DIE BURG

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

Wie einer zu sich selber fand - ein Märchen

 

 

Es lebte einst ein Knabe
von zwergenhaftem Wuchs.
Der Vater starb ihm früh,
die Mutter folgte dem aus Gram,
kaum dass zwei Winter hingegangen.

 

So ward ihm jung schon große Bürde aufgeladen,
in Absicht mancher,
ihn damit zu erdrücken.
Doch widerstand er dem!
Mit Fleiß und Klugheit glich er aus,
wo die Erfahrung Lücken hatte.

 

So war er denn im Volke wohl gelitten,
doch hieß der Hof ihn,
hinter seinem Rücken:
„Zwerg König“.

 

 

 

 

Bald schon erfuhr der junge König von dem Spott.
Doch die ihm dies so eilig zugetragen,
schwiegen danach,
ohne einen Rat zu geben,
der einem jungen Menschen hilfreich ist.
Lag ihnen doch daran,
ihm dadurch einen Stachel einzureissen,
damit die Seele Schaden nehme!
Denn Menschenkenntnis weiß,
das würde ihn,
aus Seelennot,
dann Schmeichelei empfänglich machen,
- die immer auch Geschäfte lenkt!


Zumindest würde es am Selbstbewusstsein nagen
und
- wer weiß, wenn er das nicht ertrug? -
ihn vielleicht seine Krone kosten!

 

 

 

Wer stets nur Leichtheit leben darf,
dem bleibt aus seinem Leben nichts!
Wen jedoch die Natur mit Mangel ausgestattet,
kann gleichwohl eines Ausgleichs sicher sein!
Denn nichts geschieht,
das sich nicht fügen soll,
mag es auch Mühsal,
manchmal Pein bedeuten,
bis sich die Zeichen lesen lassen!
Denn eben das ist Menschenpflicht,
auch aus Verlust
dem Leben
noch Gewinn zu machen!
Selbst wem es daher nicht vergönnt,
das Ziel auch zu erreichen,
hat dennoch seinen Weg zu gehen!
Denn die Erlösung wird uns nie geschenkt,
gewährt sich vielmehr nach Bemühen
und nur wer abwirft,
was den Schritt beschwert,
kann seinen Weg dann auch begehen!

 

 

 

 

Doch trotz des Kummers,
den er litt,
um erst mal Mann zu werden,
gedieh des Königs Wesen ohne Fehl.
Selbst Ränkeschmiede konnten nichts zerstören!

 

 

 

Erschrecken daher allerorten,
als er sich jene,
die als Spötter ihm bekannt,
er eines Tages vor den Thron befahl.
Er wollte es nicht länger dulden,
dass sie bei ihm nicht Taten maßen,
sondern Körperlänge,
nur weil sie selber kein Gebrechen hatten!

 

 

 

Die Einbestellten kamen voller Furcht!
Tief beugte sich ein jeder,
bat reuevoll um Gnade,
bejammerte ein Missverstehen!
Denn keiner,
der
„bei Gott“
sich zu erklären mochte,
wie dieser hochverehrte König
Geschwätz sich derart deuten konnte!
Nie hätte einer je gedacht,
dass derlei auch verletzen könne!
Zumal auch zu bedenken sei,
dass Volkesmund oft ungeschlacht
und Liebe und Bewunderung
dadurch oft falschen Ausdruck finden!
Nicht Strenge brauche daher unbedachtes Wort,
vielmehr verständnisvoller Milde.
Das werde einem Herrscher erst gerecht! 
So rieten ihm vor allem jene,
die ihm zuvor die Namen hergetragen.

