Der Wunsch

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

Über die Menschwerdung einer Weiblichkeit

 

 

 

Nur selten schwebte Lächeln über ihr Gesicht,
denn drängende Gedanken
formten ihr die Züge.

 

 

So hieß er sie,
vor ihn zu kommen!

 

Da saß sie nun.
Voll Zweifel,
ob sie die Wahrheit wagen dürfe.

 

Als er sie ermunterte,
brach es dann aus ihr heraus,
wie einsam sie als Nixe sei...!
Mehr Abbild fremder Wirklichkeit,
denn das Leben selbst...
Es gäbe sicherlich doch mehr!
Sie wolle tun,
im Leben!
Nicht zeitlos nur das Schöne sein!

 

 

Ihm war die Macht gegeben,
selbst Lebensziele umzustecken!
Er sah sie daher lange an,
der große Geist des Wassers
und es war klar,
hier hatte sich zwar eine Form gesprengt,
dass Neues sich erschaffe, 
doch es war offen,
wie das nun zu vollenden sei!
Hier saß vielmehr ein Nixlein,
- inmitten seiner Fragen! -
erhitzt,
weil es sich endlich ausgesprochen
und doch,
- ganz Teil von dieser Weiblichkeit! -
auch bedacht,
ihm schon den Weg zu zeigen,
den die Gedanken nehmen mögen,
- wobei es jedoch brav zu Boden blickte
und dann bescheiden zu ihm sagte:
„ Als Fisch hingegen, großer Geist ...“

 

 

Der Weise schmunzelte für sich.
Sieh an, das kecke Wesen!
Das meiste war nur Vorspiel.
Es ging um diesen einen, halben Satz!

 

 

Der große Geist des Wassers
ging Fragen immer redlich an.
War ihm doch aufgetragen,  
Leben Ziel zu weisen -
was aber nicht bedeutet,
auch den Weg,
der gradewegs zu diesem führt!

 

 

Natürlich war ihm wohl bewusst,
wie mutig dies Geschöpfchen war,
derlei von ihm zu wollen,
anstatt erduldend auszuleben,
was scheinbar ihm vorherbestimmt.
Nur durfte seine Anerkennung
nicht in falsche Schlüsse führen,
denn stets bleibt Wollen erster Schritt!
Nicht vorschnell galt es daher zu entscheiden!
Es sollte Antwort warten können,
wenn sich Vertrauen Rat erhofft!

 

Nach Tagen sprach der Geist zu ihr:
„Geh, kleine Nixe!
Ein Fisch mag Dich verwandeln!
Doch Dir sei auch bewusst:
Er nimmt Dir dabei Deinen Glanz
und auch die Schönheit wird Dich irgendwann verlassen!
Ein hoher Preis,
für ein nur kurzes Leben!“

 

 

Das Nixlein schauerte zusammen,
als friere seine Hoffnung
ihm die Zukunft ein;
spürte aber auch die Lockung
befreiend in sein Leben dringen!

 

 

Vom Geist ward wohl gemerkt,
was dieses Wesen jetzt durchwehte,
in hoffnungsfrohem Unverstand.
Das sorgte ihn auch wieder,
denn sich nur Fragen laut zu stellen,
heißt nicht schon,
ihre Antwort zu verstehen!
Und Ungestüm birgt weitere Gefahr!
Es galt daher,
hier Räume der Besinnung zu gewähren.

 

Er gab ihr deshalb weiter vor:
„Zuvor musst Du jedoch beweisen,
wie wichtig Dir dies wirklich ist!
Erst jener macht Dich daher frei,
den Du Dir selbst gewählt,
mit Deinen Händen selbst gefangen!

Verlange also nie:
Ihn will ich,
dort,
aus dieser großen Zahl der Vielen!
Nein!
Selbst musst Du den gewinnen,
der Dich befreien soll,
aus dem,
was jetzt Dein Leben ist!
Denn wärst Du dazu schon nicht fähig,
wird anderes erst recht missraten!

