Die Bürgeranhörung der Martha J.

 

Kammerspiel in 4 Akten

von
Wolf-Alexander Melhorn

 

2. Akt

 

 

 

 

 

 

  1. AKT

1.Szene 

(MARTHA  und ERIKA, in derselben Stellung wie vorhin ): ( Es klopft ) (KURT  tritt ein )

 

KURT ( munter ): Dauerte ein bisschen …

( er legt die Schachtel mit der Folie auf den Tisch. Dazu zwei Packungen Gebäck. Danach zieht er umständlich sein Jacke wieder aus)  ( deutet auf das Gebäck, dabei zu ERIKA )

Meine eiserne Reserve, Frau Hänel…. – Ist Ihnen vielleicht lieber, als der Kuchen…

 

ERIKA (förmlich ): Sehr freundlich, Herr Michelsen... Danke … - Doch ich habe ohnehin genug …

 

KURT ( nickt nur freundlich, dann aufgeregt zu MARTHA): Stell’ Dir vor… - Vetter Ludwig ruft mich eben an… – Einfach so! – Nach gut 8 Jahren ... -  Geht jetzt in Rente…

( er bemerkt die eisige Stimmung, stutzt )

 

MARTHA ( bemüht ): Das ist ja schön, mit Ludwig…. – Und … Dank Dir für das Salzgebäck… – (bitter ) Ich dachte schon, Du kommst nicht mehr…

(KURT sieht sie überrascht an )( MARTHA plötzlich aufgeregt )

Ich ahnte es, Kurt! - Schon als sie alleine kam! - Das Spital…! – Auch Hubert kommt noch!

( KURT fühlt sich etwas unbehaglich )(MARTHA daraufhin aufgeregt )

Lass’ Du mich jetzt nicht auch im Stich?

 

KURT ( fasst sich; blickt  aufmunternd die beiden Frauen an): Sprechen wir doch mal in Ruhe über das Spital...

 

MARTHA ( müde ): In  d e r   ‚Familie’ hackt man aufeinander rum, bis irgendwer zu Boden geht. – ‚Klartext’ reden...

 

ERIKA  ( peinlich berührt ): Mutter! Du stellst uns wieder hin…

 

MARTHA ( sieht dabei zum Fenster hinaus, bitter ): War es jemals anders, Erika?

( bleibt so sitzen, als wolle sie jetzt nichts mehr sagen )

 

KURT ( drückt ihre Hand): Auf, Martha…! – Erst mal trinken wir noch einen Kaffee … - ( bemüht ) Ich hätte außerdem noch gerne ein Stückchen Kuchen…

( als sich MARTHA und ERIKA nicht rühren, nimmt er sich erst selbst ein Stück und bietet danach mit auffordernden Gesten an. Die Spannung löst sich. Beide lassen sich vorlegen. MARTHA gießt den Kaffee ein. )( KURT freundlich zu ERIKA )

Wissen Sie, Frau Hänel… -  Für uns hier ist es eine schlimme Sache, das Spital zu räumen. – Da sind die Damen und Herren vom Stadtrat sicher falsch beraten. - Keiner, den ich kenne, will hier raus… - Egal, was in der Zeitung so geschrieben wird …

 

ERIKA ( kühl ): Die Umwidmung des Spitals dient dem Wohl der alten Menschen, Herr Michelsen … - Die sollten l viel mehr Luft und Sonne haben, als hier, im Zentrum uns’rer Stadt…

 

KURT ( freundlich ): Warum fragt denn nicht mal einer nach, wie wir das sehen? - Ob wir so nicht zufrieden sind?

 

MARTHA ( gereizt ): ‚ Licht und Sonne’ … - Das Geschwätz des Oberbürgermeisters. – In das Gebäude soll das neue Rathaus rein! D e s h a l b  schmeißen die uns  raus! Damit wieder Millionen an Landeszuschüssen verbaut werden können...

