Missbrauch, Manipulierbarkeit und Versagen von Kommunalparlamentarismus
Die Notwendigkeit von mehr direkter Bürgerbeteiligung
durch vereinfachten Bürgerentscheid

Zeitungsausschnitt 238 zum Leitartikel: "Manipulierbarer Kommunalparlamentarismus"

Die bleibende Aktualität dieses Bürgerbegehrens von 1986 ergibt sich aus dem heute offensichtlichen Gegensatz von Versprechen und Wirklichkeit. Die "Große Rochade" in Ellwangen beweist die Schwäche der gegebenen Demokratieregeln! Unbeirrbar manipulierten Wenige eine Stadt, 'verpulverten' letztlich unsinnig viele Millionen Mark an Steuergeldern und dies in Wahrheit nur, um zum Schaden der Ellwanger Innenstadt auf 'der grünen Wiese' ein Kaufhaus mit 24 000 Quadratmetern Verkaufsfläche möglich zu machen, das zur damaligen Zeit eigentlich nicht mehr genehmigt werden durfte.

Zurück zum Leitartikel "Manipulierbarer Kommunalparlamentarismus"
Zurück zum "Chronologischen Verzeichnis der Zeitungsausschnitte"

 

 

SEITE 17
KREISUMSCHAU

Volle Bestätigung für die Pläne der Stadt

Strukturuntersuchung stimmt der Ansiedlung eines

Warenhauses im Rathaus - Komplex grundsätzlich zu

ELLWANGEN (jm). Bis auf den letzten Platz besetzt war am Dienstagabend der Saal im „Roten Ochsen", als auf Einladung des Gewerbe‑ und Handelsvereins die Markt- und Strukturuntersuchung über Ellwangen von der Firma Econ‑Consult Köln erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Als Kernaussage des 40000 DM teuren Gutachtens ist die Feststellung der Kölner Fachleute anzusehen: „Den Überlegungen der Stadt Ellwangen sowie des örtlichen Einzelhandels zur Ansiedlung eines Warenhauses im Rathaus‑Komplex ist grundsätzlich zuzustimmen." Favorisiert wird die Umsetzung des WOHA‑Hauses (Kaufring) an den neuen Standort.

Für den Handels‑ und Gewerbeverein begrüßte Eberhard Veit die Vertreter der Stadtverwaltung, die Stadträte und die zahlreichen Vereinsmitglieder. Als Erstatter der am 1. Oktober 1986 in Auftrag gegebenen Strukturuntersuchung stellte er Frau Dr. Gisela Eickelberg und Dip1. Ing. Peter U. Berger vor. Vom Einzelhandelsverband wurde Bernd Grißmer, Unternehmensberater aus Stuttgart, begrüßt.

Als Entscheidungshilfe für Stadt und Einzelhandel sei das Gutachten gedacht, begann Dr. Eickelberg ihre Ausführungen über die ökonomischen Strukturen. Ergebnisse und Erkenntnisse des Gutachtens wurden durch Auswertung der Fragebogen der Geschäftsleute und durch Befragung der Kunden und Passanten gewonnen.

 

Bereich mit 41 000 Menschen

Ausgegangen wird von einem Verflechtungsbereich ‑ Stadt und Umland Ellwangens ‑ mit rund 41 500 Menschen. Die Stadt selbst hat derzeit 21 412 Einwohner. Hiervon entfallen auf die Kernstadt 54,2 Prozent, auf die Stadtteile Pfahlheim 6,6 Prozent, Rindelbach 12,7 Prozent, Röhlingen 14,9 Prozent und Schrezheim 11,6 Prozent. Die Bevölkerungsentwicklung ist leicht rückläufig. Mit Umsatzsteigerungen aufgrund erhöhter Bevölkerungszahlen kann, so stellt die Untersuchung fest, nicht gerechnet werden.