Ich darf Dich dann nicht gehen lassen!

 

 

Die Nixe schwamm von dannen,
wie benommen!
Erst hatte Hoffnung sie emporgehoben,
nun dieser tiefe Fall der Freude!
Sie sah sich nur bestraft
und somit nicht,
was wirklich ihr da zugedacht!
Wie meist,
wenn Rat
nicht in die hingestreckte Tasche fällt!

 

Es gab wirklich keine Lösung!
Denn wie sich Fische greifen,
die flink und glatt im Wasser jagen?

Und wenn sie wirklich einen greifen sollte
 - war er dann auch der ihre?

Selbst wenn derselbe gut gewählt?
Wie könnte sie ihn halten?
Weiß doch ein jeder,
dass Fische immer dann entgleiten,
wenn man sich ihrer sicher wähnt!

 

Als sie,
am Wasser,
plötzlich Fische anders sah,
da wurde ihr bewusst:
Mir kann das nie gelingen!

Außerdem!
Ein Fisch!
Jetzt zieht es mich,
um einer unbekannten Freiheit willen,
zu ihm hin,
in die Geselligkeit von Seinesgleichen,
scheinbare Sicherheit von großen Schwärmen!
Doch bin das nachher wirklich ich?

Ein Weiteres kommt noch hinzu!
Darf so was überhaupt gelingen?
Dem anderen die Freiheit nehmen,
um seine zu gewinnen?
Zweifel,
die der Antwort harrten!

 

 

 

Die Zeit verströmte daher wie das Wasser
und das Nixlein,
jetzt,
wo es das Schicksal selber wenden konnte,
saß tief verstört an dessen Ufern.
Ist es doch immer schwer,
sich selber zu bestimmen!

 

Bis die Erkenntnis in ihm reifte,
dass Glück wohl nie vorübertreibe!
Es will gefunden sein,
bevor es sich besitzen lässt!

 

 

Und so bedachte es erneut die Lage.
Ein Fisch!
Ein biegsam, starker Leib,
in schlüpfrigem Gewande!
Nur List verhilft da zum Gewinn!
Es war daher der Fisch zu fangen,
wie sie bei Menschen schon gesehen!
Die werfen einen Köder in das Wasser,
in dem ein Haken sich verbirgt!
Gewiss ein schlimmes Tun,
doch im Erfolg erprobt!

 

 

 

Doch halt!
Ihn selber mit den Händen fangen,
hatte es geheißen!

 

Nur war ihr solches niemals möglich!

 

Doch weiß die Weiblichkeit
sich meist zu helfen,
wenn sie ein Ziel im Auge hat!

Bald war sie jedenfalls gewiss,
dass selbst ein Haken nicht verboten,
da er doch nur Hilfe sei.
Den Fisch,
den würde sie danach
dem Geist mit ihren Händen reichen!

 

Doch wurde ihr auch die Gefahr bewusst,
die einem Haken eigen:
Ihn jenem aus dem Schlund zu holen...
Womöglich ihn verletzt zu haben,
nicht wissend,
ob er leben blieb!
Ist das Gewähr für neues Glück? 

Erschreckt warf sie den Plan beiseite!

 

 

Bis sie die alte Eule sah,
die reglos an der Zeit Unendlichkeit
für sich zu lauschen schien.

 

 

Das Nixlein zögerte!
Stand voller Demut vor der Eule,
die ihr auch schließlich einen Blick gewährte
doch danach wieder sich verschloss.

 

Getrieben von der Macht des Wollens,
fand sich das Nixlein dennoch Mut,
sich ihr zu offenbaren!

 

Die Eule klappte jäh ein Auge auf,
nach wohl bedachter Weile.
Kühl sagte sie danach herab:
„ Natürlich einen Köder, dummes Ding!
Mit Deinen zarten Händen?
Einen Fisch?
Den kannst Du niemals greifen!
Natürlich brauchst Du eine List!
Und die
hat immer einen Haken!