 

 

 

Der König war im Feld der Politik
zwar groß geworden,
doch unterschwellig spielte alles stets für ihn
- und so was schwierig zu erkennen!
Zudem war er in seiner lieben Wesensart
mehr Ball,
denn Spieler,
weshalb er manche Absicht nicht durchschaute.
Er hatte daher auch nur zögernd zugestimmt,
dies eine Mal,
für sich,
sein Amt zu nutzen!
Nun aber brachte ihm sein Handeln
plötzlich das Gefühl,
aus hohler Eitelkeit
versagt zu haben
und er bereute insgeheim,
sich auf so Nichtigkeit zu werfen.
Er ließ es daher bei Verwarnung
und gab die Heuchler wieder frei!
Sich selber half er mit der Hoffnung,
ein neuer Anfang sei gewonnen.
In Wahrheit hatten Dritte
wieder einen Sieg gemacht!

 

 

 

 

 

Die Jahre fuhren Wohlstand in das Land,
gelenkt von diesem Herrscher,
dem nur noch Weisheit für sein Leben fehlte.
Jedoch braucht solches Reifen mehr,
als bloßes Wissen und Verstand!
Doch ihm war auch gegeben,
selbst dieses wohl noch zu erlangen!

 

 

So kamen viele vor den Thron,
sich seinem Richterspruch zu beugen,
denn er galt immer als bemüht,
das Richtige zu finden:
zu helfen,
wo es galt,
und dort zu strafen,
wo das Unrecht war.

Das Volk war daher sehr mit ihm zufrieden!

 

 

 

So hätten denn die Zeiten ihren Fortgang nehmen können!
Doch irgendwann fiel selbst dem König auf,
dass immer dann,
wenn er auf seines Thrones Stufen stand
- und jedermann erkennen musste,
mit welchem Wuchs ihn die Natur bedacht! -
die Augen aller wegzueilen suchten
und Lachen fast zu greifen war!

Nie fiel dabei ein Wort,
das diesen Eindruck ihm bestärkte
denn lauthaft gab es dafür nie Beweis,
doch fühlte er,
dass es geschah!

 

 

 

 

Das aber riss ihm so in alte Wunden,
dass er mit Härte aufbegehren wollte
um Anstand für sich selbst zu fordern
- und wusste doch,
so würde er auch sich bestrafen,
denn Zeitenläufe hatten ihn bereits gelehrt,
dass niemals Zorn,
Enttäuschung
oder Schmerz,
Entscheidung fällen sollte
- denn derlei wird uns nie vergeben!

 

 

Doch einfaches Verzeihen
ist wiederum der Abgeklärtheit vorbehalten,
die fremde Fehler sich auch selbst erklärt
- und dazu war er noch zu jung!
Die wahre Lösung sah er daher nicht!
Es blieb ihm nur,
den Schmerz tief in sich einzuschließen,
ihn jedem Lichte fernzuhalten,
- damit es nicht die Feinde stärke! -
und jene,
die ihm gut gesinnt,
dadurch nicht in Verwirrung stürze!

Denn was er immer tat:
die Kleinheit seines Körpers blieb,
 naturgegeben!
Da half es nicht,
die Spötter einzuschüchtern,
alte Fragen neu zu stellen!
Derlei ist Jugend vorbehalten,
die nach Gerechtigkeit verlangt!
Zumal,
auch das sei angemerkt,
der Schwur,
der einstmals ängstlich ihm geleistet,
nie öffentlich gebrochen wurde,
weil Macht ihm zur Verfügung stand!
Er wäre folglich gegen etwas aufgestanden,
das scheinbar nur für ihn bestand!
Das aber wäre Eingeständnis,
mit leidiger Natur nicht klar zu kommen,
unfähig,
Schicksal zu ertragen,
wie es war!
Das würde seinen Neidern dann,
zum Spott,
nur neue Nahrung geben!

 

Weshalb er auch beschloss,
dies alles nicht mehr wahrzunehmen
und seine Scham
tief in sich einzuschließen!

 

 

 

Doch wo sich mit dem Ziel vereinen,
Macht zu gewinnen und zu nutzen,
hat eine Tat nicht dauerhaft Gewicht!
Nurmehr das flinke Wort,
das in Nischen dringt,
um Wissen aufzusaugen,
das Denken listig Vorteil bringt!
Deshalb blieb,
beim täglichen Betasten von Gefühlen,
der Ahnung letztlich nicht verborgen,
dass diesen König Wehmut quälte.


