht fremde Meinung
andere nur ungehalten!
Er widerstand daher auch jedem Drang,
einen Selbstbetrug von Größe
dem anderen
bewusst zu machen!

Um trotzdem selber frei zu bleiben,
übte er den kunstvoll leeren Wortgebrauch,
den schlichteres Gemüt
sich nach Belieben selbst missdeutet.
Das brachte ihm
- dem Schöngeist,
der er war! -
ein Mehr an Anerkennung
und insgeheim Gehöhnte
bestanden dann auf seiner Gegenwart!

Manch einem
mag so Verhalten übertrieben scheinen!
Doch Lauterkeit in solchen Dingen,
schien ihm so sinnlos,
wie einer Volkesmasse
das Gefühl zu nehmen,
mehr als Mittelmaß zu sein!

Zumal ihm mit der Zeit
solch kluge Selbstverleugnung
Aufwind seiner Pläne wurde!
Denn rasch stieg er dadurch empor,
flog schließlich über fremdes Land,
auf das ihn jene huldvoll blicken ließen
- nur noch bedacht,
die Landung und den Platz
- wenn möglich -
selber zu bestimmen.

So teilte er sich
Neigung
und Gefälligkeit
in kühler Überlegung,
was ihm jeweils nutzen werde.

Und lähmte ihn doch mal die Ahnung,
dass er sich vielleicht selbst dabei missbrauche,
half ihm dann die Gewissheit auf,
dass er zumindest
dieses Spiel beherrsche!
Auch solche Macht
will ausgekostet sein!

Es ärgerte ihn daher insgeheim,
wie ihm entgehen konnte,
dass er sein Glas
- zu lange schon! -
so in den Fingern drehte,
als habe ihn
doch Langeweile überrannt!

 

 

 

 

 

Überarbeitet: 18.9.08

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