Das letzte Treffen

- eine Kurzgeschichte -

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

 

 

Sie legte den Hörer zur Seite. Traurigkeit stieg in ihr auf. Aber einen Grund zu weinen, sah sie nicht. Es war vorhersehbar gewesen.

 

Sie waren auseinander gegangen, ohne sich wirklich verabschieden zu können. Dabei hätte sie das gern getan. Jetzt, wo dies nun Vergangenheit. Denn geliebt hatte sie ihn! Eben auf ihre Art. Die besondere Art! Von der sie glaubte, dass diese sie so auch nicht verletzen werde. Denn Lieben kann sehr schmerzen, fühlt es sich nicht erwidert. Und eben dessen war sie sich nicht sicher!

 

Er war immer etwas unnahbar gewesen. Männer sind da nun mal anders! Gewähren selten, was so wichtig! Das wusste sie von andern. Genügend Frauen hatten ihr das schon bestätigt! Vielleicht ja, weil die Männer selber nie verstanden.

 

Das mochte wohl so sein. Nie hatte sie darüber viel gedacht! Wozu auch? Sie war mit allem klar gekommen! So schwierig ist ein Leben in Gefühlen nicht. Zumal wenn sich die Angst dazuschleicht, vielleicht doch zu unterliegen und dadurch alles auf den Liebespunkt verknappt.

 

Und Vorbild? Wer? Ein Blick hinüber, in den Nachbargarten? Wie andere in ihrer Not es tun und leben, in der Zeit? Nicht weniger Verlogenheit! Dieselben Heimlichkeiten in den Dingen, dieselbe Angst, sich peinlich in der Schwäche selber vorzuführen und dadurch vorgeführt zu werden!

 

Gefühle hat man. Keine Frage! Schlimm für den, der nicht! Doch sollten sie beherrschbar bleiben. Droht sonst doch der Gesichtsverlust!

 

Wie anders hatte sie bestehen können? Wie sich Respekt gewinnen? Auch wenn der oft zum Selbstzweck wurde, war er doch auch ein Schutz, der die Gefühle sich umfriedet. Sie wäre anders längst verloren!

Ist es doch schwer, in Zwängen aufzuwachsen, wie sich, in ihrer Unvollkommenheit, früher mal die Mutter welche für sie setzte. Und keiner da, der helfen konnte! Denn einer Welt, der nur das Neue gilt, ist Altes ohne Wert und sucht sich Torheit daher selbst den Weg, um schließlich doch voranzukommen!

 

Das galt für ihre Mutter ebenso, wie für den Vater, den diese zu beherrschen suchte, wie alle andern gleichfalls taten! Und spät erst dämmerte ihr auf, dass der sich wiederum in Schweigen hüllte, weil er zu ratlos war, wie ihm geschah. Da hatte sie dann etwas Mitleid für den Mann empfunden.

 

Doch war das wirklich ihre Sache? Die Unerfahrenheit lehrte sich durch Tun, denn Alte, die da hätten raten können, gab es nicht in solchem Denken! Wer sollte solchen Anspruch schließlich dulden? Wie hatte sie doch einmal selbst hinausgeschrien; „Deine Scheiß Lebenserfahrung kotzt mich an!“ Das war dann so zwar nicht gemeint, doch schreckte es vor weiterer Bedrängnis mit Erfahrungen, die längst schon niemand mehr ein Maßstab waren. Beherrschten jene - überall zu sehen! doch nicht einmal die Technik! Wie also den Verstand? Denn wie kann Vorbild sein, das nicht genügend Wissen!

 

Das war so vieles von der Art und mit dem Reifen begriff sich solche Schwäche schließlich ohne Worte! Und übrig blieb ihr Einsamkeit, die nur von Sexualität mal unterbrochen wurde, dem schnellen Griff in Tiefen des Empfindens, die - entspannend über Leere täuschend – sich aber rasch erneut mit Ängsten davor füllte, zu viel in solchen Augenblicken von sich selbst zu geben.

 

Und wieder niemand da, der raten könnte oder wollte. Nur jene, die doch selbst nichts wussten, weil auch sie nur unbedachte Augenblicke in sich häuften, die vermeintlich Leben spiegeln und doch nichts sind, weil niemand war, sie redlich zu gewichten. So ging auch ihr sehr vieles früh verloren, das durchaus des Bewahrens wert gewesen.

 

Erst mit den Jahren hatte sie begriffen! Doch eine Lösung nie gefunden!

Und jetzt, wo alles so durchlaufen, kehrte Traurigkeit in sie zurück! Wie damals, als sie noch nichts wusste, sondern bangend in die Zukunft hoffte, was die wohl vom Erträumten bringe. Ihr könnte sie jetzt eine Antwort geben! Nur stellte sich das längst nicht mehr, denn Wirklichkeit bestimmte ihr jetzt das Geschehen. Nicht gut, nicht schlecht! Es war so, wie es war.

 

Doch konnte es denn wirklich anders sein? Das Schicksal gibt nur Karten aus. Die Regeln machen wir dann selber!

 

Und doch sind da auch Punkte, die der Seele Halt gebieten. Die Augenblicke, wo die Trennung naht und ein Verweilen fordert. Auch sie war daran angelangt und wusste nicht, was sich daraus ergeben werde.

 

Es ist nicht immer schwer, sich eine Trennung abzuschütteln. Gewöhnung ist die beste Schule! Das hatte sie schon oft erlebt. Im Großen wie im Kleinen!

Doch dieses hier war anders, wie sie spürte es und sah sich dieses Mal nun sehr allein in sich gelassen. Es war wohl so, wie man dem Tod vielleicht einmal begegnet! Nur dass diesen auch die Endlichkeit begleitet, die jedem dann auch Abschied ist!

 

Dies war so aber nicht und bot daher auch keinen Raum für solche Trauer. Denn niemand war gestorben! Da konnte der Verstand sich also wieder an die Oberfläche drängen und Beherrschung sich die Seele fassen, um die Gefühle wieder für sie einzuordnen. Die Logik gab das schließlich vor!

 

Nur war das diesmal wirklich anders!. Was sie so auch empfand. Denn jähe Einsamkeit schob die Beherrschung sacht zur Seite und wies bestimmend darauf hin, dass der hier jener war, den sie für sich gewinnen wollte. Es aber so dann nie vollbringen konnte! Weil er, wie sie in sich gekauert, wohl sprachlos gleichfalls darauf hoffte, sie finde noch die Worte, die man braucht. Doch kann so Hilfe niemals kommen, weil niemand spricht, der nicht zu reden lernte!

 

Darüber war die Zeit dafür vergangen und ließ sie nunmehr beide hinter sich! Er wusste davon wohl auch nichts und würde das auch nie vermissen! Denn letztes Mal, als sie bei ihm gewesen, sah er sie und durch sie durch! In seiner Mimik keinerlei Erkennen!

 

Sie legte den Hörer zu Seite. Es war gefährlich, ihn noch mal zu sehen. Es würde ihr die Seele sprengen.

23.5.2012