Für manche war das Grund zu neuer Wachsamkeit,
denn Macht,
die vom Gefühl bedrängt,
kann leicht auf eine Seite fallen
und dabei die erschlagen,
die ihr zu nahe sind!
Daher schien es manchem klug gedacht,
die Gründe zu erfahren,
die zu Gefahren werden könnten.
Doch als selbst hintersinnigstes Befragen
beim König keine Richtung wies,
streuten sich Gerüchte
schließlich selber aus!
Auch diese wiederum zu seinem Schaden,
denn eifrig schürten Neider Zweifel,
bis es zuketzt bedauernd hieß:
Er sei zwar König,
aber eben doch ein Zwerg!
Und Macht verlange nun mal Größe!


Und jene, die in solcher Hohlheit leben,
sahen ihn dann mit der Zeit
durch diese fremden Augen!
Und doch ward keiner ruchbar,
der niederträchtig solche Glut
durch seinen steten Wind entfachte,
damit sie nicht im Volke erlösche!
Nur fanden sich allmählich viele,
all dies dem Herrscher zuzutragen,
in schmeichlerischer Heuchelei;
die ihn jedoch,
der Absicht nach,
damit ersticken wollten,
- ihm nach Gesicht
jedoch nur redlich dienen wollten!
Und so begab sich dann mit der Zeit,
dass niemand ihn mehr lachen hörte.
Ein Mensch,
der ganz allein gelassen!

 


Mit niemand abgesprochen,
gab der König daher eines Tags bekannt,
es sei ihm eine Burg zu bauen.
Mit Mauern, die so hoch bewehrt,
dass keiner sie erklimmen könne!
Dorthin begab er sich.
Und niemand ließ er je hinein!

 

 

 

Bekantlich gilt als förderlich,
die eigene Person bedeckt
und fern zu halten,
damit sich sacht Geschichten um sie weben,
die Wahrheit nur zerreissen würde!
Zwar war dies nicht des Herrschers Absicht,
doch eben so geschah das auch bei ihm!
Kaum hatten ein paar Jahre
den König von dem Volk entfernt,
begannen die, 
die er nun abstandsvoll regierte,
von ihm ein neues Bildnis zu erstellen!
Sie alle sahen schließlich seine Taten,
jedoch nicht einer,
der aus Erinnerung noch sicher sagen konnte,
wie klein gewachsen dieser König war!
Weil jedoch das Gemüt bewundern will,
sprach man ihm dadurch eine Größe zu, 
die an Ausmaß jener Burg entsprach,
die trutzig aller Neugier wehrte.

So wusste schließlich jeder,
dass dort ein Riese wohne!

 

 

 

 

Ein Mädchen,
jung und schön,
gleichsam wie vom Wind getragen,
wehte eines Tages
dann der Zufall vor die Mauern.
Sie spielte dort verträumt mit ihrer Zeit,
doch just an diesem schönen Tage,
kam auch der König launig auf die Mauer;
sah diese Anmut
und die Lieblichkeit des Weibes,
die sich hier kindhaft offenbarten
und freundlich grüßte er zu ihr hinab.

So kamen sie von dort ins Plaudern
und ließen ihre Zeit verfallen.
Das Mädchen ging dann irgendwann zwar fort,
versprach jedoch,
am Morgen wieder zu erscheinen.


Sie tat das auch,
ganz unbeschwert,
nicht ahnend,
wer da oben stand!
Auch wenn sie wusste ,
- so, wie jeder! -
dass diese Burg ein Königssitz,
war ihr doch klar,
dass dieser da
- das sah sie trotz der hohen Mauern! -
nicht jener Riese war,
der diese Burg bewohnte!

