Anlage 8 zu: Herzinfarkt : 'Der Strophanthin ( = Ouabain ) - Report'


Der Strophanthin-Report ist eine Zusammenfassung von 120 Jahren Forschung über das bedeutsamste und stärkste Herzmitel gegen den Herzinfarkt. Allein in der BRD würden jährlich rund 400 000 Infarkte und mehrere zehntausend Infarkttote vermieden, würden Kranke konsequent mit Strophanthin behandelt. Aber Großpharmaindustrie, Medizintechnik und professorale Meinungmacher haben es verstanden, die Durchsetzung dieses Wissens so zu bekämpfen, dass es 'auszusterben' droht. Siehe hierzu auch den Artikel ' Irrlehren von Herzinfarkt und Schlaganfall' - http://www.melhorn.de/Herzinfarkt/Herzinfarkt/index.htm. Der Strophanthin-Report soll diese Fehlentwicklung korrigieren und vor allem dem Kranken lebenswichtige Hinweise geben.

 

Zum Inhaltsverzeichnis von ' Herzinfarkt : 'Der Strophanthin ( = Ouabain ) - Report' - http://www.melhorn.de/Strophanthin/index.htm
Zum Artikelverzeichnis www.herzinfarkt-news.de - http://www.herzinfarkt-news.de
Zum Gesamtverzeichnis aller Artikel
-http://www.melhorn.de/about/index3.htm

 

 

 

 

 

Auszug aus:

Der Myokard-Infarkt

Seine myokardiale Pathogenese und Prophylaxe,
dargestellt am Grundriß der Linksmyokardiologie

 

Von Dr. med. Berthold Kern

 

9 Abbildungen Buch

Report des Arbeitskreises zur Infarktprophylaxe

3.Auflage 1974

 

Anhang: B. Kern: Drei Wege zum Herzinfarkt 1971
W. Rothmund: Kurzfibel der Kardiologischen Praxis, 1973
H. H. Schöffler: Wissenschaftskrise Herzinfarkt, 1973

 

Karl F. Haug Verlag -Heidelberg

 

 

Kapitel 13 E, Seiten 156 - 162:

 

E. Die klassische hochschulklinische Infarkt-Prophylaxe
mit Strophanthin

Einen ersten Höhepunkt in der Nutzung der Strophanthin-Sonderqualitäten bildete dann die großartige Prophylaxe des Herzinfarkts (und seiner dyskardiebildenden Voraussetzungen) mit Strophanthin durch EDENS.

 

a) Ihre Entstehung

Erste Anregungen und Vorkenntnisse hierzu hatte EDENS schon aus seinen klinischen Studienjahren ab 1896 empfangen, in denen die damalige Klinik (z. B. STRÜMPELL, Kap. 13 D d) Herzkranken mit Stenokardien und Infarkten vorzugsweise oder nur Strophanthin gab, nicht Digitalis, die dabei so oft nur schadet. Aber in welchem Ausmaß dies für Infarkte und Angina pectoris nutzbar ist, erfuhr EDENs erst durch Zufall in seiner Ebenhausener Zeit 1928. Und es kennzeichnet seine ärztliche Größe, dass er diese empirische Entdeckung dann zu einer Großtat der Inneren Medizin ausbaute, obwohl sie nach damaligen Lehrmeinungen unverständlich war, ja als falsch und schädlich "verboten" wurde (z. B. vom Wiener Kliniker LAUDA). Die geistige Unabhängigkeit hierzu verdankte EDENS auch seiner früheren Tätigkeit als unabhängiger freipraktizierender Arzt, dann Sanatoriumsleiter: auf die Nutzung empirischer Erfolgsmöglichkeiten angewiesen, selbst wenn Theorien zu ihrer Deutung noch versagen, und nach eigenem Wort "verpflichtet, mehr Ehrfurcht vor dem Leben als vor den Lehren zu haben". Auch seine Zuwendung gerade zu diesem Gebiet (d. h. der Linksmyokardiologie), dem Hauptgebiet der außerklinischen Kardiologie, zu dem Nur-Kliniker so wenig Zugang finden können, hatte EDENS aus seiner Praktikerzeit mitgebracht.