Die Ellwanger Bevölkerung nimmt die kurzfristige Bedarfsdeckung vornehmlich am Ort vor, die mittelfristige und langfristige wird sowohl in Ellwangen als auch in Aalen getätigt. Als konkurrierender Einkaufsort, so ermittelte die Untersuchung, spielt Aalen für Ellwangen eine überragende Rolle. Das Umland orientiert sich bei der mittel‑ und langfristigen Bedarfsdeckung vornehmlich auf Ellwangen, wobei allerdings auch Aalen eine große Rolle zukommt. In der Höhe von Jagstzell macht sich Crailsheim als konkurrierender Einkaufsort bemerkbar.

 

Hohes Lob für Einzelhandel

Die Verbraucher zollen dem Ellwanger Einzelhandel ein hohes Lob hinsichtlich der Aufmachung der Geschäfte, der Freundlichkeit der Bedienung und dem Kundendienst. Kritisiert wird allerdings die Auswahl in den Geschäften sowie das Preisniveau. Der örtliche Einzelhandel sollte deshalb, so empfiehlt das Gutachten, die Vorteile weiter ausbauen, die sich aus einer individuellen Beratung und Bedienung ergeben. Der Facheinzelhandel hat hier ein großes Plus gegenüber den anonymen Verbrauchermärkten und SB‑Warenhäusern. „Der Verbraucher lässt sich in den Fachgeschäften sehr gern verwöhnen", merken die Kölner Experten an.

 

Viel zu wenig Parkplätze

Die Kunden aus dem Umlandbereich kommen zu rund 80 Prozent mit dem Pkw nach Ellwangen, hat die Umfrage festgestellt. Im Stadtgebiet sind es immerhin 73 Prozent, die mit dem Auto in die Innenstadt fahren.

Dieser sehr hohe Pkw‑Anteil muß die Verwaltung veranlassen, das Parkflächenangebot einer Prüfung zu unterziehen. Beide Auffangparkplätze, der Schießwasen und der Obere Brüht, sind zu weit entfernt. Dem Kunden darf erfahrungsgemäß nicht mehr als 200 bis 250 Meter Fußweg zugemutet werden.

Kritisiert wurde in der Umfrage auch das öffentliche Liniennetz, das „überwiegend negativ" beurteilt wurde.

Die Mehrzahl der Verbraucher sprach sich für eine Fußgängerzone ohne Durchfahrtsmöglichkeit aus. Die Gewerbetreibenden befürworteten überwiegend einen verkehrsberuhigten Bereich mit Durchfahrtserlaubnis. „Im Trend der Zeit rangiert gegenwärtig die Verkehrsberuhigung vor der Schaffung reiner Fußgängerzonen", informierte das Gutachten.

 

Vorsicht an der Peripherie

Der „Branchen‑Mix" unter Ellwangens 155 Einzelhandelsbetrieben ist ausgewogen, stellt die Untersuchung fest. Viele Fachgeschäfte verfügen über ausgeprägte Sortimente, die keinesfalls für ein Mittelzentrum selbstverständlich sind. Es sollte in Zukunft dafür Sorge getragen werden, so empfehlen die Gutachter, mit Ansiedlungen von großflächigen Fachmärkten an der Peripherie Ellwangens vorsichtig zu sein und „gründlichst zu untersuchen'.

 

25 Prozent Kaufkraftabfuß

Vom Einzelhandel Ellwangen wurde 1985 ein Umsatz getätigt von 147,4 Millionen DM. Dem Umsatz stand eine Kaufkraft gegenüber von 151,1 Millionen DM. Daraus errechneten die Gutachter einen Kaufkraftabfluß von 37,4 Millionen, dem ein Kaufkraftzufluß von 33,7 Millionen gegenüber steht. Mit 37,4 Millionen beträgt der Abfluß rund 25 Prozent, das heißt, es werden 7 5 Prozent der örtlichen Kaufkraft in der Stadt Ellwangen gebunden. Mit 33,7 Millionen werden 22,9 Prozent der Umsätze durch Kunden aus dem Umlandbereich getätigt. Für die Zukunft prognostiziert das Kölner Unternehmen Umsatzzuwachs zwischen einem und zwei Prozent.