Doch sage mir zuvor:
Wie gut kennst Du die Fische?
Ich weiß,
Du hast fast ihren Leib,
doch denkst Du auch wie sie?
Was wirfst Du aus als Köder?
Denn eines musst Du wissen:
Was immer die Verlockung ist,
es muss was von Dir selber sein,
sonst findet Dich doch niemand wieder!
Doch die Gewitzten,
die fressen jeden Köder ab,
bis die Gefahr im Wasser blitzt!
Sie wollen nur genießen!
Dann sind sie wieder fort.“ 

 

 

Die Eule setzte eine Pause.
Schloß zunächst nur ihr Auge wieder,
bevor sie dann mit Strenge
aus beiden Augen auf sie sah.

„ Da sind dann noch die andern!
Die schlingen nur in sich hinein,
was ihnen kunstvoll angeboten
und sind so eine leichte Beute!
Doch willst Du einen,
der nur alles frisst,
weil es sich vor ihm bewegt?
Da fragst Du dich schon bald:
Wie konnte ich mich so betrügen?
Denn was an Süße zu Beginn,
ist all zu schnell Dir abgeleckt!

 

Verdränge also nicht,
ob Deines Wollens:
Auch Fische sind nicht alle gleich!
Willst Du es trotzdem wagen,
so prüfe Dich,
ob Du bereit,
nur irgendeinen Dir zu fangen
oder wirklich nur
den einen!

Gelingt es Dir,
bedacht zu wählen,
so wird Dein Glück zwar dauerhaft,
doch so was ist nur schwer erreicht!
Da findet anderes sich leichter!
Doch steht dem die Enttäuschung dann beiseite,
Dich durch die Jahre zu begleiten.“

 

 

Die Nixe nickte nur beklommen.
Was sie da hörte,
hieß,
selbst die Eule wusste keine Hilfe!
Erschreckte sie jedoch durch Wissen,
dass nun wohl viele an ihr naschen würden!
Doch selbst,
wenn sie auch das ertrug,
wuchs eben dadurch die Gefahr,
dass für den einen, 
dem wirklich ihr Bemühen galt,
dann nur ein leerer Haken blieb,
weil ihr die Köder ausgegangen!

 

Sie wusste eben nicht sehr viel
aus dieser fernen, fremden Welt!

 

 

 

Die Eule hatte viel gesprochen,
für den Tag
und wollte es dabei belassen!
Und doch
sie dauerte die kleine Nixe
mit ihren wunderschönen Träumen
und wie sie
plötzlich
still in sich verzagte.

Sie klappte wieder beide Augen auf!
Besah erneut das Elend unter sich,
die Torheit dieses schönen Wesens
und dachte still für sich:
Du würdest so viel lernen müssen,
dass es für manches dann zu spät!

 

 

In ihrem Mitleid mit der Kreatur.
Ließ sie sich daher auch herab,
sie nochmals anzusprechen:
„ Nimm als Haken jene Locke,
die zwischen Deine Augen greift!
Solch Zierlichkeit
schreckt Dir die plumpen Fresser
und die Gewitzten sind zu dumm,
um damit etwas anzufangen,
denn ohne die Gefahr,
dabei verletzt zu werden, 
gibt es für ihren Ruhm nichts zu gewinnen!

Doch damit nicht genug!
Die Locke führe an die Lippen,
damit sie Deine Seele trage!
Dann wirf sie in die Wasser!

Und es wird sein,
dass Deine Ehrlichkeit die andern achten!
Nur dieser eine bringt sie Dir
und wird Dich danach auch begleiten!
Denn dieser
will
gefangen sein!“
Nach diesen Worten flog sie fort.


Die Nixe tat,
wie ihr geheißen.

Ob sie darüber glücklich wurde?

 

 

 

 

überarbeitet: 21.1.09

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