1931 Hochschulkliniker geworden, konnte EDENS mit seiner Schule (ZIMMERMANN, WAGENFELD, PLÜGGE, BIRK, BREMER u. a. in Düsseldorf, Nauheim usw.) dann in zahlreichen Publikationen über diese "lehrwidrigen" Erfolge an die Öffentlichkeit treten; erstmals sogleich 1931 auf dem Wiesbadener Internistenkongreß.

Im Folgenden sind die Ergebnisse von EDENS und seiner Schule als einheitliches Ganzes referiert, obwohl in verschiedenen Jahren von verschiedenen Autoren publiziert. Unterschieden wird dabei, gemäß methodologischen Grundregeln, zwischen den Fakten selbst, die wie alle Fakten einer Bezweiflung oder gar "Widerlegung" nicht fähig sind; den Konsequenzen daraus, die als Explikation der implicite in den Fakten liegenden Zusammenhänge den gleichen Faktizitätsrang haben, mithin ebenso unwiderleglich sind; und Deutungsversuchen, die menschlichem Irren unterworfen sind und auch hier weithin irrtümlich waren.

 

b) Die Fakten

Das Krankengut bestand größtenteils aus linksherzüberlasteten Hypertonikern mit deutlicher Minderung der kardialen Leistungsfähigkeit, die EDENS selbst als "Herzinsuffizienz" bezeichnete, obwohl sie nicht "der" damaligen Insuffizienz "des" Herzens (d. h. der Rechtsinsuffizienz) mit Ödemen, Zyanose, Leberstauung, Tachykardie usw. angehörte. Die Kranken litten sämtlich an stärkeren Dyskardien: "fast täglichen" Stenokardien, Angina-pectoris-Anfällen usw. "schon bei kleinsten Leistungen", und etwa ein Drittel von ihnen hatte schon ein- oder mehrmals klinisch gesicherte Linksherzinfarkte erlitten. Durchweg waren diese Herzpatienten schwer- oder schwerstkrank und schon lange berufs-

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unfähig, viele hatten deswegen bereits auch ohne Infarkt klinische Behandlungen hinter sich, doch stets ohne Strophanthin, stets ohne Erfolg. Auch alle ambulante Nicht-Strophanthin-Therapie mit Sedativa, Koronardilatantien, Opiaten, Digitalis, Antihypertonika, "Regelung der Lebensweise" und sonstigen Maßnahmen war nutzlos geblieben.

Nach heutiger Nomenklatur waren es also Linksmyokardkranke, meist mit ergogener Linksinsuffizienz und Hypertrophieschädigung des linken Ventrikels, doch mit darüber noch hinausgehenden Linksdysthesien, Linksinnenschichtschäden, daher mit überdurchschnittlich intensiven Dyskardien. Also ein hochgradig infarktgefährdetes Krankengut, was sich auch aus der hohen Quote von einem Drittel anamnestischer Linksherzinfarkte bestätigte.

Alle diese Kranken erhielten Strophanthin; teils rektal (durch die Mikroklysmen des Züricher Klinikers EICHHORST), die übrigen intravenös. Auf sonstige Maßnahmen wurde weitgehend oder völlig verzichtet. Insbesondere "Koronar"-Mittel waren bei dieser Therapie entbehrlich. Die intravenöse Dosis betrug meist um 0,4 mg. Mit der heute verbreiteten Unterdosierung war und ist eine Stenokardie- und Infarktprophylaxe nicht möglich (Kap. 13 G f). Zur klinisch bewährten Dosierung rektalen Strophanthins vgl. Kap. 13 G d, f.

Alle diese Kranken hatten in kurzer Zeit ihre Stenokardien und Angina-pectoris-Anfälle völlig verloren; nach rascher Besserung von Tag zu Tag oft schon am 5. Tag, spätestens nach 15 Tagen. Nur wenige Kranke spürten auch danach noch geringfügige, "durchaus erträgliche" Dyskardien, die dann aber auch durch Koronarmittel oder sonstige Maßnahmen nicht zu beeinflussen waren.