 

Kaufring wird favorisiert

Einerseits haben Warenhäuser nach Aussage des Gutachtens ihre Anziehungskraft teilweise eingebüßt. Andererseits wird aber im Fall Ellwangen doch ein Kaufhaus empfohlen, „das bei entsprechender architektonischer Gestaltung nicht nur eine hohe Eigenattraktivität entfalten, sondern zugleich dazu beitragen kann, daß sich die Besucherfrequenz für den innerstädtischen Einzelhandel insgesamt erhöht".

Nachdem die vier klassischen Warenhauskonzerne Karstadt, Kaufhof, Hertie und Horten bis zur Jahrhundertwende keine Investitionen an neuen Standorten mehr vornehmen, bleiben laut Gutachten für Ellwangen folgende drei Alternativen:

-  Umsetzung des WOHA‑Hauses (Kaufring) an den neuen Standort (Rathaus‑Komplex) unter Aufgabe der gegenwärtig genutzten Verkaufsflächen,

• Ansatz eines Woolworth‑Hauses,

• Ansatz eines SB‑Warenhauses.

Bei Alternativen II und III raten die Econ­- Consult‑Leute ab, weil Typ und Angebot   dieser Häuser für Ellwangen nicht geeignet seien. Die erste Alternative wird favorisiert, weil sie nach Ansicht der Gutachter die gegenwärtig optimale Lösung darstellt, das hochsensible Fachgeschäftsangebot von hohem Genre zu erweitern und zu ergänzen.

 

Westtangente und Südring

  In seinen stadtstrukturellen Aspekten sprach sich Dipl.‑Ing. Berger voll für den künftigen Nutzen der Westtangente aus. Die momentan 18000 Pkw‑Einheiten in 24 Stunden würden dadurch halbiert. Die L 1060 bringt nach seiner Ansicht immer noch zu viel Verkehr in die Innenstadt. Langfristig forderte er den Südring.

Nicht Auffangparkplätze wie Schießwasen und Oberer Brühl, sondern integrierte Lösungen empfahl er. Dafür nannte er die Schaffung von Parkmöglichkeiten in den Straßen An der Mauer, Schöner Graben, Aalener Straße, Sebastiansgraben und Mühlgraben. In Dias zeigte Berger eine Fülle von Gestaltungsmöglichkeiten für den Verkehr und Einzelhandelsgeschäfte (Fassaden, Schaufenster und Eingangsbereiche) auf.

 

Kritik in der Diskussion

Bis gegen Mitternacht zog sich die Diskussion hin, an der sich Stadtverwaltung, Stadträte, Geschäftsleute und Unternehmensberater Grißmer rege beteiligten. Kritik wurde zunächst an den „etwas dünnen Kaufhausalternativen" geübt. Die Verödung der Innenstadt wurde angesprochen, wenn es nicht gelänge, für mehr Wohnraum zu sorgen. Flexiblere Ladenöffnungszeiten wurden gewünscht, was allerdings bei den Betriebsinhabern und den Arbeitnehmern auf einhellige Ablehnung stieß.

Probleme schafft die Frage der Andienung des neuen Kaufhauses durch die Lieferanten, die kaum eine Anfahrtsmöglichkeit haben. Eine Stichstraße von der Marienstraße aus wurde vorgeschlagen. Einzelhändler äußerten Bedenken wegen der zu befürchtenden Umsatzverteilung. Auch die Prognose von Dr. Eickelberg, das Kaufhaus könne fünf Prozent Kaufkraftrückgewinnung bringen, wurde in Zweifel gezogen. Dagegen wurde der Vorschlag, einen Arbeitskreis für künftige Gespräche mit der Stadtverwaltung zu bilden, positiv aufgenommen.