 

ERIKA  ( böse, zu KURT ): Typisch meine Mutter! - Nie bleibt sie sachlich …

 

MARTHA ( scharf ): Wenn ihr nur selber sachlich wärt! –  Statt dessen singen der OB und Landrat Haller mit uns blöden Alten Weihnachtslieder! -  Damit wir ruhig halten, weil die 'gute' Menschen sind.

 

ERIKA ( spitz zu KURT): Sehen Sie? - Bei ihr wird jede nette Geste gleich zur bösen Tat. - (zu MARTHA, fest) Du weißt genau…! - Als Altenheim ist das Gebäude nicht zu halten, mit der maroden Bausubstanz…

 

MARTHA  ( kühl ): D i e   Sprüche heb’ Dir auf für die Partei …

 

ERIKA ( beharrend ):  Nein, Mutter! – Das sind Tatsachen! – ( nachdrücklich ) Die Kosten der Sanierung kann die Stiftung nicht mehr selber tragen!  – Das schafft nur noch die Stadt, als neue Eigentümerin …

 

MARTHA ( winkt ab ): Die Stiftung ist doch im Besitz des Landes. - Folglich wäre Geld genug vorhanden, wenn man wollte…!  - Euch gibt das Land ja auch Millionen, für den Umbau …

 

ERIKA ( trotzig ): Aber Zuschuss gibt es nun mal nur für einen Umbau in das neue Rathaus, Mutter…

 

KURT (trocken ): Vor knapp zehn Jahren haben sie das Spital erst  saniert und die Festschrift spricht von inem ( betont ) 'sanierten Altenheim mit gehobenem Standard’!  – Wie kann so was plötzlich baufällig sein? -  Tippeln doch nur wir paar Alten durch die Gänge …

 

ERIKA  ( kühl ): Das sagen nun mal die Experten, Herr Michelsen.

 

KURT ( ruhig ): Mit Farbe wär' da viel zu machenl …- Sie würden das Spital nicht mehr erkennen!

 

ERIKA ( gereizt ): Und die sanitären Anlagen …?

 

MARTHA ( fest ) : Die sind nicht schlecht, Erika! - Da hat Herr Maier völlig recht! – Selbst der Einbau eines großen Badezimmers wäre kein Problem!

ERIKA( wütend ): Dein Maier versteht als Heilpraktiker ja ganz besonders viel von solchen Sachen.

MARTHA: Da genügt gesunder Menschenverstand, Erika! - Den aber sprecht ihr ja uns Bürger ab! - Was ist das mit dem Zuschuss, den man für die Renovierung nicht bekommen würde? - Euer Landrat müsste nur den Antrag stellen. Dann gäbe es das Geld vom Land! – Und genau das tut er nicht! – Sonst wäre er geträumt… der Traum vom neuen Rathaus für Millionen… 

KURT ( nickt nachdrücklich ): Warum macht man keine Kostenschätzung, für die Sanierung des Spitals? Stellt keinen Antrag für die Gelder…– Die Bürger sollen nicht erfahren, wie hoch die Mittel wären, die es dafür gäbe …- Wir hören imer nur, wie viel Millionen es für einen Umbau gibt. - Von der Sanierung, da erfährt man nichts. 

MARTHA ( bekräftigend zu KURT ) ) : Und der Landtagsvizepräsident  …? - ( zu ERIKA ) Das weißt Du auch, Erika…! - Der hat erst kürzlich nochmals klar gestellt, es gäbe selbstverständlich Gelder für’ die Sanierung des Spitals!

ERIKA ( kühl ): Ihr seid auf Euren Maier reingefallen, mit seiner Volksverdummung...

MARTHA ( mit Genugtuung ):  Ihr kriegt die Quittung kriegen, bei der Wahl…

 ERIKA ( überlegen ): Ist das Rathaus fertig, weint dem Altenheim hier keiner nach …! -  Das ist sicher, Mutter … - Und die Wahl ? – ( winkt ab ) Die Menschen wissen, was für eine gute Politik wir …seit Jahrzehnten… für diese Stadt betreiben!  