Alle diese Kranken blieben unverändert und infarktfrei in diesem guten Zustand, solange sie (in der Klinik, im Sanatorium, in Nauheim oder in hausärztlicher Weiterbehandlung) mit Strophanthin versorgt waren. Die übliche Erhaltungsdosis hierfür war 0,4 mg zweimal die Woche intravenös. Alle diese Kranken bekamen aber auf Strophanthin-Pausen über kurz oder lang wieder ihre vorherigen Stenokardien oder Angina-pectoris-Anfälle. Doch erneuter Strophanthin-Einsatz brachte dann stets wieder den gleichen guten Erfolg.

Alle diese Kranken erfuhren solch erstaunliche Besserung aber nur mit Strophanthin. "Ein späteres Umsetzen von Strophanthin auf Digitalis hat sich noch in jedem einzelnen Fall als Fehlschlag erwiesen", d. h. die Anfälle traten "meist sofort" wieder auf. Die Wahl des Nicht-Strophanthus-Glykosids, z. B. auch von Lanata oder einem "vielleicht im übrigen strophanthinähnlichen" sonstigen Digitaloid, war für diese Stenokardie- und Infarkt-Prophylaxe "ziemlich gleichgültig"; jene erstaunliche Strophanthinwirkung hat kein anderes Herzglykosid.

1938 hat dann GOLD in Amerika aus großen Behandlungsreihen bestätigt, dass mit Digitalis in der Tat keine Besserung von Stenokardien, Angina pectoris usw. zu erreichen ist. Das entspricht der allgemeinen Praxiserfahrung auch sonst.

Eine katamnestische Erhebung über derart in Nauheim behandelte Kranke ergab:

Alle mit Strophanthin daheim weiterversorgten Kranken waren durchweg stenokardie-und infarktfrei geblieben, auch diejenigen, die früher schon Infarkte erlitten hatten, und selbst bei schwerer Berufstätigkeit, nachdem sie zuvor ohne Strophanthin schon lange berufsunfähig gewesen waren. Nur bei denjenigen Kranken, die mit (dem lästigen intravenösen) Strophanthin länger ausgesetzt hatten, waren die Angina-pectoris-Anfälle wieder in der alten Stärke und Gefährlichkeit aufgetreten. Rund 5% der Patienten waren schon im ersten Jahr des Strophanthinmangels gestorben, also in einer hohen Jahres-Todesrate (statistisch erwartbar weniger als 0,1%).

Für die große Zahl der 16 Jahre lang so behandelten Angina-pectoris- und Infarktkranken sind die Erfolge offenbar stets gleichartig gewesen. Dementsprechend hat EDENS

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in seiner Glykosidfibel das Ergebnis seines wichtigsten Lebenswerks lapidar dahin zusammengefasst, dass Strophanthinbehandlungen dyskardischer Infarktvorstufen unter allen Prophylaxearten "am wirksamsten dem Infarkt vorbeugen".

Nicht nur die Nachbehandlung klinisch anbehandelter Infarktgefährdeter mit Strophanthin, sondern auch ohne vorherige Klinik- oder Sanatoriumskur hat die Strophanthinversorgung solcher Kranker in der Ambulanzpraxis neben dem vollen Berufsalltag die gleichen Erfolge gezeigt: nie wieder das vollentwickelte Bild der Angina pectoris wie vor Strophanthin, höchstens geringe Dyskardien, und nie mehr Infarkte (BREMER aus Großstadtkrankengut in Bielefeld).

 

c) Deutungsversuche damaliger Zeit

EDENS selbst hatte anfangs noch versucht, seine Erfolge im Sinn der damals aktuellen Koronartheorie zu deuten: Der Herzschmerz sei eine Art "Kolik"-Schmerz von spastisch verengten Koronarien; aber das schmerzende Substrat dabei sei nicht das Myokard, für das EDENs keine gefäßspastische Ischämie vermutet hatte, sondern die Gefäßmediamuskulatur analog der Ureteren-Muskulatur bei der Harnleiterkolik; und so etwas entstehe durch eine Herzinsuffizienz, aber bekanntlich nicht durch "die" Insuffizienz "des" Herzens, und Strophanthin löse dabei durch intravenösen oder rektalen "Stoß" die Gefäßmediakontraktur, u. dgl. Die Deutungsversuche standen notwendigerweise ebenso in Widersprüchen mit sich und erwiesenen Fakten wie die Koronartheorie, auf der sie fußten und die sie hatten stützen wollen. Sie sind heute ebenso uninteressant geworden wie die Koronartheorie der Stenokardien und Infarkte.