 

 

Als sie,
nach einem wieder schönen Tag,
am Abend wieder heimwärts ging,
blieb allerdings der König
noch länger auf der Zinne.
So unbeschwert und heiter in der Seele,
wie ihn zuvor noch keiner sah!
Und ehe diese,
plötzlich lange Nacht,
dem Tage endlich weichen musste,
harrte er schon auf des Mädchens Lachen!
Und wieder kam sie in dem Sonnenstrahl,
der gleißend in ihr Haar versprühte
und ging erst,
als die Sonne schied.
Doch dieses Mal,
als sich die beiden trennten,
vereinte die getrennten Körper nun ein Band,
das Worte sanft um sie gewoben hatten!


Das ließ den König,
wie gefesselt,
mit einer Einsamkeit zurück,
die ihm ganz seltsam seine Brust erfüllte!
Und er schritt langsam durch die Burg
und fühlte ihre Macht,
die steinern sie verstrahlte.
Begriff sehr auch ihren Schutz,
doch der befreite ihn jetzt nicht!
Vielmehr,
als er den Stein begriff,
der ihn vom Leben trennte,
verlor auf ein Mal vieles seinen Sinn
und er beschloss,
sich zu befreien.
Zurückzukehren in die Welt,
den Kampf noch einmal aufzunehmen
 -  um des Gefühles willen,
das ihn trieb!

Auch dachte er
 - das sei hier nicht verschwiegen –
er wolle die zur Königin,
als Mitregentin seines Lebens,
die ihm solches Glück gebracht.
Damit sich jeder mit ihm freue
und Neid und Spott vergessen seien!

 

 

 

 

Gedacht! Getan!
Am Morgen war der Wall gebrochen,
geschleift die Feste bis zum Grund!
Wozu noch starker Mauern,
nachdem die Liebe ihn beschützte?

 

 


Das Mädchen,
als es vor ihm stand,
auf gleichem Grund
mit dem,
der sich ihr nun als König offenbarte
- schwieg!

Denn Schönheit,
- wenn auch selber kein Verdienst! -
verlangt sich immer einen Preis,
sucht jedenfalls die Anerkennung!
Niemals Spott!

Den aber würde sie
- wie der! -
durch den gewinnen,
war sie dem seine Königin!
Nach einem tiefen Knicks
lief sie daher von dannen.

 

 

 

 

 

Der König aber musste bleiben!
Und gaffend trat das Volk heran,
das auf die Kunde weither eilte,
der Riese werde sich ihm zeigen.
und war wie stets bereit,
- um ihrer Sehnsucht willen! -
dabei in Andacht vor ihn hinzufallen!

Doch plötzlich lachte einer,
gewillt,
den zu zerstören,
der seinem Wunsche nicht entsprach!
Ist die Enttäuschung doch oft ärgster Feind,
selbst dem,
der zur Hoffnung nichts getan!
Und viele stimmten darin ein,
erbost,
dass so ihr Traum zerborsten!
Sie richteten mit ausgestreckten Finger;
schlugen johlend auf die Schenkel
und lachten,
bis die Tränen flossen.

 

Das sollte dieser Riese sein?
Wie eben Kinder Eltern töten!

Bis immer mehr begriffen,
was sie taten,
nur um sich selber zu befreien
- und alle schwiegen wieder,
in bangem Wissen um die Macht,
die jener über alles hatte.
Weil er nur alle schweigend angesehen,
schlug so die Vorsicht einen Kreis um ihn!

Er jedoch stand sehr einsam in der Mitte.
Erschrocken,
was er hier gewagt! 
Entsetzt,
dass er sich solcher Marter unterzogen!
In Angst,
dies niemals mehr zu überwinden!

 

So musterter sich beider Seiten,
ängstliches Wägen
Für und Wider!

 

 

Auf ein Mal lachte dieser König!
Nicht zaghaft!
Nein!
Im Herzen frei!
Er nickte fröhlich in die Runde,
trat auf die Menschen zu
und sprach mit ihnen,
über sie,
ein Mensch,
- nicht nur ein König! -
der mit an ihren Sorgen trug.

 

 

Die Burg ward nie mehr aufgebaut!
Vom Herrscher wird berichtet,
wenn immer ihn mal einer traf,
so grüßte der von ganzem Herzen:
„Ein langes Leben, großer König!“

 

 

 

 

 

 

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