 KURT ( abweisend ): Dem Dr. Schmidt … dem nehmen das die Leute übel!

 ERIKA  ( gelassen ): Bei der nächsten OB-Wahl, Herr Michelsen, findet sich nicht mal ein Gegenkandidat!
( fest ) Da
s bleibt dabei … - Das Altenheim kommt weg!

(PAUSE )

KURT ( beharrlich ): Ich wüsste trotzdem gerne noch, Frau Hänel …  -  Wenn das Gebäude keine Mängel hätte…– Würde die Rochade platzen?

 ERIKA ( schweugt, dann unwirsch ): Es hat keinen Sinn! - Lass und aufhören, Mutter ! - Da könnt ihr sagen, was ihr wollt: Die 'Große Rochade' ist nur gut für uns're Stadt.

MARTHA ( aufgebracht ): Große Rochade! – Ich kann Wort schon nicht mehr hören! - Aus unserm Heim …für zig Millionen… jetzt ein Rathaus machen … -  Und ins alte Rathaus, kaum zehn Meter weiter, dann ein Kaufhaus … - Obwohl es hundert Meter weiter jetzt schon eines gibt, das ums Überleben kämpft! - (eindringlich ) In einer Stadt mit 22 000 Einwohnern, Erika…!

 

ERIKA ( kühl ): Du weißt genau, wir stoppen mit dem neuen Kaufhaus den Kaufkraftabfluss aus der Stadt…. - Das Regierungspräsidium hat es uns bestätigt!

 

MARTHA ( winkt ab ):   Bei denen kommt doch unten immer raus, was oben … von der Politik … ihm eingegeben wurde…- Der alte Einzelhandel geht am Stock,...

ERIKA ( kühl ):  Das ist doch längst geprüft

 

MARTHA ( aufgeregt ): Du meinst den Medienzirkus mit der Baumarketinggesellschaft ? - Alles abgesprochen. - Die wurden doch dafür bezahlt, vom Steuerzahler, dass sie den politisch Dummen so was sagen.

 

ERIKA ( gereizt) : Also … wenn man Dich so hört, Mutter, wohnen … außer euch … in dieser Stadt nur lauter Deppen…!

 

MARTHA ( spitz ) :Davon seid doch ihr wohl am meisten überzeugt! -  Wollt ihr mich deshalb demnächst unter Betreuung stellen? Damit ich Euch nicht länger schaden kann?

 

ERIKA ( mühsam beherrscht ): Das ist niveaulos, Mutter! -  Wie der Maier…

 

MARTHA ( fest ): Niveaulos…?  -  Hier wird zerstört, um sich am Wiederaufbau zu bereichern! – Das nenne ich Kultur- und Sozialvandalismus, Erika! Und d a s halte ich für niveaulos…!

 

KURT ( nachdrücklich ): Der die Stadt zudem Millionen kostet…! -  Und das bei ihren Schulden…!

 

ERIKA ( verärgert ):Kleinkariert…!

 

MARTHA ( kämpferisch ): Kleinkariert…?  – Allein der Abriss des alten Rathauses und der Umbau des Spitals sind nach eurerSchätzung!17 Millionen... – Dafür bauen andere  z w e i   Rathäuser, Erika … in Städten uns’rer Größe!.

 

KURT ( einwerfend ) : Und als Ersatz für unser Heim nochmals fünfzehn für die 46 neuen Pflegeplätze in dem Schönbornhaus...,

 

MARTHA ( zu KURT ) : Und nochmals 2 Millionen für zwölf neue Altenwohnungen! … Nach euren Zahlen ( zu ERIKA )  zusammen vierunddreißig Millionen, Erika! – Um alten Wein in neue Schläuche umzufüllen...! - Ihr plündert doch die Steuerzahler aus, ihr Edeldemokraten!