Um so mehr kennzeichnet es EDENS' menschliche Größe, daß er es nicht nur zuließ, sondern einstimmte, als Schüler seiner Klinik mit exakterer Denktechnik statt solcher Koronar- und Stoß-Spekulationen die Konsequenzen explizierten, die sich implizite mit jenen großartigen Prophylaxe-Erfolgen präsentiert hatten.

 

d) Konsequenzen

Von den zahlreichen Konsequenzen, die ZIMMERMANN, doch auch WAGENFLELD, BREMER, PLÜGGE, BiRK u. a. abgeleitet haben, seien hier nur wenige gestreift. Sie decken sich überraschend mit den Resultaten der späteren Linksmyokardiologie- und Dysthesieforschung, die damals noch nicht bekannt waren, und mit den Erkenntnissen der älteren Arterien- und Atheromforschung, die damals schon wieder unbekannt waren. Erkannt wurde z. B.:

Die stenokardie- und infarktverhütende Wirkung des Strophanthins kann nicht über eine gefäßdilatierende Wirkung erklärt werden. Denn Strophanthin dilatiert nicht die Gefäße, und Gefäßdilatantien verhüten weder Stenokardien noch Infarkte.

Strophanthin hat nur eine Myokard-Wirkung. Auf das Myokard gerichtet und beschränkt muss also diejenige "besondere Art der Herzwirkung" sein, die "das Strophanthin instandsetzt, der wesentlichen organischen Ursache" von Stenokardien und Infarkten "entgegenzuwirken". Und diese Myokardwirkung muss in Bezug auf die verhinderten Stenokardien und Infarkte "kausal" sein, im Gegensatz zur immer nur symptomatischen Koronarbehandlung, die eben deshalb nicht prophylaktisch wirkt.

Die "allgemein überlegene Stellung des Strophanthins" über alle Glykoside ist nicht durch (zeit-quantitativen) "Stoß" erklärbar, wie EDENS vermutet hatte, auch sonst nicht durch irgendwelche quantitativen Unterschiede, sondern allein durch einen Wesensunterschied seiner besonderen Wirkungsart, d. h. qualitativ. Erst daraus ergeben sich "besondere Anzeigenstellungen" für das Strophanthin, und für sie ist es "nicht nur der Digitalis überlegen, sondern das einzige Mittel, das Hilfe bringt". Die reichen außerklinischen Erfahrungen von EDENS selbst und seinen Schülern hatten auch schon gezeigt, dass diese spezifischen Strophanthin-Indikationen die Masse aller Glykosidindikationen überhaupt ausmachen. Damit ist die Strophanthinbehandlung nicht nur qualitativ, sondern auch der Menge nach die "übergeordnete Herztherapie" schlechthin, Digitalis nur für seine wenigen Sonderfälle "eine ergänzende Methode".

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Jene "vorbeugenden" Erfolge sind zwar am besten, intensivsten oder überhaupt nur mit Strophanthin zu erzielen, doch nicht weil Strophanthin das (quantitativ) "stärkste" Glykosid sei, sondern weil es (qualitativ) anders als alle sonstigen Glykoside für diese Zwecke die allein zweckmäßige Besonderheit der Wirkungsweise hat.

Mit EDENS war sich auch seine Schule dessen bewußt, dass jener "kausale" und "myokardiale" (also nicht koronare) Faktor, der Stenokardien, und Infarkte verursacht mit irgendeiner neuen Form von "Herzinsuffizienz" zusammenhängen müsse, wenn auch erwiesen nicht mit "der" Insuffizienz "des" Herzens damaliger Nomenklatur (d. h. der Rechtsinsuffizienz), die ja weder Stenokardien noch Infarkte macht. Strophanthin wirkt infarktverhütend also durch "Beseitigung" des myokardialen "Anlasses" der Infarktpathogenese (EDENS 1941).

