Der Sieg

- Eine Kurzgeschichte -

 

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

 

Als sich die Türe schloss, erinnerte ihn die Freude des Jungen daran, dass sein Kind nun Ängste überwunden hatte.

 

Wie hatte er doch jahrelang gehofft, eines Tages gehe auch der Kleine mit. Irgendwohin! Doch immer hatte der nur abgelehnt. Wollte bleiben. Hier sei er zufrieden. Glücklich! Gebrauchte wirklich dieses Wort!

 

Wer durfte dafür böse sein? Dem einen elterlichen Anspruch auf Begleitung gegenüber stellen? Das schließlich war, was dieser Junge wollte! So ungewöhnlich es auch scheinen mochte und mit Vernunft zunächst nicht nachvollziehbar. Versäumte er so doch das Leben, das sich draußen ballte und ständig selbst bestätigt. Doch war das deshalb falsch? Der Kleine wusste davon nichts und wollte auch nichts wissen - von dem, das er versäumen könnte, wie andere stets für ihn meinten, um leeres Tun sich als das echte Lebens umzudeuten. Obwohl sich das in Wahrheit oft nicht selbst begriff, geschweige denn, verstehen konnte!

 

Dem hatte der sich stets verweigert, indem er nichts vermisse, wie er sagte. Er habe, was er brauche, wie er auf das Befragen seinem Vater schwor. Sei glücklich, wie es ist - so dass man ihn im Stillen nur beneiden konnte! War es doch die Beimpfung in der Kindheit, die ihn dieses Leben kostete, indem sie ihn in der Behinderung verschloss. Mit Aussicht, nie diesen Lebenskäfig zu verlassen! Für ihn gleichwohl kein Grund, so Enge jemals zu beklagen. Das schmerzt vielleicht auch nur, wer Weite einmal kennen lernte!

 

Damit traf es um so härter jene, die seiner statt nun dafür litten, dass sie die Impfeinwilligung gegeben. Obwohl sie das nicht besser wussten! Dennoch gaben sie ihr Leben für das Seine, indem sie alles taten, seines Leidens Bürde mitzutragen: Hilfloses Tun als Schuldbekenntnis, das scheinbar auf Erlösung hofft.

 

Und doch nicht ganz so selbstlos war, wie Oberflächlichkeit vermutet! Denn dieses war ein Geben, das auch Nehmen! Wovon der Kleine aber nichts verstand! Er nahm – sie gaben. Und doch ein wohl bedachter Tausch, denn auch Gefälligkeit hat ihren Preis. Wo so was übersehen wird, weiß es der Geber meistens anders einzufordern, denn Leistung sucht sich immer Anerkennung. Zur Not beschenkt der Geber sich auch selbst!

 

Der Kleine wusste nichts von solchem Tauschen! Er lebte seine Welt, die hielt, was er sich so von ihr erdacht mit seinem Wissen. Sie mochte anders sein, doch ihn erfüllte sie mit Glück.

 

So sah er zwar, was seine Umwelt für ihn tat, begriff wohl irgendwann den Anspruch, den sie ihm darauf gewährte, doch fehlte ihm dann wieder der Vergleich, den wahren Wert auch wirklich einzuschätzen. Ein Vorteil, der auch unvoreingenommen macht und jedenfalls nie vorzuwerfen! Er forderte durch bloße Existenz, bot damit anderen jedoch die Möglichkeit, für ihn sich viele Male zu bewähren. Und tat damit für jene, die er nutzte, oftmals mehr, als ohne ihn ihr Lebenssinn erwarten ließ!

 

So dass die Freude im Gesicht des Kleinen, nachdem der erstmals nun ein Stückchen Freiheit fand, auch wiederum beschämte. Ihn, dem sich damit auch ein Schmerz verband, dass seine Einsamkeit ein wenig näher an ihn rückte.

11.5.2012