 

ERIKA ( gereizt ): Das sind doch Milchmädchenrechnung…!

 

KURT( schüttelt den Kopf, fest ):  Nein! – Fehlen immer noch die Altenplätze, die jetzt hier vernichtet werden sollen, als gäbe es in Zukunft keine Alten mehr !-  Das wären weitere Millionen …

 

ERIKA ( aufgebracht ):   Der Landeswohlfahrtsverband hat dem Kreis einen Überhang an Altenplätzen doch erst bestätigt.

 

MARTHA  ( trocken ) : Bewirb Dich mal um einen…!   – Für manche Heime wartest Du fünf Jahre…!

 

KURT ( erregt ): Überall wird neu gebaut! – Von wegen Überhang, Frau Hänel! -  Beim Samariterstift …! - Achtundzwanzig neue Altenplätze…!

 

MARTHA ( spöttisch zu KURT ): Lass, Kurt! - Wir sind zu alt, um so was zu verstehen…!

(PAUSE )

ERIKA ( beruhigt sich, dann sachlich ): Jeder von Euch bekommt doch einen neuen Platz! – Ihr könnt ihn sogar selber wählen…

 

MARTHA ( kühl ): Manche wohnen aber seit Jahrzehnten hier…! -  Und wollen bleiben! - Dafür kämpft doch auch Herr Maier! - Warum haben denn so viele unterschrieben? - Beim  Bürgerbegehren… 

 

KURT ( nickt nachhaltig ): Endlich steht mal einer auf, Frau Hänel… - Gegen diese Clique…!

( PAUSE ) ( ERIKA schweigt trotzig )

ERIKA (entschieden ); Euer Maier ist ein Querulant! – Einer, der nicht Recht hat und  d e s h a l b  auch nie Recht bekommt… - Doch beides nicht begreifen kann l…!

 

MARTHA ( nickt, böse ) : Wer sich nichts gefallen lässt, der ist bei uns ganz schnell ein Querulant und Prozessierer! – Dem kommt ihr dann mit Rufmord!

( PAUSE )

ERIKA ( kühl ): Es ist für uns, Deine Familie, Mutter, peinlich, wenn Dritte Dich vor uns damit entschuldigen, Du seiest eben alt geworden …- Und offenbar auch eigensinnig...

 

MARTHA  ( wütend):  Sag' ich's doch: Ihr bringt mich unter Betreuung, um mich angeblich vor mir selbst zu schützen! - Fehlt nur noch der Begriff ‚Sachzwänge’, Erika, den ihr so gern missbraucht,.. - ( fest ) Was ihr hier macht ... mit uns Alten und Herrn Maier, Erika… - Ich nenne das im Klartext eine Sauerei!

 

KURT ( aufgeregt ): Finden Sie das wirklich richtig, Frau Hänel, dass wir schon wieder so weit sind, mit solchen Mitteln Politik zu machen…?

 

ERIKA ( geringschätzig  ): Bei allem Respekt, Herr Michelsen .... Sie reden auch nur aus dem Bauch !  - (gehässig ) Und Dein Maier, Mutter …! - Der sollte lieber seine vielen Kinder hüten … Es wäre nicht das erste Mal, so einen klein zu kriegen …

 

MARTHA ( kühl ) : Durch Rufmord, meinst Du ? -  Darin habt ihr Übung! – Ja, ich weiß!. 

(ERIKA schweigt trotzig )

Mich wollt ihr sicher auch erpressen…! Oder?

 

ERIKA ( aufgebracht :  Niemand redet hier von Dir, Mutter… - Dieser Maier, dieser Schwätzer…!  - Ein übler Wichtigtuer, der für sich seine Praxis wichtig macht, indem er täglich in der Zeitung steht… - Der Kerl missbraucht euch doch!

 

( Es klopft ) ( ERIKA erleichtert )

 Das wird Hubert sein…

 

 

  

GROßE PAUSE

 

 

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