Noch nicht möglich war allerdings der entscheidende geistige Schritt zur chronischen ambulanten Linksinsuffizienz und sonstigen Linksmyokardiologie, von der EDENS und seine Schule noch nichts gewußt hatten, weder im Prinzip, noch in Symptomenbildern, Folgen usw. Denn die Dreiteilung des Insuffizienzgebiets mit Erarbeiten der Erscheinungsbilder, ein Verstehen der Infarkt-Linksspezifität aus der spezifischen Linksmyokardiologie usw. geschah erst seit 1945, nach dem Tod von EDENS und dem Erlöschen seiner Schule mit Readaptation ihrer Überlebenden an die Opinio communis.

 

e) Die Strophanthinbehandlung des akuten Infarkts

Neben der Infarkt-Verhütung mit Strophanthin war EDENS' zweite Hauptleistung die Strophanthin-Behandlung von Infarkten, die unverhütet entstanden waren. Zwar hat eine Behandlung von Krankheiten niemals den gleich hohen ärztlichen Rang wie ihre Verhütung. Doch bei so schweren Krankheiten wie dem Infarkt und bei der weit verbreiteten Insuffizienz ärztlicher Prophylaxeleistungen ist auch eine gute Therapie wichtig. Der Wert gerade dieser Infarkttherapie ist unmittelbar in Zahlen ablesbar:

Für die heutigen Behandlungsmethoden des frischen Infarkts, durchweg ohne alle myokardeuthetisierenden Maßnahmen, sind Sterbequoten über 30% üblich; vereinzelte Quoten zwischen 25 und 30% werden schon als "Fortschritte" gefeiert. Und dabei enthält dieses heutige "Infarkt"-Krankengut nach derzeitiger Terminologie mindestens zur Hälfte auch einfache stenokardische Kleinherddysthesien oder -nekrosen, sofern sie nur EKG-Symptome bieten, d. h. Anomalien ohne thrombotischen Infarkt, die ohnehin meist nicht zum Tod geführt hätten.

Zu EDENS' Zeiten wurden diese stenokardischen Dysthesieformen noch der "Angina pectoris" zugezählt und nur die massiven, großherdigen, hoch lebensgefährlichen thrombotischen Infarzierungen als "Infarkt" registriert. Diese im Durchschnitt also viel schwereren Infarkte behandelte EDENs durchweg vom ersten Augenblick an mit Strophanthin und konnte damit ihre Sterbequote auf weniger als 4% senken, ohne Koronarmittel oder Antikoagulantien, Cortisone, Sauerstoffzelte, Infusionen oder dgl. Zusatzmaßnahmen.

Nicht eingerechnet in diese Therapiestatistik sind moribunde Fälle, die schon bei der Einlieferung noch ohne Diagnose- oder Behandlungsmöglichkeit verstorben waren und erst durch Obduktion geklärt werden konnten, und Sonderformen nach Kap. 1 C 1 b wie z. B. luetische Koronarverschlüsse, die nicht zum Thema dieser Infarktstudie gehören.

Selbst wenn man aber - erwiesen unrichtig - unterstellte, das heutige "Infarkt"-Krankengut enthalte ebenso viele echte, lebensgefährlich schwere thrombogene Infarkte wie das damalige Krankengut von EDENS, in dessen Spezialklinik schwerste Fälle zusammenkamen, dann läge die Relation von heute um 30%, damals weniger als 4% tödlichem Ausgang bei etwa 8:1. Das heißt: von acht Infarktkranken, die nach heutigem Therapieschema ohne Strophanthin trotz hochtechnifizierter "Intensivpflege" sterben, konnte EDENS ohne solche Pflege allein mit Strophanthin sieben am Leben erhalten, mehr als 80%. Der Erfolg ist nicht nur ärztlich erstaunlich, sondern auch theoretisch aufschlußreich: Er

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zwingt dazu, Pathogenesen und Todesursachen der "Infarkte" (mit oder ohne Thrombosen) wesentlich anders zu interpretieren, als es heute üblich ist. Die Frage der finalen Hochthrombose z. B. wurde in Kap. 5 E c in diesem Licht analysiert.

Krankheitsbild und hohe Sterbequote des Infarkts waren schon damals bekannt genug, um EDENS' Überlebensquote von mehr als 96% dank Strophanthin als "sensationell" empfinden zu lassen. Dieses berechtigte Staunen bezog sich aber nicht nur auf die hohe Zahl der Erfolge, sondern mehr noch auf die damalige Unverständlichkeit ihres Zustandekommens: Wie könne denn einem bereits irreversibel nekrotischen Gewebe durch irgendein Mittel noch geholfen werden? Wie sei überhaupt ein "koronares Geschehen" durch ein Pharmakon ohne jede Koronarwirkung zu beeinflussen? Welchen Sinn und Nutzen könne ausgerechnet ein Herzinsuffizienzmittel haben, gerade bei Infarktkranken, die doch so evident nicht an "der" Insuffizienz "des" Herzens, d. h. der heutigen Rechtsinsuffizienz leiden? Ob die Erfolgsberichte nicht auf Irrtum beruhten?

Doch wo auch immer Versuche einer Nachprüfung gewagt wurden, ergaben sie das Gleiche: Die Infarktkranken überwinden ihren Schock überraschend schnell, werden in wesentlich kürzerer Frist beschwerdefrei, frischer, kräftiger, sie können meist schon nach Wochen Bett und Klinik verlassen, wo sonst monatelang verzögerte Rekonvaleszenzen üblich sind, und unter fortgesetzter Strophanthinversorgung infarktgeschädigter Herzen ist auch die Invaliditätsquote signifikant niedriger, die Rehabilitation bemerkenswert erfolgreicher.

Durch die kardiologische Dysthesieforschung seit 1945 sind diese Erfolge verständlich geworden und damit auch hygiogenetisch zwangsläufig reproduzierbar:

Ein linker Ventrikel, der sich bis zum thrombotischen Linksinfarkt verschlechtert hat, ist ja stets zuvor schon stark dysthetisch gewesen: meist im Sinn einer ergogenen Linksinsuffizienz infolge Hypertonie mit Hypertrophieschäden seiner Innenschichten, oft noch mit präexistenten oder superponierten Infektschäden u. dgl. Dazu kommen noch die akuten Zusatznoxen, die den Nekrotisierungs- und Infarzierungsprozeß in Gang gebracht haben, aber nicht nur das dann absterbende Gewebe dysthetisiert haben, sondern auch den ganzen übrigen linken Ventrikel (stets mit multiplen Innenschicht-Kleinherdnekrosen auch außerhalb des infarzierten Bezirks), z. T. auch die übrigen drei Herzabschnitte. Und ist ein Teil des linken Ventrikels erst einmal durch Infarktnekrosen ausgefallen, so hat das überlebende restliche Linksmyokard sofort allein die Arbeit des ursprünglich ganzen Ventrikels aufzubringen, also mit beträchtlicher Zusatzüberlastung, oft noch unter den erschwerenden Bedingungen einer Schmerzhypertonie oder Kollapsischämie. Dazu kommen hochwahrscheinlich oft auch noch Innenschicht-Ischämieschäden durch solche akute Linksinsuffizienz nach Kap. 2 F b 2 und 5 E c, vielleicht auch akute Autoaggressionsprozesse nach Kap. 2 F b 3 u. dgl. mehr. Die Todesursache dieser Kranken in einem vermeintlichen Koronarverschluß durch finale Hochthrombosen zu suchen, ist also in der Regel nicht nur aus den Koronarverhältnissen unbegründet (Kap. 5 E c), sondern auch angesichts der katastrophalen Myokardsituation entbehrlich. Was unter dieser Vielzahl einander potenzierender präexistenter und zusätzlicher Schäden und Überlastungen für das überlebende Linksmyokard merkwürdig erscheinen muss, ist nicht der tödliche Stillstand, sondern dass dieser Tod nicht noch häufiger eintritt. Das Restmyokard Infarktkranker ist also stets extrem energiesierungs- und sonst euthetisierungsbedürftig, also besonders spezifisch auf Strophanthin und Zusatzeuthetika angewiesen.

Diese Zusammenhänge gelten dann auch für die Dauer-Nachbehandlung nach Abheilung der akuten Katastrophe (Rehabilitierung). Denn ein Linksmyokard, das zum Linksinfarkt disponiert ist (wie erst recht nach einem vorherigen Linksinfarkt), ist schon ohnehin euthetisierungsbedürftig - daher ja die prophylaktische Wirkung solcher Euthetisierung. Und dieser gleiche Euthetisierungsbedarf besteht nach der Katastrophe um so stärker, aus

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den genannten Gründen, die einen Re-Infarkt stets wahrscheinlicher machen als einen Erstinfarkt. Die Rezidivprophylaxe ist bei der Irreversibilität jener Dysthesien (Infarktvoraussetzungen wie -folgen) in der Regel lebenslänglich notwendig, wenn auch oft nicht mehr so intensiv wie im akuten Infarzierungsstadium.

Digitalis läßt diese Erfolge nicht erzielen, wirkt vielmehr - wie auch sonst bei stärker dysthetischen linken Herzen - oft nur zusätzlich schädlich. "Bekanntlich sind ausnahmslos alle Infarktherzen besonders digitalisempfindlich" (WOLLHEIM 1968, zit. nach ReferomedBayer 39/1968).

 

 

f) Edens' "Kunstfehler"-Vorwurf

Diese imposante Strophanthin-Prophylaxe und -Behandlung von Stenokardien und Infarkten wurde von EDENS und seiner Schule 16 Jahre lang an riesigem Krankengut in Kliniken, Sanatorien und Praxen angewendet. Sie erwies sich stets als so beglückend erfolgreich, ja "lebensrettend", daß sie als historische "Wende" im Verlauf dieses Leidens gefeiert wurde, das den höchsten Todesquotienten aller Krankheiten überhaupt aufweist.

Die Erfolge waren so evident, statistisch so signifikant, dass EDENS sich nach 15jähriger Bewährung aus ärztlichem Gewissen zu einem ungewöhnlich harten Vorwurf verpflichtet fühlte: dass bald "die Zeit kommen würde, in der man die Unterlassung der rechtzeitigen Strophanthinbehandlung als Kunstfehler verurteilen werde". So wörtlich in der "Digitalisbehandlung", 3. Aufl. 1943/48.

Iatrogene Krankheiten nehmen auch sonst in der Welt erschreckend zu: Die erstaunlich wachsenden Möglichkeiten, chemisch und technisch auf lebende Menschen einzuwirken, mehren ständig auch die Schäden hierdurch. Und dazu kommen noch Eigentümlichkeiten des modernen "Klinizismus" (v. WEIZSÄCKER; vgl. Kap. 6) als Ursachen mancher Fehlentwicklung. Sie sind samt ihren iatrogenen Schäden zunehmend Thema von Buchmonographien, Fortbildungskursen, Presseartikeln usw. Vgl. z. B. SPAIN, CURTIUS.

Aber der unbefangene Eifer im Aufzeigen dieser Folgen in der Medizin spiegelt nur das schuldlose Gewissen: Niemand habe es bei dieser Fehlstruktur und Fehlfunktion des wichtigsten akademischen Fachs besser wissen, durchdenken, prüfen oder vorhersehen können, niemand sei ja doch in Wissenschafts-Methodologie geschult.

Anders jedoch auf dem Gebiet der Infarkt-Prophylaxe. Hier geht es nicht um jene Redensart, die nachträglich immer so einfach ist: Bei sorgfältigerem Denken hätte man die gleichen Erfolge schon vor 40 Jahren haben können, weil alle Voraussetzungen auch damals schon gegeben waren.

Sondern es geht um das erschütternde Faktum: wir haben bereits vor 40 Jahren diese Prophylaxe von Stenokardien und Infarkten gehabt, sie hat sich über 15 Jahre so signifikant bewährt, dass schon die Frage strafrechtlicher Konsequenzen fahrlässiger Unterlassung mit dem "Kunstfehler"-Vorwurf öffentlich im Raum stand, und die reiche Publizistik hierüber ist in jeder Klinik-, Ärzte- oder Hochschulbücherei einzusehen, bei vielen Ärzten auch im Bücherschrank. Gerade kardiologisch orientierte Kliniken, die mit dem heutigen Modethema der Glykosid-Differentialtherapie notwendig auf der klassischen Standardliteratur der EDENS-Schule fußen, müßten pflichtgemäß die darin niedergelegte Infarktprophylaxe kennen und anwenden. Aber gerade hier ist sie nirgends mehr bekannt, nirgends mehr angewendet.

Auch die hier folgende Katamnese kann dieses Phänomen nur historisch nachzeichnen, nicht auf ärztlich verständliche Weise erklären.

 

g) Katamnese: Würdigung und Untergang dieses Fortschritts

Jene Strophanthinprophylaxe von Stenokardien und Infarkten war nicht nur auf EDENS' unmittelbare Schüler beschränkt, sondern zeitigte gleichartige Erfolge auch in denjenigen Ärztekreisen, die in EDENs' Düsseldorfer Umgebung häufigeren Aufklärungen durch seine Klinik zugänglich waren. Analog in der Umgebung Heidelbergs durch das

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persönliche Wirken FRAENKELS. WEESE, der damals führende Herzglykosid-Pharmakologe Deutschlands, hob noch aus persönlicher Kenntnis dieser Tatsachen hervor, dass in den gut geschulten Ärztekreisen jener zwei Bezirke dank guter Strophanthinbehandlungen ödematöse Herzinsuffizienzen, Stenokardien und Infarkte als ihre "Schrecken" kaum noch vorgekommen sind, im Gegensatz zur vorherigen Digitalis-Ära. Ebenso wie es ja auch heute noch und wieder der Fall ist, wo Strophanthin richtig indiziert, richtig dosiert eingesetzt wird.

Mit ausdrücklichem Hinweis gerade auf diese spezifischen Strophanthinerfolge rühmte der Heidelberger Hochschulpharmakologe EICHHOLTZ in seinem Lehrbuch für Arzte und Studierende den Strophanthingebrauch als "gewaltigen", ja als schlechthin "den größten Fortschritt in der Herztherapie nach WITHERING" 1785. Denn mit WITHERINGS Digitalis sind diese Erfolge ja nicht erzielbar, wie jenen Glykosidpharmakologen schon aus den tierpharmakologischen Unterschieden der Glykoside verständlich gewesen war.

Diese hochschulmedizinische Würdigung des "größten" Fortschritts hat durch die mittlerweile "größte" Letalität der durch ihn verhütbaren Herzkrankheiten in der Gesamtsterbestatistik noch fatal an Richtigkeit gewonnen.

Aber schon EDENS und seine Schüler führten Klage darüber, dass außer praktizierenden Arzten keine Klinik diesen Fortschritt aufgreife. Es geschah nicht einmal zu einigen ersten, wenn auch skeptischen Nachahmungsversuchen; weder aus wissenschaftlicher Neugier an unerhört Neuem, noch aus beruflicher Fortbildungspflicht oder gar ärztlichem Verantwortungsbewußtsein gegenüber den Kranken und ihrem "Killer Nr. l". In außerdeutschen Ländern wurde dieser Fortschritt ohnehin nicht bekannt, weil Deutschland damals politisch, später militärisch abgesondert war.

Dann kam EDENs' Tod 1944, der Zusammenbruch deutscher Medizin und Wissenschaftlichkeits-Tradition 1945, das Erlöschen der EDENS-Schule, das Abhängigwerden einer neuen deutschen Medizinerschaft von ausländischen Anschauungen, die an einem Jahrhundert wissenschaftlicher Strophanthinforschung und -nutzung noch keinen Anteil hatten - und wie so oft in der Medizingeschichte wiederholte sich das deprimierend rätselhafte Phänomen: Selbst wichtigste Fortschritte, sogar wenn sie wie hier viele Millionen Todesfälle verhütet hätten, ja beträchtlichenteils schon verhütet haben, gehen wieder verloren, als hätten sie nie existiert.